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Was hat uns Erich Mühsam heute noch zu sagen?
Die Stärke der Gedenkdemonstration für den von den Nazis ermordeten Anarchisten liegt in ihrer gesellschaftlichen Breite, meint Bruno Weber
In der Nacht zum 10. Juli 1934 wurde der anarchistische Schriftsteller Erich Mühsam im KZ Oranienburg von der SS ermordet. Was ist zum Jahrestag seiner Ermordung in Oranienburg geplant?
Wie jedes Jahr findet eine Gedenkdemonstration statt. Entlang der Route erinnern Redebeiträge an Erich Mühsam, an die Verfolgung politischer Gegnerinnen und Gegner sowie von Jüdinnen und Juden durch die Nationalsozialisten. Musikalisch begleitet wird die Demo von Paul Geigerzähler. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der bevorstehenden Neugestaltung vom Gedenkort »KZ Oranienburg«. Im Anschluss an die Demo führt die Theatergruppe Tallercito Mühsams Gedicht »Der Revoluzzer« auf.
Vor zwei Jahren hatte es manche Beobachter irritiert, dass auch SPD und Bündnis 90/Die Grünen, die heute für Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit eintreten, Kränze für den radikalen Antimilitaristen Mühsam niedergelegt hatten. Wie passt das zusammen?
Unser Vorbereitungskreis identifiziert sich mit dem Zitat aus der Gründungserklärung der War Resisters International von 1921: »Krieg ist ein Verbrechen gegen die Menschheit. Deshalb bin ich fest entschlossen, keine Form von Krieg zu unterstützen und danach zu streben, alle Ursachen für Krieg zu beseitigen.« Die Stärke unserer Gedenkdemonstration liegt jedoch gerade in ihrer gesellschaftlichen Breite. Zu den Unterstützern gehören unter anderen die Stadt Oranienburg, die Gedenkstätte Sachsenhausen und das Demokratieforum Oranienburg.
Erich Mühsam war eine vielschichtige Persönlichkeit, die Anknüpfungspunkte für unterschiedliche politische und gesellschaftliche Gruppen bietet, auch wenn niemand alle seine Positionen teilen muss. Wir sehen es nicht als unsere Aufgabe an, die Motive einzelner demokratischer Parteien für ihre Teilnahme oder ihre Kranzniederlegungen zu bewerten. Entscheidend ist für uns, dass sich immer mehr Menschen an diesem Gedenken beteiligen.
Besteht dabei nicht die Gefahr, dass der unangepasste anarchistische Sozialrevolutionär Mühsam, der sich schon 1912 im Gedicht »Der Revoluzzer« über die Sozialdemokratie lustig machte, nun auf seine Gegnerschaft zum Faschismus reduziert wird?
Diese Gefahr sehen wir nicht. Auf unseren Demonstrationen gab es immer wieder Lesungen und musikalische Vertonungen seiner Gedichte, die sicherlich nicht von allen Bündnispartnern geteilt werden. Auch die Redebeiträge thematisieren Mühsams differenziertes Verhältnis zur SPD, zur KPD und zu anderen politischen Strömungen seiner Zeit. Uns ist wichtig, ihn nicht zu einer unverbindlichen Erinnerungsfigur zu machen, sondern seine politischen Überzeugungen und Widersprüche sichtbar zu halten. Darauf werden wir auch künftig achten.
Voraussichtlich im Herbst 2026 soll der neugestaltete Gedenkort »KZ Oranienburg« eingeweiht werden. Wird Erich Mühsam dort angemessen berücksichtigt?
Erich Mühsam wird mit einer eigenen Gedenkecke gewürdigt werden. Auf einer Stele werden Bilder, seine Biographie und ein Gedicht zu finden sein. Der bereits bestehende Gedenkstein bleibt erhalten. Das freut uns sehr, weil wir uns in den vergangenen Jahren ausdrücklich für eine angemessene Würdigung eingesetzt haben. Uns wurde signalisiert, das kontinuierliche zivilgesellschaftliche Engagement vor Ort habe mit dazu beigetragen, dass für Mühsam nun eine eigene Stele vorgesehen ist. Das verstehen wir als Bestätigung dafür, dass eine breite und beharrliche Erinnerungskultur etwas bewirken kann.
In Oranienburg erreicht die AfD bei der Bundestagswahl 2025 mehr als 30 Prozent der Stimmen. Macht sich diese Stärke auch im Stadtbild bemerkbar, etwa durch Schändungen von Gedenkorten oder Einflussversuche auf die Gestaltung des neuen Erinnerungsortes?
Leider kommt es immer wieder zu Schmierereien von Hakenkreuzen, antisemitischen Parolen oder anderen rechten Symbolen. Betroffen war zuletzt auch der Gedenkort der ehemaligen Synagoge, dessen Beschädigungen wir vor unserer Demonstration verdecken mussten. Auch politisch gab es Widerstand gegen die Neugestaltung des Gedenkortes. Die AfD lehnte das Projekt von Anfang an ab, angeblich, um Kosten zu sparen. Statt der nun geplanten 14 Informationsstelen wollte sie die Inhalte lediglich über einen QR-Code am bisher unscheinbaren Gedenkort zugänglich machen.
Was hat uns Erich Mühsam angesichts des gesellschaftlichen Rechtsrucks und wachsender Kriegsgefahr heute noch zu sagen?
Mühsam erinnert daran, dass Demokratie und Freiheit nicht selbstverständlich sind, sondern verteidigt werden müssen: gegen autoritäre Entwicklungen, gegen Ausgrenzung und gegen die Einschüchterung politischer Gegner. Sein berühmter Satz »Sich fügen heißt lügen« bringt eine Haltung auf den Punkt, die bis heute aktuell ist: Unrecht darf nicht aus Bequemlichkeit oder Angst hingenommen werden. Gerade in Zeiten, in denen rechtsextreme Kräfte an Einfluss gewinnen und gesellschaftliche Konflikte zunehmen, fordert Mühsam dazu auf, Haltung zu zeigen, solidarisch zu handeln und Widerspruch nicht aufzugeben. Seine Schriften sind deshalb nicht nur historische Zeugnisse, sondern auch eine Einladung, Verantwortung für die Gegenwart zu übernehmen.
→ Bruno Weber (parteilos) gehört dem Vorbereitungskreis für das Erich-Mühsam-Gedenken in Oranienburg an
→ Gedenkdemonstration: Sa., 11.7., 14 Uhr, Bahnhof Oranienburg
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