Tief unten
Wer Lachsläuse bekämpft, weckt auch Seeungeheuer: Pål Øies Ökohorrorfilm »Kraken«
Wissen Sie, was das größte Lebewesen unseres Planeten ist? Der Blauwal vielleicht mit seinen bis zu 33 Metern Länge? Weit gefehlt! Der größte lebende Organismus der Erde ist die 4.500 Jahre alte Seegraswiese Posidonia australis vor der Westküste des Fünften Kontinents. Sie erstreckt sich über 20.000 Hektar (circa 200 Quadratkilometer) und entstand durch das ununterbrochene Wachstum einer einzigen Pflanze. Der Riesenpilz Dunkler Hallimasch (Armillaria ostoyae) bedeckt als unterirdisches Netzwerk im US-Bundesstaat Oregon eine Fläche von fast neun Quadratkilometern und ist damit das zweitgrößte Lebewesen. Dagegen nimmt sich das Seeungeheuer »Krake« in Erik Pontoppidans Werk »Versuch einer natürlichen Historie von Norwegen« (1753) mit einer Länge von 2,5 Kilometern geradezu moderat aus. Und ist zudem nur Seemannsgarn. Starker Tobak, aber faszinierend.
Der Schrecken der Meere gehört zur nordischen Mythologie. In der im 12. Jahrhundert verfassten »Sverris saga« über König Sverre Sigurdsson ist er ein kolossales Geschöpf (groß wie eine Insel), das Schiffe mit seinen Tentakeln in die Tiefe ziehen oder sie mit dem Erzeugen eines Malstroms versenken kann. Im Lauf der Jahrhunderte schrumpfte er kontinuierlich zu aber immer noch gewaltigeren Ausmaßen. Filmregisseur Pål Øie nahm sich in »Kraken – Erwachen der Tiefe« des Stoffes für das Kino an. Sein überraschend gelungen getrickstes menschenfressendes Monster (eine Mischung aus glitschigen, praktischen und CGI-Effekten), dessen zoologisches Vorbild der tatsächlich existierende Riesenkalmar ist, der mit seinen Saugnäpfen sogar Narben auf der Haut von Pottwalen hinterlassen kann, bringt es mit seinen Fangarmen immerhin auf 200 Meter.
Inhaltlich wird von seinem Drehbuchautorentrio Vilde Eide, Natasha Arthur und Kjersti Helen Rasmussen mehr oder weniger geschickt eine zwingend notwendige Ökobotschaft in den 90minütigen Horrorthriller eingebaut: Nachdem zahlreiche Fische aus dem Sognefjord regelrecht an Land gesprungen und zudem zwei Jetskitouristen spurlos verschwunden sind, wird Meeresbiologin Johanne (Sara Khorami) zur Inspektion einer Lachszucht beordert, für die auch ihr Exfreund Erik (Mikkel Bratt Silset) arbeitet. Die Station nutzt eine neue Technologie, die mittels Schallwellen einer bestimmten Frequenz unerwünschte Lachsläuse abtötet, während die Speisefische dadurch keinerlei Schaden nehmen. Es stellt sich jedoch heraus, dass die Anlage von Besitzer Avaldsnes (Øyvind Brandtzæg) absichtlich falsch kalibriert wurde, um japanische Investoren für eine Expansion zu begeistern. Unerfreulicher Nebeneffekt ist, dass die höhere Dosierung auch eine gigantische Krake von Parasiten befreit und die sich nun von den Menschen äußerst gestört fühlt …
Überzeugende Spezialeffekte und der für zusätzliche Gänsehaut sorgende Soundtrack von Roy Westad, der mit schmalem Budget dem typischen Ethnogedudel mit nervigen Trommeleinschüben seines schwedischen Kollegen Ludwig Göransson für Christopher Nolans überschätzten Blockbuster »Die Odyssee« (2026) weit überlegen ist, stehen ein hölzernes Skript und flache Charaktere gegenüber. Das letzte Filmdrittel dreht bei dem an Originalschauplätzen in Norwegen und Finnland gedrehten, sich vor Steven Spielbergs »Der weiße Hai« (1975) und James Camerons »Aliens – Die Rückkehr« (1986) verbeugenden Low-Budget-Grusler derart an der Spannungsschraube, dass man sich heute schon auf die in der Schlusssequenz angedeutete Fortsetzung freut.
»Kraken – Erwachen der Tiefe«, Regie: Pål Øie, Norwegen 2026, 100 Min., bereits angelaufen
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