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HipHop

Genie und Wunderwaffe

»Dillagence II«: Busta Rhymes rappt ein Mixtape-Album auf den Beats des legendären J Dilla

Foto: Smithsonian National Museum of African American History and Culture/gemeinfrei
Soundschnipsel laden und los: J Dilla liebte Akais Sampler MPC 3000

Busta Rhymes und ich haben was gemeinsam: Endlich können wir wieder was über Beats von J Dilla droppen. Busta frische Raps, da ihm aus dem Nachlass des vor 20 Jahren verstorbenen Produzenten insgesamt fast 300 Instrumentals zur Verfügung gestellt wurden, um daraus sein neues Mixtape-Album »Dillagence II« zu machen. Und ich angestaubtes Nerdwissen über J Dillas Produktionstechnik, das ich über die Jahre in meinem Kopf archiviert habe.

Dafür sollte ich für Fachfremde vielleicht erst ein paar Grundinfos sampeln und remixen: J Dilla (1974–2006) war ein Beatmacher aus Detroit, der für eine der letzten großen Revolutionen der Musikgeschichte verantwortlich war: das kunstvolle Spiel mit dem Mikrotiming von Beats, dem sogenannten Dilla-Feel. Questlove, der Botschafter des HipHop und Drummer der Live-Rap-Gruppe Roots, hat sein Schlagzeugspiel nach diesem Dilla-Feel geformt, aber selbst im modernen Jazz sind die Einflüsse hörbar. Bands von Snarky Puppy über Sungazer bis zu DOMi & JD Beck versuchen, seine schleppenden Bassdrums und vorauseilenden Snares in ihr Spiel zu integrieren.

Der US-amerikanische Journalist Dan Charnas hat der Technik dahinter sogar ein Buch gewidmet, »Dilla Time« (2022), 480 Seiten gespickt mit seltsamen Illustrationen rhythmischer Informationen und Diskussionen um die Quantisierungsfunktionen der MPC von Akai, einem berühmten Sampler. Denn die MPC war Dillas Wunderwaffe, sein Modell einer MPC 3000 steht sogar im National Museum of African American History and Culture der Smithsonian – zwischen Instrumenten wie Chuck Berrys E-Gitarre »Maybellene« und einem von Charlie Parkers Saxophonen.

Grob vereinfacht ist die MPC ein dicker Kasten mit 16 kleinen Pads, in vier Reihen angeordnet. Auf jedes dieser Pads kann man einen Soundschnipsel laden, den man zuvor etwa von einer Platte aufgenommen und bearbeitet hat, Bassdrumschläge, Snares, aber auch kurze Gesangslinien oder Akkordabfolgen. Dann lassen sich die Pads spielen wie ein Schlagzeug – und so Beats bauen.

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Die MPC war ab Anfang der 90er das Standardgerät für HipHop-Produzenten, Dr. Dre setzte sie für sein berühmtes Album »The Chronic« (1992) ein – aber keiner spielte sie so wie Dilla.

Foto: Scott A Garfitt/Invision/AP/dpa 11_2.jpg
Rampensau: Busta Rhymes auf dem Glastonbury-Festival (2025)

Die MPC hat ein internes Metronom. Hat man das Tempo für einen Song eingestellt, kann man jeden Schlag, den man gespielt und aufgenommen hat, quantisieren, das heißt nachträglich mathematisch perfekt positionieren. Außerdem kann man einstellen, wie viel Swing das Tempo haben soll. Etwa ob die Achtelnoten wirklich exakt gleich lang sind oder ob sie wie im Jazz »geschwungen« sind, also wie der erste und der dritte Schlag einer Gruppe Triolen gespielt werden. Also laaaang-kurz-laaaang-kurz etc.

Mathematisch perfekte Beats klingen schnell leblos. Der Erfinder der MPC, Roger Linn – der zuvor auch Princes Lieblingsdrumcomputer entwickelt hatte, die Linn Drum Machine – versuchte, dem entgegenzuwirken, indem man die Swing-Ratio skalieren und einzelne Schläge um Millisekunden verschieben konnte. Und hier kam Dillas Virtuosität ins Spiel: Er mischte wild quantisierte und nichtquantisierte Spuren, verschiedene Swing-Ratios, schob bestimmte Samples leicht vor und zurück. Die minimalen Diskrepanzen zwischen den Spuren erzeugten dadurch unwiderstehliche, aber hinkende Grooves. Eine ganze Bewegung entstand um diesen neuen Sound herum, die Soulquarians um Questlove, Erykah Badu, Common, D’Angelo, Robert Glasper.

Ein gutes Beispiel auf »Dillagence II« für diesen Dilla-Feel ist der Track »This Woman« mit einem der Soulquarians, dem 2025 verstorbenen Soulsänger D’Angelo. Die Hi-Hat, die Bassdrum und die Snare tänzeln gutgelaunt beschwipst umeinander herum, schaffen durch ihre winzigen Abweichungen einen wunderbar zuckenden Groove. Ein altes Beispiel ist der Track »Runnin’«, den Dilla 1995 für die Gruppe Pharcyde programmierte – mit einer unquantisiert eingespielten Bassdrum, deren Muster sich über 20 Takte nicht wiederholt.

»Dillagence II« highlightet aber neben dem Dilla-Feel noch eine zweite Stärke von Dillas Herangehensweise: das kreative Zerstückeln und Zusammensetzen von Akkordsamples, um daraus völlig neue Harmonien zu schaffen, teils in anderen Taktarten als das Original. Oder Beats, die die Vocals der gesampelten Platte nicht kaschieren und nur die Instrumentalteile nutzen, wie Beatmacher es sonst versuchen, sondern den Gesang vielmehr zum Begleitinstrument machen. Etwa im Intro von »Dillagence II«, wo eine Zeile aus »A Day in the Life of« – allerdings nicht die Beatles-Version – immer wieder wiederholt wird. Oder »SPAZZ«, wo sich unter Bustas Raps irgendwann eine endlos wiederholte Phrase mischt. Ein wunderbarer Entfremdungseffekt, den Dilla auf seiner im Krankenhaus entstandenen experimentellen Soloinstrumentalplatte »Donuts« (2006) perfektioniert hatte.

Eigentlich sprechen Dillas Beats deswegen für sich selbst – aber Busta Rhymes vertraut bei »Dillagence II« anscheinend nicht ganz darauf. So werden immer wieder Zitate von Gewährsleuten eingespielt, um für das Genie von Dilla und Busta zu bürgen. Mehrere Anrufbeantworternachrichten von Dillas Mutter – deren Segen auch aus rechtlichen Gründen empfehlenswert ist: Sie hat große Kämpfe um den völlig undurchsichtigen Nachlass ihres Sohnes geführt. Außerdem ein Interviewschnipsel von Kendrick Lamar, der die Combo Dilla-Busta als seine Lieblingscombo preist. Und schließlich ein Statement von Roger Linn, der Dillas Kreativität an der von ihm entwickelten MPC lobt. Diese ständigen Testimonials lassen den Groove der Platte etwas hinken – aber nicht auf die gute Art.

→ Busta Rhymes & J Dilla: »Dillagence II« (The Conglomerate Inc.)

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.09.2026, Seite 11, Feuilleton

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