Da hilft nur Pegging
Olivia Wildes leider belanglose Beziehungssatire »The Invite«
Olivia Wilde wurde vor gut 15 Jahren zum Star. In Joseph Kosinskis »Tron: Legacy« (2010) gab sie dem humanoiden Computerprogramm Quorra ein ausgesprochen cooles Gesicht, auch dank ihr gelang die vor allem stilistisch atemberaubende Fortsetzung von Disneys bis heute innovativster Produktion »Tron« (1982, Regie: Steven Lisberger). Die am 10. März 1984 in New York City als Olivia Jane Cockburn geborene Schauspielerin, die ihren Künstlernamen in Anlehnung an den von ihr verehrten Schriftsteller Oscar Wilde wählte, kann auch Regie führen. Das bewies sie mit den Kurzfilmen »Free Hugs« (2011) und »Wake Up« (2020) sowie der Komödie »Booksmart« (2019) und dem Thriller »Don’t Worry Darling« (2022). Ihr auf analogem 35-Millimeter-Filmmaterial gedrehter neuester Film »The Invite« ist eine auf Hochglanz polierte, dialoglastige Beziehungssatire. Trotz Starbesetzung kann sie dem spanischen Original »Sentimental« (2020) von Cesc Gay, das wiederum auf Gays Theaterstück »Els veïns de dalt / Los vecinos de arriba« basiert, nicht das Wasser reichen.
Die Ausgangslage ist nicht neu, aber reizvoll: Joe (Seth Rogen), ein nur einen Sommer lang erfolgreicher Rockmusiker und aktuell Gastdozent an einem Konservatorium, und seine sexuell unausgelastete Frau Angela (Olivia Wilde) haben eine waschechte Ehekrise. An diesem Abend will er einfach nur seine Ruhe haben. Doch Angela macht ihm einen Strich durch die Rechnung: Sie hat ihre Nachbarn aus dem Stockwerk darüber zum Essen eingeladen, die Psychotherapeutin Piña (Penélope Cruz) und den Masseur Hawk (Edward Norton). Lockerer wird das vorerst verkrampfte Gespräch, als das scheinbar perfekte Paar schonungslos über die Ursprünge des lauten nächtlichen Stöhnens auspackt, welches Seth und Angela regelmäßig um den Schlaf bringt. Die Geräusche stammen nicht nur von den beiden, sondern auch von anderen. Und nun haben Piña und Hawk für ihre Orgien zwei weitere Gäste im Blick …
Nach den 107 kurzweilig-belanglosen Minuten mit einem vor allem die Fremdscham stimulierenden verbalen Schlagabtausch über Pegging und andere Sexualpraktiken fragt man sich, warum es nach der Premiere beim Sundance Film Festival vor etwas mehr als einem halben Jahr eigentlich ein Wettbieten der Filmstudios darum gab. Damals trugen Olivia Wilde und einige andere Prominente wie Natalie Portman übrigens Anstecker mit der Aufschrift »ICE Out«, womit sie u. a. gegen die Tötung des Krankenpflegers Alex Pretti am 24. Januar 2026 in Minneapolis durch Bundespolizisten der United States Border Patrol (USBP) protestierten. Den Bieterstreit gewann das Filmstudio A 24 (»Civil War«, 2024; »Marty Supreme«, 2026), es stach Konkurrenten wie Apple TV, Netflix und Searchlight Pictures aus.
Man muss dem etwas geschwätzigen Hollywoodkammerspiel zugute halten, dass das illustre Darstellerquartett vor Spielfreude nur so strotzt. Vor allem der immer noch jugendlich wirkende Edward Norton und die blondierte Penélope Cruz geben ihrem Affen gehörig Zucker. Nette Auseinandersetzungen über alte Kränkungen, gescheiterte Träume und nicht ausgelebte Sehnsüchte hin oder her: Die Neuverfilmung bleibt harmlose Unterhaltung von bildungsbürgerlichen Spießern unserer ach so modernen Zeit. Weitaus witziger (und entlarvender) ist dagegen Sabine Boss’ Version »Die Nachbarn von oben« (2023). Dessen Publikum muss freilich Schwizerdütsch verstehen.
→ »The Invite«, Regie: Olivia Wilde, USA 2026, 107 Min., Kinostart: heute
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