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Kino

Täuschung und Talent

Wer den Ton nicht angeben kann, mag nach eigenen Noten spielen: Jean-Paul Salomés Film »Der perfekte Schein – Der Fall Bojarski«

Foto: 2025 Guy Ferrandis – Le Bureau Films – Les Compagnons du Cinema_PROGRESS Filmverleih
Not macht erfinderisch: Czesław Bojarski und sein Meisterwerk »Bonaparte«

Das Blabla von L’art pour l’art mag schönsten Idealen entspringen, man muss es sich aber auch leisten können. Dies allerdings können und wollen in unserer »totalen Tauschwelt« (Adorno) – in der die Rede von »ars gratia artis« seit 100 Jahren etwa auch im Logo des unbedingt kommerziellen Filmstudios Metro-Goldwyn-Mayer verbraten wird – wohl die wenigsten Kunstwertschaffenden. So konnte das Motto auch Czesław Jan Bojarski kaum beherzigen, der vermutlich gar kein Künstler geworden wäre, hätten ihn die Umstände nicht zu einem gemacht.

Dass aus dem während des Zweiten Weltkriegs aus Polen nach Frankreich geflüchteten jüdischen Ingenieur kein erfolgreicher Erfinder, schließlich aber der von der Presse so bezeichnete »Cézanne der Geldfälscher« wurde, lag nicht zuletzt an der Fremdenfeindlichkeit der französischen Bürokratie, die sich weigerte, Bojarskis Erfindungen zu patentieren, weshalb sein elektrischer Rasierapparat, der nicht kleckernde Tintenschreiber, Bojarskis Deoroller oder das für eine Tasse Kaffee optimierte Kaffepad unpatentiert und deren Erfinder erfolglos bleiben musste. So nahm der als Hilfsarbeiter weit unter seinen Möglichkeiten schuftende denn das kriminelle Angebot an, sich als Passfälscher lukrativer zu verdingen.

Aus gefälschten Pässen wurden später gefälschte Geldscheine, die er, nachdem der Fälscherring, für den er tätig war, aufgeflogen war, im Alleingang produzierte. Dass er den Gelddruckern der Banque de France stets voraus war, ist auch deshalb erstaunlich, weil er die Banknoten mittels selbst hergestellter Apparaturen in einem dunklen Schuppen produzierte und das dafür nötige Papier aus OCB-Zigarettenblättchen erst anfertigen musste. Was in den Ergebnissen nicht nur von einem gewissen Genie als Ingenieur zeugte, nahm er mit einigem Stolz doch sogar Korrekturen an den vorgeblich fälschungssicheren Banknoten vor und »verbesserte« sie jeweils, wobei der 100-Franc-Schein »Bonaparte« als sein Meisterwerk gilt, das auch heute noch auf Auktionen gehandelt wird.

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Zu erheblichem Künstlerstolz hätte Bojarski (großartig gespielt von Reda Kateb) allen Grund gehabt. Oder wie es sein aus Großmut eingeweihter polnischer Komplize – wegen dessen Dummheit er später auffliegen sollte – ausdrückt: »In Frankreich dürfen wir nicht den Ton angeben, deshalb gibst du ihnen die Noten vor.« Allerdings, und hier ist der eingedeutschte Titel »Der perfekte Schein – Der Fall Bojarski« dem Original (»L’Affaire Bojarski«) tatsächlich einmal voraus, druckt der verhinderte Erfinder nicht nur perfekte Scheine, er muss den seinen notgedrungen ebenso wahren – und damit (zunächst) auf jeden Ruhm verzichten, ahnt doch selbst seine Ehefrau viele Jahre nichts.

Nach Filmen wie »Eine Frau mit berauschenden Talenten« (»La Daronne«, 2020) oder »Die Gewerkschafterin« (»La Syndicaliste«, 2022) inszeniert Regisseur Jean-Paul Salomé erneut einen verbürgten Stoff und entwirft damit weniger einen historischen Krimi. Er interessiert sich vielmehr für die Ambivalenz zwischen Talent, Täuschung und sozialer Maske. So gelang ein Film über einen im Verborgenen agierenden Künstler, dessen präzises Genie von seiner bürgerlichen Fassade verdeckt bleiben muss. Gleichsam gelingt Salomé die Feinzeichnung eines Bildes der französischen Nachkriegsgesellschaft, in der der Schein, der Status von Codes und Ausgrenzungen geprägt ist, in der ein Flüchtling aufgrund fehlender Papiere und somit fehlendem Status seine Begabungen in der Illegalität ausleben muss. Anhand der Banknoten wird auch sichtbar, dass deren vorgebliche Fälschungssicherheit auf einer durchaus verletzlichen gesellschaftlichen Vereinbarung aus Vertrauen, Materialkunde und staatlicher Autorität beruht – ein Mix, den etwa die künstliche Intelligenz und Kryptowährungen aktuell einmal mehr auf die brüchige gesellschaftliche Probe stellen. Darüber, dass Fälschungen wertvoller sein können als ihre Originale, mag ebenfalls reflektiert werden.

Und so darf man gespannt sein, ob die demnächst vorgestellten neuen Euro-Scheinchen nun tatsächlich so unkopierbar sind wie behauptet. Und dürfen wir das psychopathologische Katz-und-Mausspiel zwischen Bojarski und dem ihn 15 Jahre lang jagenden Kommissar André Mattéi (bestens gegeben von Bastien Bouillon) als ein sehr gelungenes Schauspiel bezeichnen. Mag kritisiert werden, Salomé sei erzählerisch abermals nicht allzu erfinderisch vorgegangen, tut dieser Befund der Tiefe und Qualität des Films aber keinen Abbruch. Wirkt die Ausstattung und das sparsam eingesetzte Filmpersonal doch fast immer wie perfekt auf die Erzählzeit abgestimmt und dient die augenscheinliche Reduzierung der Szenerie doch dem sehenswert freien Blick auf das Wesentliche, das zu erzählen war.

→ »Der perfekte Schein – Der Fall Bojarski«, Regie: Jean-Paul Salomé, Frankreich/Belgien 2025, 128 Min., bereits angelaufen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 03.08.2026, Seite 11, Feuilleton

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