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Deindustrialisierung Ostdeutschland

Drei Wochen Ausstand

Im Osten Thüringens kämpfen die Beschäftigten des Wärmetechnikherstellers Kelvion mit einem unbefristeten Streik gegen die drohende Werksschließung

Foto: PGPhotography23
Zusammenstehen gegen den Arbeitsplatzverlust am Kelvion-Standort Wilchwitz (15.8.2026)

Ganze drei Wochen wird es an diesem Dienstag her sein, dass die Beschäftigten des Wärmetechnikzulieferers Kelvion am Standort Wilchwitz in Ostthüringen in den unbefristeten Arbeitsausstand getreten sind. Ihr Werk soll geschlossen werden, Hunderte ihren Arbeitsplatz verlieren – obwohl die Auftragslage gut und die Kapazitäten bis ins kommende Jahr ausgebucht sind, wie Tom Knedlhanz im Gespräch mit jW am Wochenende ausführte. Knedlhanz ist in der Angelegenheit Verhandlungsführer der Industriegewerkschaft Metall (IGM). »Der erste Erzwingungsstreik in der Geschichte der Geschäftsstellen in Ostthüringen«, merkte er nicht ohne Stolz an.

Kelvion PHE macht sein Geschäft mit der Fertigung von Plattenwärmetauschern – das »PHE« im Firmentitel steht für den englischen Begriff Plate Heat Exchangers –, die in Klimaanlagen, Wärmepumpen, industrieller Kühlungstechnik und anderen Produkten Verwendung finden. Stammsitz des Unternehmens ist Sarstedt in Niedersachsen. Die Ankündigung, dass das Werk im ostthüringischen Wilchwitz geschlossen werden soll, kam kurz, nachdem der Betrieb 2025 an den US-Investor Apollo verkauft wurde.

Die Hiobsbotschaft für die Arbeiter »kam völlig überraschend«, sagte Knedlhanz gegenüber jW. Zwar habe es in den Jahren 2024 und 2025 einen deutlichen Auftragsrückgang gegeben – im Mai vergangenen Jahres kam dann aber ein »richtiger Boom«, der die Auftragsbücher für viele Monate weit ins nächste Jahr hinein gefüllt hat. »Der Betrieb ist hochprofitabel«, so der Gewerkschafter. Das Unternehmen hoffe, mit der Zusammenziehung der Werke am niedersächsischen Stammsitz die Effizienz steigern zu können – ein »nicht durchdachtes und grob fahrlässiges« Vorhaben, war Knedlhanz sich sicher.

»Wir können diese Entscheidung nicht nachvollziehen«, sagte der Gewerkschafter. »Da ist ein unwahrscheinliches Know-how drin in dem Betrieb.« Die Produkte, die in dem 1992 eröffneten Werk hergestellt werden, seien von den Arbeitern selbst entwickelt worden – »und das ist halt nichts, was man von heute auf morgen verlagern kann«. »Ich würde sagen, der Hauptgrund ist die Profitmaximierung«, sagte Knedlhanz. Wobei auch dies durch das höhere Lohnniveau am Stammsitz – Beschäftigte, die von Wilchwitz nach Sarstedt wechseln, sollen laut Knedlhanz 25 Prozent mehr Lohn erhalten – konterkariert würde.

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Am 3. August hatten die in der IGM organisierten Arbeiter am Standort einstimmig für einen unbefristeten Erzwingungsstreik für einen Sozialtarifvertrag votiert. Die Presseaussendung der Gewerkschaft nahm sich kämpferisch aus: »Jede unserer wuchtigen Warnstreikwellen hat unseren Zusammenhalt gestärkt, jede vom Management verpatzte Verhandlungsrunde unsere Wut gesteigert – jetzt machen wir komplett dicht!« Seither sind Streikposten Tag und Nacht besetzt. »Es ist ermutigend zu sehen, wie sich die Menschen die Aufgaben – Essen machen und verteilen, die Zelte sauber halten, mal die Straße fegen und so weiter – selbstverantwortlich übernehmen«, erzählt Knedlhanz jW. »Wir hatten ohnehin schon einen hohen Organisationsgrad, und jetzt wachsen die Beschäftigten noch mal mehr zusammen.«

Kelvion ließ den Streik nicht unbeantwortet. Leiharbeiter, die schon zuvor im Betrieb eingesetzt waren, sollen laut Berichten nun auch die Aufgaben ihrer streikenden Kollegen übernommen haben – das wäre eine illegale Methode des Streikbrechens. Schlagzeilen in der lokalen Presse machte auch ein Maschinenabtransport mitten im Arbeitsausstand. Hierzu stellte die Gewerkschaft zwar klar, dass es sich um die bereits zuvor geplante Abholung einer defekten Lackiermaschine handelte, jedoch sei bei dem Unterfangen auch versucht worden, andere Arbeitsgegenstände, wie Lackierschablonen, aus dem Werk zu entfernen. Dieser Versuch habe jedoch vereitelt werden können, so Knedlhanz.

Eine mögliche Zukunftsperspektive gibt es für die Kelvion-Beschäftigten, seit sich die Thermowave GmbH aus Sachsen-Anhalt als möglicher Investor ins Spiel gebracht hat. »Wir prüfen derzeit intensiv die Möglichkeit einer Übernahme des Werks und eines erheblichen Teils der Beschäftigten«, sagte ein Unternehmensvertreter laut Leipziger Volkszeitung zu der Angelegenheit. »Erheblich« heißt aber nun einmal nicht »alle«, weshalb die IGM weiter auf einen Sozialplan pocht.

Der Gewerkschaft gehe es dabei um ein für die Beschäftigten akzeptables Ergebnis, nicht um starres Beharren auf Maximalforderungen, sagte Verhandlungsleiter Knedlhanz jW. »Die Hürden, die noch zu nehmen sind, die liegen gar nicht unbedingt bei uns.« Es gehe aber darum, dass die beteiligten Parteien – inklusive des möglichen Investors – zusammenkommen, um über die zahlreichen Aspekte eines Unternehmenswechsels zu sprechen: ob die Arbeiter zu gleichen Konditionen übernommen werden oder sich etwa neu bewerben müssen, ob ein neuer Tarifvertrag ausgehandelt wird und mehr.

Eine solche Verhandlungsrunde war für Montag angesetzt, über ein etwaiges Ergebnis war bis jW-Redaktionsschluss nichts bekannt. Gewerkschafter Knedlhanz hielt eine schnelle Einigung im Vorfeld für unwahrscheinlich. Die Arbeiter von Kelvion werden also wahrscheinlich noch ein wenig länger Nachtschichten am Streikposten schieben.

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Erschienen in der Ausgabe vom 25.08.2026, Seite 5, Inland

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