Kampf um »Spin Time«
Breite Bewegung fordert den Erhalt des selbstverwalteten Sozialzentrums in Rom. Aber es gibt auch Kritik an Kooperation mit Stadtregierung
Am 19. September füllte sich das Zentrum von Rom mit großen Fahnen, bunten Rauchfahnen und Parolen zum Thema Wohnen. Tausende Menschen nahmen an dem Demonstrationszug teil, zu dem die Gemeinschaft des »Spin Time« aufgerufen hatte – jenes sozialen Wohnkomplexes, der nach einem Brand am 29. Juli geräumt worden war. Auf dem Platz versammelten sich Bewegungen für das Recht auf Wohnen, Gewerkschaften, Vereine, Studierende und soziale Initiativen. Über 200 Organisationen schlossen sich der Mobilisierung an, die unter dem Slogan »Die Stadt gehört denen, die in ihr leben, und nicht denen, die mit ihr spekulieren« stand. Die Organisatoren sprachen von Zehntausenden Teilnehmern und griffen die Parole »Spin Time ist überall« wieder auf: Denn es geht nicht nur um die Verteidigung eines Gebäudes, sondern um die Idee, dass die dort entstandene Erfahrung zu einem Modell für die Bewältigung der Wohnungskrise werden kann.
Im Jahr 2013 war der ehemalige Sitz der Nationalen Sozialversicherungs- und Fürsorgeanstalt für Beschäftigte im öffentlichen Dienst (INPDAP) von »Action«, einer römischen Bewegung für das Recht auf Wohnen, besetzt worden. Das Gebäude befindet sich in einer der zentralsten Gegenden Roms, nur wenige Schritte von den Sehenswürdigkeiten und den wohlhabenden Vierteln der Hauptstadt entfernt. Im Laufe der Zeit entwickelte sich »Spin Time« zu einer Gemeinschaft von über 400 zuvor obdachlosen Menschen und zugleich zu einem sozialen und kulturellen Treffpunkt. Im Laufe der Jahre entstanden dort Workshops, Nachmittagsbetreuung, künstlerische Aktivitäten, eine Osteria, Räume für Versammlungen und Aufführungen sowie Angebote zur gegenseitigen Hilfe. Seine Funktion ging über die reine Wohnungsfrage hinaus. In den vergangenen Jahren wurde »Spin Time« auch zu einem Bezugspunkt für einen Teil der palästinasolidarischen Bewegung. In den Räumlichkeiten des Gebäudes hatte zudem Scomodo seinen Sitz, ein Verlagsprojekt, das in römischen Oberschulen ins Leben gerufen wurde und sich später zu einem nationalen Netzwerk junger Journalisten entwickelte.
Vom Brand zur Räumung
Dann, in den späten Abendstunden des 29. Juli, veränderte ein Brandausbruch alles. Die Bewohner wurden evakuiert, um den Einsatz der Feuerwehr zu ermöglichen. Nach den Überprüfungen wurde das Gebäude für unbewohnbar erklärt und gerichtlich beschlagnahmt. Die Bewohner konnten nicht zurückkehren – was die Gemeinschaft als »Räumung« bezeichnet, von den Behörden jedoch offiziell als Evakuierung aus Sicherheitsgründen dargestellt wurde. Seitdem steht das Gebäude leer und wird von der Polizei bewacht. Wochenlang verwandelte sich die Straße vor dem »Spin Time« in ein Zeltlager. Hunderte von Menschen schliefen dort, während Vereine und Freiwillige Essen, Wasser und andere Hilfsgüter brachten. Die Stadt Rom mobilisierte die Sozialdienste, den Zivilschutz und andere Notfallstellen und begann, alternative Unterkünfte für die Bewohner zu finden, wobei den Minderjährigen besondere Aufmerksamkeit galt. Bürgermeister Roberto Gualtieri, ein Vertreter des Mitte-links-Lagers, hat sich öffentlich für den Erhalt des »Spin Time«-Projekts ausgesprochen und die Möglichkeit eines Kaufs des Gebäudes ins Spiel gebracht, wobei er sich mehrfach mit Vertretern der Gemeinschaft getroffen hat.
Die Strategie von »Spin Time« richtet sich zunehmend auf die Beziehung zum Kapitol: die Stadtverwaltung aufzufordern, die Immobilie zu erwerben und die Voraussetzungen für die Rückkehr der Gemeinschaft zu schaffen. Der Immobilieninvestmentfonds Investire SGR, dem das Gebäude gehört, hat den Vorschlag einer Übergangsvereinbarung, die die Rückkehr nach den Sicherheitsmaßnahmen ermöglicht hätte, abgelehnt. Also setzten die Aktivisten die Verhandlungen mit der Stadtverwaltung fort und forderten schließlich sogar, eine mögliche Enteignung in Betracht zu ziehen. Die Stadtverwaltung sicherte den ehemaligen Bewohnern vorübergehende Unterkünfte zu und setzte die Verhandlungen mit dem Eigentümer fort.
Solidarische Kritik
Diese besonders enge Verbindung zwischen »Spin Time« und der Gualtieri-Verwaltung hat jedoch zu einem Bruch im Netzwerk der römischen sozialen Einrichtungen geführt. Wenige Tage vor dem Demonstrationszug gab »Arci Roma« bekannt, dass sie sich der Demonstration nicht anschließen werde. Die Organisation bekräftigte ihre Solidarität mit den Bewohnern und dem Kampf für das Recht auf Wohnen, kritisierte jedoch den politischen Kurs, der sich um »Spin Time« herum entwickelt hat. Laut »Arci Roma« ist die Gemeinschaft zum Mittelpunkt einer »Kooperationsbeziehung« mit dem Kapitol geworden, während andere Konflikte in der Stadt gerade aus Entscheidungen der Gualtieri-Regierung resultierten. So wird dem Bürgermeister vorgeworfen, Großprojekte, Zubetonierung und Räumungen anderer Gemeinschaftsorte zu unterstützen.
In der Pressemitteilung vom 17. September schrieb »Arci Roma«: »Rom lässt sich nicht auf einen einzigen Konflikt reduzieren.« Man kämpfe gegen Spekulation und gegen die Privatisierung des öffentlichen Raums, um Wohnraum, »in Santa Palomba gegen die Müllverbrennungsanlage, in Casal Selce und Cesano gegen die Biogasanlagen, in Pietralata und Fiumicino gegen unnötige Großprojekte, auf dem Gelände der ehemaligen Mercati Generali gegen Luxusstudentenwohnheime«. Die Kritik richtete sich also nicht gegen die geräumten Bewohner, sondern gegen die Art und Weise, wie ihr Kampf in den politischen Kontext der Stadt eingeordnet wurde.
Der Fall ist Teil einer weitaus umfassenderen Wohnungskrise: Laut einer von der Stadtverwaltung in Auftrag gegebenen Studie befinden sich etwa 114.000 römische Haushalte in prekären Wohnverhältnissen oder sind von schwerwiegender Not bedroht, während die Stadtverwaltung den Bedarf an neuen Wohnungen in den nächsten zehn Jahren auf etwa 70.000 schätzt.
Gleichzeitig ereignet sich der Fall »Spin Time« inmitten einer landesweiten Offensive gegen soziale Hausbesetzungen. Die von Giorgia Meloni geführte ultrarechte Regierung hat die Bekämpfung illegaler Hausbesetzungen zu einer ihrer Prioritäten im Bereich der Sicherheit erklärt, während Innenminister Matteo Piantedosi im Jahr 2025 von »Nulltoleranz« sprach. Im selben Zeitraum wurden einige der historischen italienischen Sozialzentren geräumt: das »Leoncavallo« in Mailand, das »Prinz Eugen« und »Askatasuna« in Turin sowie »Torre Maura« und »Bencivenga« in Rom.
Ungewisse Zukunft
Eine wenig vielversprechende Zeit für autonome soziale Räume, innerhalb derer »Spin Time« stets eine besondere – und für manche sogar privilegierte – Stellung eingenommen hat. Im Laufe der Jahre hat die Gemeinschaft die Unterstützung eines bedeutenden Teils der italienischen Kulturszene gewonnen, wobei Schauspieler, Regisseure und Schriftsteller öffentlich zu seiner Verteidigung Stellung bezogen haben. Eine Petition unterstrich zudem den »solidarischen, demokratischen und gewaltfreien« Charakter der Gemeinschaft, distanzierte sich von den konfliktreicheren Formen des Aktivismus, die mit anderen Sozialzentren in Verbindung gebracht werden, und schloss sich damit einem eher bürgerlichen Aktivismus an. »Spin Time« hat auch Beziehungen zu einem progressiven Flügel der katholischen Kirche aufgebaut: Im August äußerte sich Kardinal Baldo Reina, Vikar des Papstes für die Diözese Rom, zu der Angelegenheit und bezeichnete die Gemeinschaft als »Laboratorium des Zusammenlebens«.
Auch aus diesem Grund ist »Spin Time« ein Unikat und stellt in der öffentlichen Wahrnehmung Italiens wahrscheinlich einen der bekanntesten sozialen Räume dar, der sich am wenigsten mit der Figur des institutionenfeindlichen Gegenzentrums gleichsetzen lässt. Es hat Unterstützung von Vertretern der Kultur, von Teilen der institutionellen Linken und sogar von einem Teil des Vatikans erhalten. Und doch hat all dies bis heute nicht ausgereicht, um sein Überleben zu sichern.
Das Gebäude steht leer, die ehemaligen Bewohner leben in Notunterkünften, und seine Zukunft hängt weiterhin von den Verhandlungen zwischen der Stadt Rom und dem Eigentümerfonds ab. Der Demonstrationszug vom 19. September warf daher eine Frage auf, die über das Schicksal eines einzelnen Gebäudes hinausging: Wieviel Raum bleibt in den italienischen Städten noch für soziale Initiativen, die von der Basis ausgehen und nicht rein gewinnorientiert sind?
Zur Person
Dario Morgante ist Absolvent der Journalistenschule der Stiftung Lelio und Lisli Basso in Rom und freiberuflicher Journalist. Nach seinem Jurastudium an der Universität Bologna erwarb er einen Masterabschluss in Umweltrecht an der Universität Ca’ Foscari und war im Bereich des Strafrechts tätig. Er beschäftigt sich mit sozialen Themen, Repression und der Palästina-Frage.Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
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