Zum Inhalt der Seite
Hardcore-Punk

Gotta, gotta, gotta go

Agnostic Front und die Klänge der Revolution live in Braunschweig

Foto: Sports Press Photo/IMAGO
So jung kommen sie nie wieder zusammen: Agnostic Front (2026)

Vor einigen Jahren folgte Agnostic Front noch regelmäßig eine betont garstig dreinblickende nach Testosteron stinkende Horde Jungstiere, die mit freien, spätestens nach »My Live My Way« schweißglänzenden Oberkörpern übereinander herfielen. Am Ende des Konzerts, nach der obligatorischen Zugabe von »Blitzkrieg Bop«, hatten ein paar von ihnen selbstgedrehte, rot siffende Tempo-Tampons in der Nase stecken. Ein Fest der komplett freidrehenden Maskulinität!

Bei diesem Rundumschlag mit der agnostischen Gemme kam man sich als Metalhead immer ein bisschen wie ein Hippie vor. Etwas mehr Geschlechterparität hätte ihren Konzerten einfach gutgetan. Davon ist ihr Gastspiel im Braunschweiger Kufa-Haus zwar immer noch weit entfernt, aber es wird, wie eigentlich überall im Krachgenre, stetig besser, und das hebt die Laune ungemein. Tatsächlich stehen einige Frauen weit vorn an der Bande, was den altgedienten Frontbulldog Roger Miret sogar ein paar ungelenke, fast schon juvenile Charmeoffensiven mit Spitzmäulchen und Winkewinke abnötigt.

Die übertriebene Murrkultur von damals ist im zunehmenden Alter einer Freundlichkeit gewichen, die sich aufs Publikum überträgt. Mirets Appell, jetzt aber mal langsam pogo­mäßig aus der Hüfte zu kommen, hat auf einmal etwas Liebenswertes. »A little push on the left, a little push on the right«, tänzelt er da gutgelaunt auf der Bühne herum, und die Braunschweiger Crowd kommt dem gerne nach – auf eine fröhlich hedonistische Weise, die eher was mit Toberaum als mit D-Day zu tun hat. Und auch wenn Miret vor dem Song »Police State« noch einmal abrechnet mit den politischen Feinden – »Fuck trump, fuck the leaders of our countries, fuck everybody!« –, will er sich davon den Spaß nicht mehr verderben lassen.

Anzeige

Auch ihrem Gründungsgitarristen Vinnie Stigma hat dieser Gig gegen Ende der laufenden »Echoes in Eternity«-Tour ein teuflisches Lächeln ins Gesicht geschnitzt. Stigma ist mit siebzig Jahren die zwar nicht graue, aber faltige Eminenz der Band und fühlt sich augenscheinlich recht wohl in der Rolle als Keith Richards des Hardcore-Punk. Er zeigt immer wieder die Rückseite seiner Gitarre mit dem großen »Stigma«-Aufkleber, damit auch allen klar ist, »I am not ­fucking anybody«, und spielt überdies das, was ihm halt gerade so passt. Die Rifflöcher stopfen muss »der Neue«, seit zehn Jahren ist das Craig Silverman, ein solider Rhythmusholzer, der offensichtlich am Hackbrett gelernt hat. Soli sind sowieso Kunstkacke für New Yorker Eierköpfe. Zu denen gehören sie wahrlich nicht.

Selbstredend spielen sie ihre Semihits »Eliminator«, »Old New York« und natürlich »Gotta Go«, der als Grölvorlage immer noch hervorragende Dienste leistet. »From the East Coast to the West Coast / Gotta, gotta, gotta go / True sounds of a revolution / Gotta, gotta, gotta go / In our hearts and in our souls / Gotta, gotta, gotta go / United we stand, divided we fall / Gotta, gotta, gotta go«. Wenn das aus 250 Kehlen kommt, glaubt man es schon fast.

Es ist also ein großes Geben und Nehmen, das zeigt sich auch als Bolle, der Sänger des sympathischen Openers Offside, beim Iron-Cross-Cover »Crucified« als erster Stagediver dem Publikum aufs Dach steigt. Es folgen dann noch ein paar Trittbrettfahrer. Am meisten Spaß hat ein Teen-Punk, der dreht da oben unablässig seine Kreise. Leider haben wir unsere Sportbrillen nicht einstecken.

Und weil nun mal irgendwann »Blitzkrieg Bop« kommen muss, die Ramones wie Agnostic Front aus New York City stammen und in der niedersächsischen Tiefebene dem Gerücht nach der Punk begraben liegt, schaut sich Miret noch einmal genauer um – und fühlt sich hier im Kufa-Haus, warum auch immer, plötzlich an das legendäre CBGB erinnert. Danach muss man aufhören, denn schöner kann es für die Anwesenden ja nicht mehr werden.

→ »Echoes in Eternity«-Tour: 14.8., Freiluft-Arena, Graz; 15.8., Reload Festival Sulingen

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 13.08.2026, Seite 10, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!

+++ No War On Cuba! Protestwache vor der US-Botschaft in Berlin! +++ No War On Cuba! Protestwache vor der US-Botschaft in Berlin! - No War On Cuba! +++