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HipHop

Das Gras wächst wieder

Ob von Gott gesegnet oder einfach ganz gut: Das erste rein spanische Album »Dios Bendiga« von Cypress Hill lässt sich hören

Foto: Cypress Hill Musik Inc.
Vergiss nicht, wo du herkommst: Cypress Hill

Kein Zweifel, es herrscht High Time für Latin-Musik. Der Musikstreamer Spotify etwa verkündete vergangenes Jahr einen einschlägigen Anstieg (lies heuer: Aufwuchs) um knapp 1.000 Prozent über die letzten zehn Jahre, Tendenz weiter steigend. Der aus Puerto Rico stammende US-Latin-Reggaeton-Rap-Sänger Bad Bunny wird als derzeit erfolgreichster Musiker weltweit gehandelt. Klar, dass die üblichen Verdächtigen (von Nicki Minaj über Billie Eilish und Ed Sheeran) auf den Zug Richtung noch ekliger gierigem Erfolg aufspringen und ihren Output entsprechend latinisieren.

Kann man dieses Motiv nun auch den Hombres vom Zypressenhügel unterbügeln? Gute Gründe sprechen dagegen. Erstens brauchen B-Real, Sen Dog und Eric Bobo High Times nicht erst hinterherzujagen. Ein Interview reicht, um zu sehen, dass die rabiat Rauchenden ihre Sportzigaretten allenfalls aus der Hand geben, um sie weiterzureichen. Seitdem der Latino-Schmusemucker Ricky Martin die Sache ins Rollen brachte, hätten die Pendejos auch alle Zeit gehabt, ihren ohnehin riesigen weltweiten Kredit in den Latino-Communitys mit einem wie dem nun vorliegenden Album »Dios Bendiga« auszubauen. Drittens und deutlichst kenne ich keine anderen Musiker, die den Latino-Style so in die westliche Popwelt gebracht hätten, wie es Cypress Hill taten. Wer bis Mitte der 90er noch nichts von ihnen gehört hatte, rauchte in den Schulpausen jedenfalls nicht mit den cooleren Kids; ein jedes kannte wenigstens das zweite Album (»Black Sunday«, 1993) der seit 1988 aktiven Tripulación (lies: Crew), und wer genauer hinhörte, konnte auch damals schon mitkriegen: Das Alphabet realer Rapper kann auch mal nur von »A to the motherfucking K« reichen, um damit dennoch alles ausbuchstabieren zu können. Jeden Scheiß(buchstaben) mitmachen, muss man jedenfalls nicht.

Und so dauerte das – lässt man die spanisch eingerappte Best-of-Compilation von 1999 außen vor – halt 38 Karrierejahre bis zur ersten genuin spanischen Platte, die man den Fans schon viele Jahre versprochen hatte. Hätten sich Cypress Hill früher daran versucht, hätten sie es mit einer weniger ausdifferenzierten spanischsprachigen HipHop-Szene mit weniger Rapskills und Selbstvertrauen zu tun bekommen, in der sie nun versuchen, ihren Fußabdruck zu hinterlassen. Darin einen Platz zu finden, wäre in Zukunft auch günstig, meinte doch auch B-Real im Interview mit Billboard Argentina, das Album diene »als klare Erinnerung daran, dass unser Kulturerbe kein Trend, sondern ein göttliches Vermächtnis und eine globale Zukunft ist«, man erlebe schließlich eine »historische Ära für Latin-Rap«.

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Lassen wir die Gretchenfrage in bezug auf B-Real und Cypress Hill einmal weg, bedeutet der Albumtitel »Dios Bendiga« jedenfalls »von Gott gesegnet«, wobei ich es bibeltreueren, sich des Spanischen und der Latinmucke besser kundig Meinenden überlassen mag, wie weit dies Gottesurteil im Ergebnis eingelöst wurde. Der vorab releaste, per Alemán gefeaturete Openerhit »Wacha Trucha« ruft dazu auf, trotz Erfolg die eigene Herkunft nicht zu vergessen und wachsam zu bleiben, sich nicht täuschen zu lassen, ganz rapreal: »No olvidé de dónde vengo y el barrio que me creó« (»Ich habe nicht vergessen, woher ich komme und welches Viertel mich geprägt hat«). Das hat zwar Jennifer Lopez in ihrem Hit »Jenny From the Block« schon 2002 ähnlich behauptet, glauben möchte ich es Cypress Hill aber lieber ein bisschen mehr. Und doch doch, fusioniert ganz gut, der altbekannte Style mit dem neuen Latinbeatsvibe, der sich laut B-Real bereits beim nicht ganz leichten Schreibprozess auf Spanisch ergab.

Der zweite Song »Campeones« (Meister) featured den früh aus der Crew ausgestiegenen Mellow Man Ace, der also vom Status der Latin-HipHop-Pioniere monetär wenig profitiert, aber hier zeigt, wie gemeinsame Geschichte und Durchhaltewillen die frühe Bandgeschichte mit der Gegenwart und diese mit der Zukunft glaubhaft verknüpfen können. Dieser ist der tonangebende und für mich beste Song des Albums. Der zweite Stern auf der Authentizitätsskala ist somit vergeben.

Es folgen weitere zehn Songs über Grasziehen im eigenen Garten (»Rosas Verdes«), darüber, wann es vorzuziehen ist, die Beine in die Hand zu nehmen (»Run«), von großen Träumen und tiefem Fallen (»Sueños«), Durchhalten (»Estamos Listos«), Gewalt, Krieg, Straße (»Voló«), Furchtlosigkeit (»No Tengo Miedo«) bis wieder hin zum für ein mit »Otra« auch so überschriebenes Outro per relaxendem Grasgenuss. Mit Features wie Coyote, Sick Jacken oder Trueno haben sich Cypress Hill dabei Leute in den grünen Garten geholt, die in der Tat zeigen, was sich derzeit so in Sachen Latin-Rap tut.

Das Album gehört nicht zu den drei besten der Diskographie, wird Stück für Stück auch eher schwächer, ist aber ein solides geworden, das Latino-Beats bislang eher hüftsteif und metallgesichtig gegenüberhörenden Grummlern wie mir indes aufzeigen könnte, dass der Musikwelt Schlechteres passieren könnte als ihre auch zukünftige Latinisierung. Auch dies ein weiterer, vielleicht notwendiger Schritt vom A zum mutterfickenden K.

→Cypress Hill: »Dios Bendiga« (Hybe Latin America)

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.08.2026, Seite 10, Feuilleton

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