Märchenprinzen
Die Erste Allgemeine Verunsicherung besang 1985 einen »Märchenprinzen«, der beim Diskobesuch auf dem Land von undankbaren Eingeborenen was aufs Maul bekommt: »Mit meinem Nobel-Hobel glüh ich auf der Autostrada / Einmal kurz aufs Gas, und schon bin ich dada … Da im Disco-Stadl regiert der Furchenadel / Und der Landmann schwingt sein strammes Wadl.« 36 Jahre nach dem DDR-Anschluss fühlen sich in diesem August einige Traumbolzen des westdeutschen Journalismus ähnlich beleidigt – von den Ostdeutschen. Die wählen demnächst wieder falsch.
Am Mittwoch nennt die unglücklicherweise beim Spiegel gelandete Ostdeutsche Sabine Rennefanz das Genöckel: »Aufstand der Jammerwessis«. Lennart Zielke sieht am gleichen Tag in der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung gar einen »Erpressungsversuch aus dem Westen«. Das ist stark übertrieben. Geschehen ist u. a.: Der mehrfach abgehalfterte Gabor Steingart, der jetzt ein ulkiges »Medienschiff« von Springers Gnaden in Berlin betreibt, fischte am 6. August etwas aus der Journaillenkloake der 90er Jahre: »Der Typus des Jammerossis hat in der AfD sein Zuhause gefunden. Er will sich an den Sozialstaat, aber nicht an die globale Wirtschaft anschließen.« Wer keine Fakten hat, dem hilft Kollektivpsychopathologie. Die Radfahrer. Die Russen. Die Migranten. Die Ossis usw.
Am 13. August erfasste den FAZ-Korrespondenten für Niedersachsen, Bremen, Sachsen-Anhalt und die evangelischen Kirchen, Reinhard Bingener, Dienstsitz Hannover, biblischer Zorn, was bei Dienstsitz Hannover verständlich ist: »Wehe, wenn die Langmut im Westen endet.« Selbst CDU und SPD tätschelten die Ostdeutschen, etwa mit der Forderung nach Beibehaltung der sogenannten Rente mit 63. Die gilt zwar bundesweit, aber egal. Bingener macht’s wie Steingart leicht rassistisch: »Es geht um parteipolitisch zutiefst eigennützige Pflege eines ostdeutschen Sonderbewusstseins, das sich in den vergangenen Jahren verstärkt und verhärtet hat. Dieses Sonderbewusstsein ist anders beschaffen als die weitgehend in sich selbst ruhenden Regionalidentitäten der Hessen, Saarländer oder Niedersachsen.« Der Ostdeutsche muss demnach »sturmfest« und »erdverwachsen« wie die Niedersachsen werden. Bingener kennt auch die »Grundlage« für die Haltlosigkeit: »ein völlig verdrehtes Bild der jüngeren deutschen Geschichte. Ein bedeutender Teil der ostdeutschen Bevölkerung verklärt die Rolle Russlands, obwohl Moskau für beinahe sämtliche Probleme des Ostens maßgebliche Verantwortung trägt.«
Die FAZ kennt Geschichte ab 1945. Wer von Faschismus und Weltkrieg schweigt, muss nicht vom Kapitalismus schreiben. Und kann alle Verklärung und Russland selbst endlich beseitigen. Rennefanz zitiert einen Jubelruf vom grünen Kriegsfreund Ralf Fücks zu Bingeners Ostlandritt: »Da traut sich mal jemand, gegen den aggressiven Opferkult zu ledern.«
Neben vielen anderen schließt sich auch Nikolaus Blome am Montag im Spiegel Bingener an: »Dann macht euer Zeug halt allein.« Blome spricht – alte Bild-Gewohnheit – fürs westdeutsche Volk und kündigt eine »Wutwelle« an. Vor den Wahlen breche sich nämlich »in westdeutsch geprägten Milieus« eine Fassungslosigkeit Bahn, »die hinter vorgehaltener Hand dröhnend ist: ›Wenn es so kommt: Am besten Zaun drum und an Kasachstan verkaufen.‹«
Klar, wer eine Billion Euro für Waffen gegen Russland zum Fenster rauswerfen will, also Schulen, Krankenhäuser und Brücken verrotten lässt, benötigt derilierende Märchenprinzen wie Steingart, Bingener, Blome etc. dringend für den Westen. Im Osten liest sie fast niemand.
Die unglücklicherweise beim Spiegel gelandete Ostdeutsche Sabine Rennefanz nennt das Genöckel: »Aufstand der Jammerwessis«. Lennart Zielke sieht am gleichen Tag in der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung gar einen »Erpressungsversuch aus dem Westen«. Das ist stark übertrieben.
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