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Aus: Ausgabe vom 24.01.2026, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Verriss und Substanz

Vom Umgang mit Kritik im Pop: Eine etwas lahme Taz-Veranstaltung in Berlin
Von Thomas Salter
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Lass mal hören: DJ und Popkritiker

Juliane Liebert ist eine sehr sympathische Person, und ihre Musikrezensionen sind grässlich. Okay, ehrlich gesagt, weiß ich das nicht ganz sicher, ich lese ihre Musikbesprechungen in der Zeit und Süddeutschen Zeitung seit zehn Jahren nicht mehr – substanzlose, vollgezuckerte Bemusterungsprosa wie Lieberts hat für mich weder Nutz- noch Unterhaltungswert.

Der Einstiegssatz oben ist bekannt, es ging allerdings um eine andere Person, um die »sympathische« Poprapperin Nina Chuba und ihre »grässliche« Musik. Lieberts im September 2025 erschienene Rezension in der Zeit sorgte für einen Shitstorm, der von dem Youtuber Rezo noch befeuert wurde, als er Liebert für den Chuba-­Verriss in einem kurzen Instavideo »Opfer« nannte. Die große Aufregung verebbte bald wieder, spukt bis heute gleichwohl als Shitstormgeist einigermaßen lustlos durch die Feuilletons. Mittwoch war Lieberts Text außerdem Anlass der Veranstaltung »Höhere Weihen, niedere Instinkte« bei der Taz in Berlin.

Anlässe wie dieser sind für freiberufliche Autoren wie den Verfasser dieser Zeilen ein genehmes Verkaufsargument gegenüber aktualitätsgetriebenen Feuilletonredakteuren, die stets Seiten zu befüllen haben. Um so mehr, wenn diese Anlässe versprechen, das zu bedienen, was man im Feuilleton »Feuilletondebatten« nennt.

Leider lässt sich aus der genannten Taz-Veranstaltung nicht viel Positives berichten. Würde es sich bei dem besprochenen Gegenstand um ein Album handeln, behielte ich mein subjektives Urteil für mich, auch wenn mir dafür leicht verdientes Zeilengeld flöten ginge. Leider kommt es nicht in Frage, die Gefühle des Moderators Julian Weber (Taz-Kulturredaktion) zu schonen. Auch deshalb, weil die vier Diskutanten – neben Juliane Liebert noch die Autorin Annekathrin Kohout, Henrik von Holtum von der Rapgruppe Kinderzimmerproductions und Weber selbst – auf der Relevanz vernichtender Kulturkritik beharren: Es ist der Verriss, den sie gegen das Internet verteidigen wollen.

In dem Bemühen, die mit 23 Zuschauern recht gemütliche Veranstaltung durch kontroverse Aussagen zu beleben, verteidigte Moderator Weber die »tolle Kritik« der anwesenden Liebert als »Boosterism, ein legitimes Stilmittel«. Rezo hingegen – »so ein Blauhaariger«, der »im Fernfahrersitz im Jugendzimmer hockt« und sich »wie ein Fischhändler am Fischmarkt« aufführe – würde wie alle Influencer »vom Shitstorm leben«. Liebert wollte auf Webers Zuspitzung nicht so richtig einsteigen, stellte indessen fest, ihr Chuba-Verriss sei weniger brennendes Bedürfnis als »eine Auftragsarbeit« gewesen. Was den Shitstorm anbelangt, sagte sie: »Für die Zeit war das gut, für mich nicht so.« Der Interpretation, die werbefinanzierte Zeit sei damit ähnlich »unlauter« und »unappetitlich« (Weber) unterwegs wie der werbefinanzierte Rezo, wurde nicht weiter nachgegangen.

»Im Internet fallen alle Hemmschwellen«, legte Weber nach. Liebert, Autorin des Buches »Hurensöhne! Über die Schönheit und Notwendigkeit des Schimpfens«, ein unterhaltsames Lob auf verbale Entgleisungen, rüstete lieber ab: Der Shitstorm habe ihr »keine Angst gemacht«.

Nun gut: Ich wäre kein richtiger Feuilletonist, wenn ich die kleine Veranstaltung über eine Rezension nicht zu einer Debatte übers Feuilleton bzw. Popfeuilleton als Ganzes aufblasen würde.

Als Popfeuilletonist habe ich, wie wahrscheinlich auch Taz-Redakteur Weber, Diedrich Diederichsens kulturtheoretisches Mammutwerk »Über Pop-Musik« nahezu ungelesen im Regal stehen. Und wenngleich ich nicht zu den Anhängern des Ex-Spex-Gurus gehöre, erkenne ich gern an, dass Diederichsen, wenn er sich gerade nicht in Nebensatzlandschaften verirrt, häufig interessante Denkansätze liefert. Er und etwa Dietmar Dath – über den ich leider nichts unterhaltsam Verreißendes sagen kann, da er empörend klug, kreativ und nett ist – standen ab 1980 für einen neuen Umgang mit der von Theodor W. Adorno kritisierten Kulturindustrie: Pop zwar als Ergebnis des kapitalistischen Verblendungszusammenhangs zu sehen, ihn aber nicht adornitisch zu verwerfen, sondern produktiv für die Analyse der Gesellschaft zu nutzen.

Bei vielen Diederichsen-Nacheiferern, zu ihnen gehört auch Weber, hat sich jedoch in beharrlicher Verwässerung der von Diederichsen bemühten »Kritischen Theorie« ein eindimensionales Verständnis des Wortes »Kritik« eingeschlichen, das sich so gar nicht mit den Ansichten des meist ohne Kontext zitierten Adornos deckt. Gut zeigen kann man das anhand eines Taz-Artikels von Jonathan Guggenberger, in dem er Anfang des Jahres versuchte, das Shitstürmchen erneut zu einem Hurrikan hochzublasen. Guggenberger, locker in der Lage, mit klugem politischem Feuilleton wie einer Analyse von Zohran Mamdanis Lächeln zu überzeugen, monierte, »wochenlange Debatten, früher so spannend wie heute eine Netflix-Serie«, gebe es in Kulturteilen nicht mehr. Grund dafür sei, dass längst zu wenige Autorinnen und Autoren so »kritisch« wie Liebert seien, sich angesichts der Macht von Plattenlabels etc. kaum jemand mehr an Verrisse traue.

Kritik als Auflage machendes Dooffinden von Kunstwerken also. Die Kulturkritikkoryphäen Adorno und Walter Benjamin, letzterer Feuilletonist, hatten da wohl doch Substanzielleres im Kopf. Aber den Kapitalismus kritisieren oder gar: verreißen? Und dabei die gemeinsamen ökonomischen Zwänge von Feuilletonisten und Influencern benennen? Das wäre nun wirklich nicht gut für die Auflage.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Christoph Heuke (23. Januar 2026 um 22:15 Uhr)
    Am Thema weitergehend Interessierten empfehle ich einen Blick auf die Debatte zu »Poptimism«, insbesondere auf die Beiträge des auch sonst sehr beachtenswerten US-Marxisten Freddie deBoer.

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