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Graffiti

Foto: Everett Collection/IMAGO
Im modernen Stadtbild rasch allgegenwärtig geworden. Graffiti in Brooklyn, New York, Mitte der 1970er Jahre

Buchstäblich bedeutet »Graffiti« zwar »geschrieben« oder »gezeichnet«, aber das Buchstäbliche ist an dieser Ausdrucksform nicht entscheidend. Vielmehr sind es die stofflichen und gesellschaftlichen Hinter- oder Untergründe, auf denen die geschriebenen oder gezeichneten Buchstaben zu finden sind: Häuserwände und andere öffentliche Flächen, die – ursprünglich – ohne Genehmigung der Besitzer verziert oder – in deren Augen – verschandelt wurden.

In diesem Sinne reicht die Spanne der Erscheinungen, die unter den Begriff Graffiti fallen, von Jahrtausende alten geritzten Botschaften in den Ruinen des antiken Pompei über in schwarzer Farbe hingeschmierte »Free Gaza«-Slogans an den Fassaden Berliner Mietshäuser bis hin zu Werken des britischen Straßenkünstlers Banksy, die auf vorsichtig herausgetrennten Wandstücken in Auktionshallen von Sothebys als Geldanlage für Superreiche versteigert werden. Trotz seiner altertümlichen Wurzeln ist Graffiti vor allem eine Erscheinung des Neoliberalismus, es symbolisiert das zugleich proletarische wie bürgerliche Bedürfnis, sich in einem atomisierten urbanen Raum Anerkennung als Individuum zu ertrotzen.

Erzählungen über den Ursprung der heutigen Kunstform Graffiti beginnen meist in den späten 1960er Jahren in den USA: mit dem Teenager Demetrius in Manhattan, der ab 1969 überall sein »Tag« Taki 183 hinterließ (Taki ist ein typischer griechischer Spitzname, 183 die Straße, in der er wohnte), bis ihn 1971 die New York Times in einem Artikel verewigte und damit unzählige Nachahmer inspirierte. Oder im Jahr 1967, mit dem Zeichner Cornbread in Philadelphia. Es war aber definitiv New York, wo sich die Entwicklung dieser schlichten einfarbigen Schriftbilder, die meist mit Markern wie dem Magnum 44 oder Pilot geschrieben wurden, zu immer komplexeren Kunstwerken vollzog, die mit den 1949 patentierten Sprühdosen angefertigt wurden: 1971 sprühte ein Mann, der sich Super Kool 223 nannte, das erste große »Piece« auf eine New Yorker U-Bahn – und bald fuhren fast nur noch mit grellen Riesenbuchstaben verzierte Züge durch das Stadtbild.

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Diese Ausprägung des Graffitis, also das Sprayen fein ausgearbeiteter Schriftzüge, wurde neben Turntablism, Rappen und Breakdancen eine der vier Säulen der HipHop-Kultur. Mit dem Film »Style Wars« (1983) und dem dort gefeatureten Künstler Seen kam die Kunstform nach Deutschland, wo dann der deutsche Sprayer Loomit – ein Lehrling von Seen – zusammen mit anderen die Kunst am 24. März 1985 mit dem »Geltendorfer Zug«, der ersten komplett besprühten Bahn Deutschlands, in die Schlagzeilen brachte.

In Frankreich hingegen traf der US-Trend auf eine schon etablierte Straßenkunstszene, die ihre Wurzeln in der Bewegung der Situationisten hatte – erinnert sei an Guy ­Debords berühmten Slogan »Ne travaillez jamais!« (»Arbeitet niemals!«, circa 1965). In Paris und anderen französischen Städten waren damals auch schon Techniken des kunstvollen Ausschneidens von Werbeplakaten verbreitet, die im Rest der Welt erst später von der Graffitikultur aufgegriffen wurden und heute im Ad-Busting weiterleben, dem subversiven Abändern von Werbungen. Dasselbe gilt für die Verwendung vorgefertigter Schablonen (Stencils), um möglichst schnell ein Motiv zu sprühen.

Ob die Buchstaben also geritzt, gekritzelt, geklebt oder geschmiert sind, war somit für die Ausdrucksform Graffiti lange nicht entscheidend – vielmehr die Illegalität oder zumindest der darin geäußerte Ungehorsam. Aber schon ab den späten 1980ern, als die New Yorker Künstler Jean-Michel Basquiat und Keith Haring Stilelemente des Graffiti in der Kunstwelt zu Geld machten, hat sich eine Art Ersatzgraffiti ausgebreitet: Städte stellen Sprayern Freiflächen zur Verfügung, um ihre vermeintliche Liberalität zu feiern (Stichwort Berliner Mauer), Steetart-Ikonen werden angeheuert, um für kapitalistische Parteien Wahlkampf zu machen (siehe Shepard Faireys »Hope«-Plakat für Obama 2008) oder offizielle Gebäude zu dekorieren – Loomit ließ sich sogar dafür bezahlen, das private Badezimmer des damaligen Münchner Oberbürgermeisters Christian Ude zu verschönern. Sicher nicht die erste Klowand, die er verziert hat. Die Frage ist längst nicht mehr, ob Graffiti Kunst ist. Sondern, ob diese Kunst noch Graffiti ist.

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Erschienen in der Ausgabe vom 12.08.2026, Seite 14, Feuilleton

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