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Türkei

Türkei jagt abtrünnige Brüder

Neuerliche Repressionswelle trifft konservative religiöse Gemeinschaften, die sich nicht der Regierung beugen

Foto: ZUMA Press Wire/IMAGO
Liest Erdoğan die Leviten: Sektenführer Alparslan Kuytul (M.) auf einer religiösen Konferenz in Gaziantep (21.12.2024)

Während sich die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan anschickt, einen Friedensprozess mit der kurdischen Bewegung einzuleiten, geraten zehn Jahre nach der Zerschlagung der Gülen-Bewegung erneut konservative sunnitische Glaubensgemeinschaften ins Fadenkreuz des Staates. Am Mittwoch traf es Alparslan Kuytul, Gründer der Furkan-Stiftung, seine Ehefrau und Dutzende Anhänger, die bei Razzien in Adana und weiteren Provinzen festgenommen wurden. Der Vorwurf lautet Wirtschaftskriminalität. Vier Unternehmen aus dem Tourismus- und Gesundheitssektor sowie der bekannte Lebensmittelhersteller Levent Börek wurden unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt.

Mit der Regierung aneinandergeraten war die fundamentalistische Vereinigung, die der regierenden AKP vorwirft, keine wirklich islamische Politik zu betreiben, schon früher. Kuytul war 2018 nach seiner Kritik am Einmarsch der türkischen Armee in Syrien für rund ein Jahr inhaftiert worden. Der gegen ihn erhobene Vorwurf der Verbindung zu terroristischen Organisationen hielt vor Gericht nicht stand.

»Auch für dich ist das Wasser nun heiß genug, Kuytul«, hatte Erdoğan-Berater Oktay Saral einen Tag vor den jetzigen Festnahmen in den sozialen Medien gedroht. »In diesem Land hat nicht der Religionshändler das letzte Wort, sondern der Staat.« Saral reagierte damit offenbar auf Kuytuls Kritik an einer wenige Tage zuvor erfolgten Polizeioperation gegen die einflussreiche Süleymancılar-Gemeinschaft.

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Bei der am 13. August von der Staatsanwaltschaft Ankara angeordneten Razzia waren in 17 Provinzen 123 Wohnungen und Geschäftsräume durchsucht worden. Den Beschuldigten werden unter anderem Gründung und Leitung einer kriminellen Vereinigung, Geldwäsche, Betrug zum Nachteil öffentlicher Einrichtungen und Verstöße gegen die Abgabenordnung vorgeworfen. 30 Personen, darunter der Führer der Süleymancılar-Gemeinschaft, Alihan Kuriş, wurden festgenommen und 33 durchsuchte Unternehmen unter Treuhänderschaft gestellt.

Die Süleymancılar-Gemeinschaft ist eines der mächtigsten religiösen Netzwerke der Türkei. Sie verfügt über zahlreiche Unternehmen, Bildungseinrichtungen und Studentenwohnheime und ist seit den 70er Jahren mit dem Verband der Islamischen Kulturzentren auch unter türkischen Migranten in Deutschland organisiert. Mit ihrer Nachwuchsrekrutierung im Bildungsbereich ähneln die Süleymancılar der Gülen-Bewegung. Doch anders als der mittlerweile verstorbene Prediger Fethullah Gülen, dessen Anhänger durch die Unterwanderung zentraler Positionen in Polizei, Justiz und Verwaltung nach der vollständigen Kontrolle staatlicher Institutionen strebten, setzte die Süleymancılar-Gemeinschaft ihre Beziehungen zur Politik vor allem ein, um ihre Aktivitäten vor staatlichen Eingriffen zu schützen.

Während die im religiös-konservativen Milieu ebenfalls einflussreiche, vor allem in den kurdischen Landesteilen verankerte Menzil-Gemeinschaft und die aus der Schwarzmeerregion stammenden İsmailağa-Bruderschaften fest im Lager der AKP stehen, unterstützten die Süleymancılar bei den jüngsten Wahlen die Opposition. Besonders eng sind ihre Beziehungen zur ultrarechten İyi Parti. Diese politische Eigenständigkeit dürfte der Grund dafür sein, dass nun gegen die Gemeinschaft vorgegangen wird, obwohl sie der Regierung weltanschaulich keineswegs fernsteht. Justizminister Akın Gürlek betont dagegen, die Ermittlungen richteten sich »nicht gegen eine bestimmte religiöse Gruppe, einen Glauben oder eine Weltanschauung«, sondern gegen »konkrete Straftaten«.

Die meisten sunnitischen Orden und Derwischgemeinschaften waren unter Republikgründer Mustafa Kemal 1925 verboten worden. Doch mit der Einführung des Mehrparteiensystems und vor dem Hintergrund des Kalten Krieges wurden diese informell weiterexistierenden reaktionären Netzwerke ab den 1950er Jahren von konservativen Parteien als Stimmbeschaffer und als Gegengewicht zur politischen Linken genutzt. Auch der US-Geheimdienst CIA und der deutsche BND hielten zu diesem Zweck ihre schützende Hand über die frommen Brüder.

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Erschienen in der Ausgabe vom 21.08.2026, Seite 6, Ausland

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