Tajani benennt Mitschuld
Italien: Gedenkakt für Opfer des SS-Massakers in Sant’Anna di Stazzema. Minister räumt erstmals Beteiligung italienischer Faschisten ein
Die SS-Männer durchkämmten die Gehöfte und brannten die Gebäude nieder. 150 Einwohner wurden auf dem Kirchplatz zusammengetrieben und mit zwei Maschinengewehren und Handgranaten regelrecht geschlachtet. Die Mörder schichteten die Leichen übereinander, übergossen sie mit Benzin, zündeten sie an und verstümmelten sie bis zur Unkenntlichkeit. Am Mittwoch vergangener Woche haben italienische Antifaschisten der 560 Einwohner gedacht, die in Sant’Anna di Stazzema in der Toskana Opfer des unter dem Besatzungsregime Hitlerdeutschlands vor 82 Jahren begangenen Massakers geworden waren.
Erstmals nahm der Vizepremier und Außenminister, Antonio Tajani, als Vertreter der Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni an der Gedenkveranstaltung teil. Meloni selbst blieb der Veranstaltung fern. Tajani gestand eine bis dahin immer geleugnete Mitschuld der beteiligten faschistischen Mussolinimiliz ein und verwies zugleich darauf, dass Kriege und Gewalt heute wieder viele Tote fordern, im Nahen Osten wie in der Ukraine. Die Beteiligung Italiens erwähnte er nicht.
Regierungsgegner sehen die Beteiligung des Ministers als ein »Wahlkalkül« Melonis vor den Wahlen im Herbst 2027, so die Einschätzung der Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung in Rom. Bisher war die Anwesenheit von Partisanen in Stazzema als Anlass für den Überfall angeführt worden. Der Leiter der Oppositionspartei »Fünf Sterne« (M5S), Giuseppe Conte, betonte in Il Giornale, der Opfer zu gedenken schließe ein, die Diktatur abzulehnen und die Mitte-Rechts-Parteien für ihre historische Verantwortung für den Faschismus zur Rechenschaft zu ziehen.
Die Einwohner wurden am 12. August 1944 von der Aufklärungsabteilung der 16. Panzergrenadierdivision »Reichsführer SS« unter dem Kommando von Obersturmbannführer Walter Reder ermordet. Die SS rottete mit Hilfe örtlicher Mussolinifaschisten beinahe die gesamte Bevölkerung des kleinen Dorfes aus und schlachtete vor allem Frauen, Alte und Kinder ab.
Enio Mancini, der das Morden als 6jähriges Kind überlebte, hat im Buch »Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema« (2014) niedergeschrieben, was geschehen war: »Schwangeren Frauen wurde der Leib aufgeschlitzt, Kleinkinder in die Luft geworfen und auf sie wie auf Tontauben geschossen, andere mit Bajonetten durchbohrt.« Mancini führte weiter an, dass 120 Kinder unter 16 Jahren und acht schwangere Frauen unter den Opfern waren. Das jüngste Opfer zählte drei Monate, das älteste 86 Jahre. Nur 350 Menschen konnten später identifiziert werden. Während des Überfalls befand sich kein einziger Widerstandskämpfer in dem Ort, obwohl das bis in die jüngste Vergangenheit behauptet wurde.
Obersturmbannführer Reder wurde in Italien 1951 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Unter seinem Kommando wurden im toskanischen Marzabotto im September 1944 mehr als 1.800 Einwohner ermordet. Für das Verbrechen in Sant’Anna di Stazzema wurde er mangels Beweisen freigesprochen. 1985 wurde er begnadigt. Erst 2005 wurden in Italien zehn der Verbrecher von Sant’Anna angeklagt und in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Bundesrepublik verweigerte ihre Auslieferung.
In Deutschland stellte die Staatsanwaltschaft Stuttgart 2012 ihre Ermittlungen gegen acht noch lebende Beschuldigte von Stazzema ein. 2013 wies das Oberlandesgericht Karlsruhe einen Klageerzwingungsantrag als »unzulässig« zurück. Im selben Jahr besuchte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck den Ort und stellte sich mit der Behauptung, »im Falle des Massakers von Sant’Anna reichten die Instrumente des Rechtsstaates nicht aus, um Gerechtigkeit zu schaffen«, schützend vor die SS-Mörder. Für die Verfolgung von DDR-Bürgern, die sich nach Recht und Gesetz für ihren Staat einsetzten, waren ihm dagegen alle Mittel des bundesrepublikanischen »Rechtsstaates« genehm.
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