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Jazz

Wunderkinder unter sich

DOMis und JD Becks ziemlich irres zweites Album »Who Asked?«

Foto: Blue Note Records
Seit 2019 unzertrennlich: DOMi (l.) und JD Beck

Maximalistischer Minimalismus, so lässt sich die Musik des Duos DOMi & JD Beck am besten zusammenfassen – oder minimalistischer Maximalismus? Egal, gut illustrieren kann man das so oder so an der Sache mit dem Kopfmikrofon. Aus irgendeinem Grund haben die zwei Wunderkinder des modernen Jazz bei ihrem zweiten Album »Who Asked?« beschlossen, für die Aufnahmen fast ausschließlich das Neumann KU 100 zu benutzen: einen Dummykopf, in dem links und rechts im Ohr jeweils ein Mikro eingebaut ist. Gewöhnlich bestehen Tontechniker darauf, für jedes Instrument verschiedenste Mikrofone einzusetzen – Kleinmembran-, Großmembran-, Ribbon-, Kondensor- oder dynamische –, um mit deren unterschiedlichen Frequenzspektren dem Instrument die besten Nuancen zu entlocken. DOMi & Beck wollten es simpler und haben sämtliche Streicher – und es sind unfassbar viele Streicher – und all ihre Gesänge – und es sind unfassbar komplexe Gesänge – sowie Celesta und die Drums (bis auf die Kickdrum) mit dem seltsamen Dummykopf aufgenommen. Minimalistisch-maximalistisch eben.

Und was da auf den Dummykopf eingeprasselt ist! Maximalismus pur: Wie schon auf ihrem Debüt »Not Tight« (2022) weben die beiden in unmenschlicher Geschwindigkeit einen pointillistischen Klangteppich aus Jazz, Lo-Fi-HipHop, Drum ’n’ Bass, Klassik und Pop. JD Beck groovt sich wie ein Drumcomputer mit zuviel Strom über sein Kit, mischt Jungle-Breakbeats mit Polyrhythmen und absichtlich verzogenen HipHop-Beats à la J Dilla, die Felle der Toms und Snare stets bedeckt mit Decken und Schlüsseln und Pfannen und anderem Klimbim, damit all die rasanten Anschläge nicht ineinander klingen. DOMi rast dabei mit der rechten Hand auf ihrem Keyboard Arpeggios und Skalen hoch und runter, während sie gleichzeitig mit der linken Hand – und manchmal mit Orgelpedalen – die teils kontrarhythmischen Bassparts spielt.

Nur zwei Instrumente: Minimalismus. Die dabei in doppelter Geschwindigkeit 100 Jahre Jazztheorie, Ravel und elektronische Musik vermischen: Maximalismus. Etwa der Song »Some Things Never Change«: tiefer Bass, sanfte Synthflächen, zunächst rudimentäres Schlagzeug, sofort setzt der Doppelgesang ein: »Isolated, nowhere left to hide …«, die Metrik des ersten Satzes erst wiederholt am Anfang der nächsten Strophe, »Eyes dilated, burning pain inside« – klar, ABAB-Reimschema is nicht. Die Gesangsmelodien süß, aber nicht gefällig, ein wunderbar melancholisches Call and Response zwischen beiden Stimmen. Im Verlauf des Songs schleichen sich immer wieder verschnörkelte Unterrhythmen von Glockenspiel oder Querflöte ein. Eine ambitionierte Popnummer, könnte man meinen – bis am Ende DOMI ein rasantes Jazz-Solo abfeuert und sich dabei in verschachtelten Arpeggios und Licks langsam nach oben schraubt.

Ihre Key-Sounds sind dabei so abgehackt wie JD Becks Drums – um keine störenden überlappenden Disharmonien zu erzeugen, wie sie im Interview mit dem berühmten Youtuber Rick ­Beato erklärte. Trockene, minimalistische Timbres eben – um maximalistisch viele Töne abzufeuern.

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Oder »Out of Sync«, wo auf eine rhythmisch undurchschaubare Strophe mit verzerrten Keys ein Refrain folgt, in welchem die Taktwechsel den Text illustrieren: »Time – is – out – of – sync, carry on«, wiederholen DOMi und JD viermal, aber in abnehmender Länge: sieben Viertel beim ersten Durchgang, bei den nächsten beiden sechs Viertel, zuletzt fünf.

Ein weiteres Highlight ist »Concertino (For Piano, Drums and Orchestra)«, wie der Name schon sagt ein kleines Orchesterkonzert über Schlagzeugbeat, wobei die Drums aus den fließenden orchestralen Passagen kantige Polyrhythmiken herausmeißeln.

In vielem ist das Zweitwerk üppiger ausgefallen als der Vorgänger. Bis auf die Features: Während sich die beiden auf »Not Tight« Unterstützung von Jazzern wie Herbie Hancock und Thundercat sowie von Sängern/MCs von Mac DeMarco über Anderson Paak bis Snoop Dogg holten, sind sie auf dem neuen Album – bis auf die Streicher – auf sich allein gestellt.

Und die zwei kommen ganz gut alleine klar – schließlich sind sie seit 2019 unzertrennlich. Damals jammten die beiden Wunderkinder (DOMi Jahrgang 2000, JD Beck Jahrgang 2003) auf Erykah Badus Geburtstag zusammen, danach verbrachten sie ihre ganze Zeit damit, gemeinsam zu musizieren, elektronische Beats von Madlib bis Aphex Twin live nachzuspielen, auf Youtube Klassikpartituren mitzulesen und exzessiv Musik zu hören. Musiknerds, die dazu stehen: Wer sich etwa ihr »Tiny Desk Concert« auf Youtube ansieht, weiß, was gemeint ist. Zwei Aliens, die sich wie überzogene Klischees der 70er kleiden und sich inmitten eines Meeres an Blumen gegenübersitzen und dabei selig anstrahlen. Minimal. Maximal.

→DOMi & JD Beck: »Who Asked?« (Blue Note)

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.08.2026, Seite 10, Feuilleton

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