Zum Inhalt der Seite
Italienische Rechte

Meloni rechts überholt

Italien: Partei des ehemaligen Generalstabschefs Vannacci in Umfragen inzwischen vor Salvinis Lega

Foto: Remo Casilli/REUTERS
Vannacci spricht vor Anhängern in Rom (14.6.2026)

Am 4. September wird die Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni 1413 aufeinanderfolgende Tage im Amt sein und damit einen Rekord für die längste Amtszeit aller Regierungen seit der Gründung der Republik 1946 aufstellen. Meloni und ihr politisches Umfeld waren sich vor kurzem noch sicher, die für Herbst 2027 vorgesehene Parlamentswahl zu gewinnen. Nun droht ein ehemaliger Akteur ihres politischen Bündnisses, der einen eigenen Laden aufgemacht hat, dem rechten Regierungsblock Stimmen zu entziehen. Der ehemalige Generalstabschef Roberto Vannacci, bis Anfang 2026 Stellvertreter von Vizepremier Matteo Salvini, hat dessen Partei, die Lega, verlassen und eine eigene Partei unter dem Namen Futuro Nazionale (FN, Nationale Zukunft) gegründet, mit der er gegen die Regierung Stimmung macht. Vorwurf: Die sei nichts rechts genug. Mit einem aktuell prognostizierten Stimmenanteil von sieben bis zehn Prozent würde Vannacci vor der Lega landen.

Vannacci, der seit 2024 im EU-Parlament sitzt, versucht sein Glück vor allem mit einer weiter radikalisierten rechten Identitätspolitik vor dem Hintergrund einer angeblichen »massiven muslimischen Invasion«. Er befürwortet eine ethnisch begründete Ungleichbehandlung von Ausländern und greift Aktionen des »Comitato Remigrazione e Reconquista« auf, das die sofortige und vollständige Ausweisung irregulärer Migranten, ein Verbot von Nichtregierungsorganisationen, die Abschaffung des aktuellen Einwanderungsdekrets und außerdem eine Rückführung italienischer Auswanderer fordert. Der nationale Koordinator des Futuro Nazionale, Massimiliano Simoni, erklärte, die einzige Möglichkeit für Giorgia Melonis Koalition, die Wahlen zu gewinnen, sei ein Bündnis mit FN. Meloni sei »bereits gescheitert, die Menschen sind wirtschaftlich am Ende ihrer Kräfte, und sie ist unglaubwürdig, wenn es um die Angst der Bevölkerung vor wirtschaftlichem Niedergang und vor kriminellen Einwanderern, insbesondere Arabern, und jenen geht, die die europäische und christliche Kultur nicht respektieren«.

Anzeige

Das linke Portal Contropiano sieht in Vannaccis Strategie »eine Operation im Stile Trumps«. Vannacci habe außenpolitisch eine andere Hierarchie der »Feinde« als Meloni und liege etwa beim Thema Ukraine-Krieg nicht so eindeutig auf der EU- und NATO-Linie. Contropiano weist darauf hin, dass in Krisenzeiten schon immer das Militär, insbesondere die Sonderformationen (wie die Fallschirmjäger, von denen Vannacci kommt, und die Carabinieri), eine Hauptrolle bei den reaktionären Abenteuern in der italienischen Nachkriegsgeschichte spielten. Die Idee eines Militärstaates oder einer Militärdiktatur sei lebendig. Das zeige sich auch in der Entscheidung Vannaccis, mit Carmelo Burgio einen ehemaligen General der Carabinieri bei den Kommunalwahlen für das Amt des Mailänder Bürgermeisters zu nominieren. Auch Franco Gabrielli, ein ehemaliger Polizeichef und früherer Direktor des Inlandsgeheimdienstes SISDE, soll offenbar in die Politik zurückgeholt werden. Wenn Lösungen für die innenpolitische Krise nicht zu finden sind, biete sich das Militär als »Ausweg« an.

Vannaccis Inszenierung einer hypermaskulinen Fantasiewelt nimmt teilweise bizarre Züge an. In einem von ihm verbreiteten KI-Video trat er als römischer Feldherr in Erscheinung und befahl in dieser Rolle die Hinrichtung von Elly Schlein, Vorsitzende des linksliberalen Partito Democratico, von Giuseppe Conte, Anführer der Fünf-Sterne-Bewegung, sowie weiterer Oppositioneller, die alle gefesselt auf dem Boden des Kolosseums lagen. Auf der Tribüne beobachtete »Meloni« das Geschehen schweigend.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 26.08.2026, Seite 15, Antifaschismus

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!