Neue Kolonialmacht am Golf
Die Vereinigten Arabischen Emirate erlangen verstärkt Kontrolle über Häfen in Afrika. Das Schema: Rohstoffe raus, Waffen rein
Ein gigantischer Goldraub, die Hochrüstung einer mörderischen Miliz und ansonsten reichlich Ausbeutung von Rohstoffen: In ihrem Wirken auf dem afrikanischen Kontinent scheinen die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) von ihren kolonialen Vorgängern gelernt zu haben. Die Financial Times schätzte die »imperialistischen Ambitionen« des Landes als »die bedeutendste geopolitische Verschiebung, seitdem China um die Jahrtausendwende begann, den Kontinent mit einer Mischung aus Krediten, Infrastruktur und Bergbaugeschäften zu umgarnen«.
Die Herrscher in Abu Dhabi stellen das selbstredend anders dar: Zeitgleich mit dem Erscheinen des Berichts der Financial Times am Dienstag veröffentlichten sie ein Statement, demzufolge sie zwischen 2021 und 2025 insgesamt 71 Milliarden US-Dollar (61 Milliarden Euro) in »erneuerbare Energien, Verkehrsinfrastruktur, Logistik und digitale Technologie« in afrikanischen Ländern investiert haben. Etlichen Schätzungen zufolge waren die VAE in den vergangenen zehn Jahren mit Projektzusagen im Wert von knapp 170 Milliarden US-Dollar (147 Milliarden Euro) gar der weltweit größte Investor in Afrika, vor China und der EU. Laut Außenminister Saeed bin Mubarak Al Hajeri ist »der Kontinent ein wichtiger Teil der Langzeitdiversifizierungsstrategie der Emirate«.
Während dieses Ziel klar scheint, sind die Methoden zu seiner Erlangung mindestens fragwürdig. Eklatantestes Beispiel ist dabei das Agieren der VAE im Sudan, wo die Emirate nach Recherchen von UN-Spezialisten und Menschenrechtsorganisationen die paramilitärische Rapid Support Force (RSF) unterstützen, der schwere Kriegsverbrechen zur Last gelegt werden. Die RSF wird auch für die Plünderung staatlicher Goldreserven aus einer Raffinerie und der Zentralbank zu Beginn des Bürgerkriegs im Sudan 2023 verantwortlich gemacht.
Insgesamt 1,5 Tonnen Gold im Wert von 100 Millionen US-Dollar (87 Millionen Euro) sollen damals gestohlen und in die VAE geschmuggelt worden sein. Sowohl die Emirate als auch die Paramilitärs streiten jegliche Beteiligung ab. Die VAE dementieren zudem, die RSF zu unterstützen. Der Konflikt eskalierte dennoch so weit, dass Truppen der sudanesischen Militärregierung im August 2025 auf dem Flughafen Nyala in Süddarfur eine emiratische Maschine abschossen, die ihrer Darstellung nach kolumbianische Söldner und Waffen für die RSF an Bord hatte. Mindestens 40 Menschen wurden dabei getötet.
Selbst der spektakuläre Goldraub wirkt jedoch regelrecht zwergenhaft, wenn man ihn ins Verhältnis zum Wert der Edelmetallmenge setzt, die einer Einschätzung der Organisation Swissaid jährlich undokumentiert – und unversteuert, zudem in aller Regel mit schwerwiegenden Umweltfolgen – aus afrikanischen Kleinminen in die VAE geschmuggelt werden: 30 Milliarden US-Dollar (26 Milliarden Euro). Etwas zynisch ließen sich die 71 Milliarden US-Dollar, die die VAE über fünf Jahre hinweg investiert haben wollen, vor diesem Hintergrund als gewinnbringende Anlage beschreiben.
Allzu schief ist der Vergleich aber gar nicht, da ein beträchtlicher Teil der Mittel laut Financial Times tatsächlich in den Bau und Kauf von Häfen, Inlandsterminals und Freihandelszonen floss, über die die Emirate heute einen Teil des Handels in 25 afrikanischen Ländern – darunter seit jüngstem auch die beiden stärksten Volkswirtschaften Nigeria und Südafrika – kontrollieren können. Wie eng die Investitionen dabei an das Herrscherhaus in Abu Dhabi gebunden sind, zeigt die Tatsache, dass der Großteil der Geschäfte über die laut Financial Times 240 Milliarden US-Dollar schwere International Holding Company abgewickelt wird, der mit Scheich Tahnoon bin Zayid Al Nahyan ein Bruder von Präsident Scheich Muhammad bin Zayid bin Sultan Al Nahyan vorsteht.
Der Fokus des Handels liegt für die Emirate auf Bodenschätzen, darunter neben Gold vor allem seltene Erden, die sowohl für die Rüstungsindustrie als auch für Batteriespeicher von großer Bedeutung sind. Die Kontrolle der Handelsrouten ermöglicht es Abu Dhabi zudem, Waffen an Milizen in ihren Diensten zu schmuggeln. Im Sudan soll die einst nur leicht bewaffnete RSF so mit Drohnen, Luftabwehrsystemen und gepanzerten Truppentransportern ausgerüstet worden sein. Ob die Herrscher in Abu Dhabi mit ihren Investitionen Regierungen stützen oder stürzen wollen, hängt in erster Linie von deren Bereitschaft zur Ausfuhr der begehrten Rohstoffe ab – noch so eine gelernte Lektion von den kolonialen Vorgängern.
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