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Aus: Ausgabe vom 21.05.2024, Seite 11 / Feuilleton
HipHop

»Okay, die Tschuschen sind da!«

Seit 2017 produziert das Geschwisterduo EsRap migrantischen HipHop in Wien-Ottakring. Ein Gespräch mit Enes Özmen
Von Dominika Krejs
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Esra und Enes alias EsRap: HipHop aus Wien-Ottakring

Enes Özmen, Sie haben gemeinsam mit Ihrer Schwester Esra Özmen vor mehr als fünfzehn Jahren zu rappen begonnen. Wie hat sich das Bandprojekt seither entwickelt?

Ab 2005 hat sich türkischer Rap unter Austrotürken in Wien rasant verbreitet. Esra hat damals begonnen, eigene Texte zu schreiben, was sie gut kann. Ich habe nur gesungen. Später haben wir ein paar Sachen mit Chico Baba, einem Rapper mit Studio in Wien, aufgenommen. Er zeigte Esra, wie man rappt und Texte schreibt. Sie hat getextet und wir das Recording gemacht. Als nächstes haben wir begonnen, Arabesk-Musik zu produzieren – eine orientalische Interpretation im türkischen Pop –, dazu habe ich dann gesungen. 2009 haben wir gemeinsam die ersten Songs aufgenommen und im Jugendzentrum gespielt, später dann bei Festivals, in Kunsträumen und an Universitäten. Seit rund sechs Jahren haben wir einen Manager und ein Label. Wir sind sozusagen professionell geworden.

Wie entstehen Ihre Songs? Machen Sie beide Text und Musik oder teilen Sie diese Bereiche untereinander auf?

Esra und ich schreiben getrennt voneinander. Wir überlegen uns ein Thema, das ist das Schwierigste. Dann setzen wir uns ins Studio oder ins Auto und texten. Manchmal schreiben wir die Songs innerhalb von fünf Minuten, andere Lieder brauchen viel Zeit. Türkinnen und Türken, Jugos und Menschen aus Österreich müssen sie gleichermaßen verstehen können. Unsere Themen sind Migration, Fremde im eigenen Land, Identität, aber auch Liebe, weil Liebe das Schönste im Leben ist. Manchmal geht es aber auch um Hass und Wut.

Gasmac Gilmore sind unsere Rap-Producer, die für uns Beats machen. Wir sagen ihnen, wie wir sie haben wollen und basteln das dann gemeinsam zusammen. Sie machen die Melodie und wir den Text. Gasmac Gilmor sind auch Komponisten. Manchmal wollen sie etwas, und wir wollen etwas anderes. Man muss Kompromisse eingehen, damit die Zusammenarbeit klappt. Immer wieder die Mitte ­finden.

Wie kommt es, dass Esra die härteren Sounds rappt und Sie die melodischen Arabesque-Passagen übernehmen?

HipHop und Gangster-Rap sind bis heute männerdominiert: Der Mann rappt, die Frau wird meist erotisiert dargestellt und steht vor dem Auto. Bei uns ist das nicht so: Esra ist die Macho und ich bin der Sanfte. So war es von Anfang an. Wir haben uns nicht gedacht, du willst rappen, ich singen, sondern ich habe gesungen, weil ich singen konnte. Rappen war für mich am Anfang schwierig, mittlerweile kann ich es aber auch sehr gut. Esra konnte besser rappen, weil sie gut texten konnte. Wir sind so: Esra macht die Maskuline und ich den Femininen.

Wie kommen Sie zu Ihren Auftrittsorten? Geht es Ihnen eher um die Rückeroberung der Straße oder um das, was man Hochkultur nennt?

Die Wiener HipHop-Szene ist anders als die in Deutschland. Für die passen unsere Texte, unser Style nicht. Wir sind einige Male bei Gangster-Rap-Konzerten im 20. Bezirk aufgetreten, sind aber öfter bei künstlerischen und musikalischen Veranstaltungen präsent. Zuletzt hatten wir ein »Walking Konzert« auf der Straße, bei dem man mit Kopfhörern durch den Brunnenmarkt oder den Meidlinger Markt geht. Und wir veranstalten Konzerte in Jugendzentren, Galerien, bei Eröffnungen, Festivals und im Wiener Radiokulturhaus.

Sie beide sind Austrotürken der dritten Generation. Neuerdings gilt das als cool, Sie haben aber sicherlich auch Erfahrungen mit Rassismus gemacht.

Mehr noch als um Rassismus geht es mir um das Gefühl, fremd gemacht zu werden. Ob es wirklich Rassismus oder nur die typische Wiener Unfreundlichkeit ist, weiß man nicht unbedingt. Natürlich haben wir im Schulsystem, bei Behörden und der Polizei Rassismus erlebt. Es war nicht so, dass sie uns ins Gesicht gespuckt haben. In der Schule bin ich zum Beispiel viermal sitzen geblieben, obwohl ich sehr fleißig war. Da läuft im System etwas falsch – sei es bei Schulbildung oder im Beruf.

Es kommt allerdings sehr auf das Milieu an, in dem man sich bewegt. In meinem eigenen Umfeld habe ich viel mehr Selbstbewusstsein. Letztens hatte ich zum Beispiel ein Problem mit »Wiener Wohnen« (Anm.: Institution der staatlichen Wohnungsvergabe in Wien) wegen meiner Wohnung. Als ich sagte, dass ich Musik mache und nicht zu Hause bin, kam: »Ach so, er ist der Bruder von Esra. Kein Pro­blem.« Das ist ein Privileg. Aber das Gegenteil davon erlebe ich auch oft – ich bin sozusagen dazwischen.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Publikum bei Liveauftritten? Hatten Sie auch schon mal die Situation, dass einfach nichts in Bewegung kam?

Auf der Bühne passt es meistens bei uns. Wir kriegen immer wieder Komplimente von unserem Publikum. Wenn das Publikum aufmerksam ist, macht mich das glücklich. Seltener hatten wir Konzerte, zu denen Menschen nicht unseretwegen gekommen waren, sondern nur, weil sie Musik brauchten. Wenn die Leute nicht zuhören, sondern tratschen, ist das ein schlechtes Konzert. Meistens ist es aber anders. Im letzten Jahr ist ein junger Typ zu uns gekommen und hat gesagt: »Danke für das Konzert, es hat mir gut gefallen! Ich bin Jugo und ihr repräsentiert mich.« Was für ein Kompliment! Da kann ich nur sagen: Danke Bruder!

In Ihrem Song »Der Tschusch ist da« benutzten Sie ganz bewusst das Wort »Tschusch« – es kommt aus dem Wienerischen und war anfangs eine abwertende Bezeichnung für Menschen aus Jugoslawien, später auch für andere Personen ohne österreichischen Pass. Funktioniert die Umdeutung – ähnlich wie etwa bei dem Wort »queer« – für Sie, obwohl »Tschusch« bis heute abwertend gebraucht wird?

Wenn man die ganze Zeit über als »Tschusch« bezeichnet wird, verändert das etwas. Irgendwann heißt es dann aber auch: Okay, die »Tschuschen« sind da! Es gibt ja nicht nur kriminelle »Tschuschen«, sondern auch solche, die etwas leisten und lieb sind. Wenn man zu jemandem »Hey, Fettsack!« sagt, und der sagt dann: »Hey, ich bin fett, okay«, dann kann man ihn eigentlich nicht mehr beleidigen. Ich glaube, das ist ein Schutzmechanismus. Meistens ist »Tschusch« nach wie vor abwertend zu verstehen, und es macht mich traurig, wenn jemand zu mir kommt und sagt: »Hey, Tschusch«. Am Ende kommt es aber auf die Art und Weise an, wie man es sagt und von wem es kommt.

In den letzten Jahren hat sich die HipHop-Gruppe EsRap zu einer widerständigen Popformation aus Wien entwickelt. EsRaps Musik verbindet moderne HipHop-Beats mit traditioneller Arabesk-Musik, die deutsch-türkischen Lyrics umkreisen Themen wie Identität, Frausein im männerdominierten HipHop und das Fremdsein der dritten Generation im eigenen Land. Esra performt die harten und schnellen Reime, während ihr Bruder Enes die melodischeren Parts übernimmt. Auf ihr 2019er Debütalbum »Tschuschistan« (Springstoff) folgten 2020 »Mamafih« (Springstoff) und im Jahr 2023 »… weil sie Wien nicht kennen«, ebenfalls in Berlin aufgenommen. Das letzte Album hat EsRap gemeinsam mit der Musikformation Gasmac Gilmore produziert. Am 24. Mai tritt das Duo gemeinsam mit anderen in der Location Szene Wien auf

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