Mit der Waffe in der Hand
Von der Kindersoldatin zur Autorität: Die polnische Widerstandskämpferin Wanda Traczyk-Stawska ist im Alter von 99 Jahren gestorben
Mit Wanda Traczyk-Stawska ist am Dienstag vergangener Woche eine der letzten überlebenden Teilnehmerinnen des Warschauer Aufstands von 1944 gestorben. Sie wurde 99 Jahre alt. Nach eigenen Angaben wuchs sie in einer Arbeiterfamilie im Warschauer Armeleuteviertel Praga auf. Die Schule besuchte sie später im etwas wohlhabenderen Stadtteil Mokotów. Politisiert wurde sie, ebenfalls eigenen Angaben nach, mit 12 Jahren, als sie offenbar miterleben musste, wie ein deutscher Soldat 1939 in Warschau kleine Kinder erschoss. Nach dem Tod ihrer Mutter 1941 musste sie sich um ihre jüngeren Geschwister kümmern und begann ein Jahr später damit, im Rahmen der paramilitärischen Untergrundorganisation »Szare Szeregi« (Graue Reihen), die der Pfadfinderbewegung entstammte, aktiv Widerstand zu leisten. Anfangs durch das Austragen von Warnungen an mutmaßliche Informanten der Gestapo, dass sie zum Tode verurteilt würden, wenn sie mit dieser Kollaboration nicht aufhörten.
1944 beteiligte sie sich im Alter von 17 Jahren am Warschauer Aufstand, den die Londoner Exilregierung und die ihr unterstehende Untergrundarmee »Armia Krajowa« auslösten. Das politische Ziel dieses Aufstands war, Warschau vor dem Eintreffen der Roten Armee aus eigener Kraft zu befreien, weshalb sich auch zahlreiche antikommunistische Nationalisten beteiligten. Wanda Traczyk-Stawska verteidigte das Ziel, nicht auf die Befreier zu warten, bis ins hohe Lebensalter. Die Sowjetarmee wollte sie in dieser Rolle nicht sehen. Politische Zweifel daran, ob der Entschluss zum Aufstand zweckmäßig und gegenüber der Zivilbevölkerung zu verantworten war, plagten sie nie. Alle Angehörigen ihrer Generation hätten darauf gebrannt, den Deutschen ihre Terrorherrschaft mit der Waffe in der Hand heimzuzahlen.
Ohne die begeisterte Unterstützung durch die Zivilbevölkerung »hätten wir nach zwei oder drei Tagen kapitulieren müssen«, erklärte Traczyk-Stawska einmal – angesichts objektiver Gründe wie dem Missverhältnis der militärischen Kräfte und dem Verfehlen der wichtigsten operativen Ziele des Aufstands, die Bahnhöfe und die Weichselbrücken zu erobern. Traczyk-Stawska kämpfte fünf Wochen lang, bevor sie am 6. September 1944 durch Granatsplitter schwer verwundet wurde. Für ihren Einsatz bekam sie am Tag nach ihrer Verwundung das »Kreuz der Kämpfenden« verliehen. Viele weitere Orden und Auszeichnungen kamen später hinzu, auch das Bundesverdienstkreuz am Bande. Nach der Kapitulation der Aufständischen Anfang Oktober ging sie, wie ihre Kameraden, in deutsche Gefangenschaft. Erst 1947 kehrte sie nach Polen zurück, studierte Psychologie und arbeitete ihr Leben lang als Sonderschullehrerin.
Obwohl der Warschauer Aufstand zweifellos die prägende Episode ihres Lebens war, hielt sich Wanda Traczyk-Stawska von militaristischer Glorifizierung immer fern. Krieg sei das Schlimmste, was einem Menschen passieren könne, sagte sie bei ihren unzähligen Auftritten als Überlebende immer wieder. Weder für Angst noch für Heroismus habe sie im Aufstand Zeit gehabt, sagte sie 2024 in einem Interview: Der Soldat im Krieg sei genug damit beschäftigt, Wasser und einen sicheren Schlafplatz zu finden. Und damit, die eigene Waffe zu bewachen. Sie erzählte, ihre männlichen Kameraden hätten ihr immer wieder ihre Maschinenpistole abnehmen wollen, weil das Schießen »nicht Frauensache« sei. Sie setzte sich durch und nahm – wohl aus dieser Erfahrung heraus – auch im hohen Alter noch Partei für Frauenrechte. So trat sie bei den Kundgebungen gegen die Verschärfung des Abtreibungsrechts 2020 auf und wandte sich dagegen, dass die damalige rechte Regierungspartei PiS das Symbol des Warschauer Aufstands – ein Anker aus den Buchstaben P und W (Polska Walczaca, Kämpfendes Polen) – für Parteizwecke vereinnahmen wollte. In den polnisch-deutschen Beziehungen trat sie für Versöhnung ein, wenn auch aus Gründen internationaler Politik: Deutschland und Polen müssten gegen Russland zusammenhalten. Was sie nicht hinderte, die Zahlung von Reparationen anzumahnen.
Noch nach ihrem Tod entfachten Rechte im Internet einen Sturm der Empörung gegen sie: Wegen ihres Engagements für Frauenrechte habe sie Polen an die »linksradikale LGBT-Ideologie« ausgeliefert und das Erbe des Aufstands verraten. Nichts lag ihr ferner als das. Sie sah die Zukunft ihres Landes im Schulterschluss mit »Europa« und nicht im Pflegen alter Kränkungen.
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