- → Ausland
Fataler »Besuch«
Vor 26 Jahren löste der israelische Oppositionsführer Ariel Scharon die Zweite Intifada aus
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Ariel Scharon, damals noch Oppositionsführer in Israel, »besucht« den Haram Al-Scharif (Tempelberg) in Jerusalem, umgeben von einem Riesenpolizeiaufgebot, wohl an die tausend Bewaffneten. Der »Besuch« dauerte fast eine Stunde und führte zu großen palästinensischen Protesten. Scharons »Begleitung« schlug diese mit roher Gewalt nieder. Es gab Dutzende von Verletzten, sowohl Palästinenser als auch Polizisten. Demonstrationen verbreiteten sich in Ostjerusalem und in der besetzten Westbank, insbesondere in Ramallah.
Es war der 28. September 2000. Ich verfolgte alles aus meinem Büro an der Universität Birzeit. Meine erste Reaktion war ein Anruf bei meiner Mitarbeiterin in Jerusalem: »Schließ sofort das Büro, hol deine Kinder aus der Schule ab, und bleib zu Hause! Gleich wird die Hölle losbrechen.« Als ich mich am frühen Nachmittag auf den Weg zurück nach Jerusalem machte, war Ramallah am israelischen Militärstützpunkt bei Beit El ruhig. Ich hoffte, dass wir alles glimpflich überstanden hätten. Aber da hatte ich mich getäuscht.
Die Hölle brach los, aber erst nach dem Freitagsgebet auf dem Haram. Die israelische Armee wollte offensichtlich einen größeren Zusammenstoß mit den Palästinensern provozieren, damals noch unter der Führung von PLO- und Fatah-Chef Jassir Arafat. Als die Gläubigen aus der Moschee strömten, kam es zur Konfrontation mit den etwa 2.000 Polizisten und zahllosen Scharfschützen. Die Palästinenser warfen Steine. Die Scharfschützen erschossen vier der Demonstranten, mehr als 200 wurden verletzt. Zwei weitere Tote gab es außerhalb der Altstadt. Zusammenstöße wurden von überall in der Westbank berichtet. In Gaza wurde am 30. September der zwölfjährige Mohammed Al-Durra von der Armee kaltblütig erschossen, zusammen mit dem Fahrer eines Krankenwagens, der ihn retten wollte.
Der israelische Wissenschaftler Menahem Klein berichtet, dass Israels Ministerpräsident Ehud Barak noch im Sommer 2000 angeordnet hatte, dass die Armee taktische Einsatzpläne entwickelt, um den Ausbruch einer zweiten Intifada (arabisch für »Aufstand«) zu verhindern. »Dazu gehörte der vermehrte Einsatz von Heckenschützen durch die Armee, der in den ersten Tagen der Intifada zu den vielen palästinensischen Toten und Verletzten führte.« Sein Schluss daraus: »Diese hohen palästinensischen Verluste führten dazu, dass aus einem einzigen gewaltsamen Zusammenstoß im Haram Al-Scharif nach Scharons Besuch eine nationale Intifada entstand.« Der Journalist Akiva Eldar, einer der besten Kenner der palästinensischen politischen Szene, stimmt dem zu. Er argumentiert, dass die Rolle der Armee und der israelischen Einsatzkräfte bei der Entwicklung und vor allem bei der Intensivierung der Intifada zentral gewesen sei.
Die Zusammenstöße nahmen, anders als in der Ersten Intifada, sehr schnell einen gewaltförmigen Charakter an. Den Palästinensern gelang es nicht wie noch 1987, den militärischen Angriffen einen gewaltlosen Massenaufstand entgegenzusetzen. Es gab zwar immer wieder neue Anläufe in dieser Richtung. Sie scheiterten angesichts der extremen Machtasymmetrie. In der palästinensischen Gesellschaft setzte sich die Auffassung durch, dass die Besatzung nicht durch einen gewaltlosen Widerstand beendet werden könne. Statt dessen unterstützten die Menschen einen bewaffneten Widerstand, selbst mit Suizidattentaten.
Die mit der Fatah konkurrierende Hamas schloss sich dem Widerstand erst im März 2001 an. Bis dahin hatte die israelische Armee schon 365 Palästinenser getötet, in der großen Mehrzahl Zivilisten. Außerdem nahm die Armee systematisch und gezielt führende palästinensische politische Aktivisten ins Visier. Amnesty International sprach von »außergerichtlichen Tötungen«. Die Armee nannte es »gezielte Tötungen«. Zwischen September 2000 und Sommer 2003, als die Palästinenser sich für die Abwendung vom militärischen Widerstand und zur Wiederaufnahme der Politik entschieden, wurden etwa 2.500 Palästinenser erschossen.
2004 ermordete die israelische Besatzungsmacht zuerst den Hamas-Gründer Scheich Ahmed Jassin in Gaza, danach sehr wahrscheinlich den Fatah-Gründer Jassir Arafat in Ramallah, auch wenn dessen Todesumstände bis heute offiziell als ungeklärt gelten. Der populäre Fatah-Aktivist Marwan Barghuthi wurde 2002 zu mehrmals lebenslänglich verurteilt und ist seitdem in israelischer Haft. Aber all dies verblasst im Vergleich zur Lage heute, mit dem Völkermord in Gaza und der zusehends völkermörderischen »ethnischen Säuberung« in der Westbank.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
