Geisel des Tages: GTA VI
Fans der Videospielreihe »Grand Theft Auto« machen sich dieser Tage auf, dem Entwicklerkonzern in seiner schwärzesten Stunde beizustehen. Ein anonymer Internetnutzer hat eine wohl quasi vollständige Version des neuesten, sechsten Teils der Serie erbeutet, bevor dieser im November veröffentlicht werden soll, und hält diese nun in Geiselhaft – eigentlich Antigeiselhaft, denn er droht mit Freilassung in die Weiten des Internets, sollte der Konzern seinen Forderungen nicht nachkommen.
Die sozialen Netzwerke brennen. Eine Vorabveröffentlichung drohe, das »wichtigste kulturelle Produkt der Geschichte« ins Verderben zu stürzen, meinte ein Nutzer von X. Wann macht das FBI endlich seine Arbeit und legt dem Schurken das Handwerk?, fragte sinngemäß ein anderer. Sogar das US-Militär warb jüngst mit Sonderurlaub für die Veröffentlichung im November (jW porträtierte). Die Rechtsabteilungen der Konzerne scheinen machtlos, trotz gerichtlicher Anordnungen zur Informationspreisgabe zahlreicher Websites. Aber gut, wer sein Produkt nach einem Beschaffungsverbrechen benennt …
Dass dem Konzern der Sinn für Ironie abhanden kommt, dürfte auch mit den exorbitanten Summen, die in die Entwicklung gesteckt werden, zu tun haben – zwischen 1,5 und zwei Milliarden US-Dollar, je nach Schätzung. Dafür setzt man Preise von bis zu 100 US-Dollar für das fertige Spiel an, zudem sind zahlreiche Features nur nach Extrazahlung verfügbar. Das sind dann auch die Praktiken, deren Einstellung der virtuelle Geiselnehmer verlangt. Zumindest bei Videospielen funktioniert die »moral economy« noch. Jedermann weiß: Ein Spiel hat 60 Währungseinheiten und keinen Taler mehr zu kosten.
Deshalb wäre es recht eigentlich ganz schön, die Branche erführe mal einen derartigen Verlustschock. Dem Vernehmen nach soll der Hacker einen Totmannknopf installiert haben, den er jeden Tag deaktivieren muss, damit das Spiel nicht illegal veröffentlicht wird. Mit ein wenig Glück verschläft er ja mal.
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