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Aus: Ausgabe vom 08.04.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Handelsbeziehungen EU und Afrika

Von Erdgas und europäischen Werten

EU intensiviert Gasdeals mit afrikanischen Staaten. Konzerne gehen skrupellos vor
Von Christian Selz, Kapstadt
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Ruandische Soldaten spielen Wärter für westliche Kapitalinteressen, hier nahe der Afungi-Gasanlage in Mosambik (22.9.2021)

Afrikas Erdgasvorkommen gelten unter Branchenkennern als die am wenigsten erschlossenen der Welt. Doch daran hat sich in den vergangenen Jahren einiges geändert: Vor allem die Europäische Union versucht, den fossilen Energieträger vom Nachbarkontinent zu beziehen. Grundlage ist der im Mai 2022 präsentierte Plan »Repower EU«, der neben »Energieeinsparungen« und der Verdopplung des Anteils erneuerbarer Energien auch die »Diversifizierung von Energielieferungen« vorsah. Neue Projekte entstanden in der Folge in zahlreichen afrikanischen Staaten, wobei die vielzitierten europäischen Werte in bezug auf Menschenrechte und Umweltstandards vielerorts nicht immer an erster Stelle stehen.

So zum Beispiel in Mosambik. Vor der Küste des südostafrikanischen Landes lagern gigantische unterseeische Gasvorkommen, deren Ausbeutung der französische Konzern Total vorantreiben will. Die Regierung des Landes hatte dazu in der nördlichen Provinz Cabo Delgado bereits Kleinbauern von ihrem Land vertrieben, um Platz für die Gasinfrastruktur zu schaffen, als ein bewaffneter Aufstand das Projekt 2021 vorerst stoppte. Nach Darstellung der mosambikanischen Regierung und der meisten westlichen Medien handelte es sich bei den Attackierenden um islamistische Terroristen; Menschenrechtsorganisationen vor Ort verweisen jedoch auf den Zulauf, den die Aufständischen aus der marginalisierten Lokalbevölkerung erhalten hätten.

Auf Bitte des französischen Präsidenten Emmanuel Macron hin entsandte der ruandische Machthaber Paul Kagame schließlich sein Militär nach Mosambik, um die Anlagen zu schützen und gemeinsam mit den mosambikanischen Streitkräften die Aufständischen zu bekämpfen. 2024 deckte das US-amerikanische Onlinemagazin Politico ein Massaker auf, das von Total bezahlte und ausgerüstete Soldaten auf Konzerngelände an etwa 200 mutmaßlichen Aufständischen verübt haben sollen. Im November 2025 reichte die Menschenrechtsorganisation European Centre for Constitutional and Human Rights deshalb vor einem Pariser Gericht offiziell Klage gegen Total ein. Ende Januar verkündete das Unternehmen schließlich, das Projekt, das obendrein nahezu direkt an ein UNESCO-Meeresschutzgebiet angrenzt, weiter vorantreiben zu wollen.

Ebenfalls in Mosambik ist auch der italienische Ölkonzern ENI mit der Ausbeutung von Offshoregasvorkommen befasst; derzeit ist eine Ausweitung der Operationen geplant. Eine Finanzierungszusage seitens der Afrikanischen Entwicklungsbank rief Ende März sogar das Büro des UN-Menschenrechtskommissars auf den Plan, das in einer Mitteilung vor einer »Verschärfung von Menschenrechtsverletzungen« warnte.

Die EU hat selbstredend noch weitere Gaspartner in Afrika ausgemacht. Wachsende Bedeutung bekommt, neben dem Langzeitlieferpartner Nigeria, etwa auch Äquatorialguinea. Die ehemalige spanische Kolonie an der zentralafrikanischen Atlantikküste kannte seit der Unabhängigkeit 1968 genau zwei Staatsoberhäupter: Das erste war Francisco Macías Nguema, über den sich hartnäckig die Legende hält, dass er Regimegegner zu Weihnachten im Nationalstadion von als Weihnachtsmann kostümierten Henkern erschießen ließ, während aus den Lautsprechern das Mary-Hopkin-Lied »Those Were The Days« schallte. Der zweite Staatschef war und ist sein Neffe Teodoro Obiang Nguema Mbasogo, der 1979 erfolgreich gegen seinen Onkel putschte, ihn hinrichten ließ und seitdem – so hieß es in einem Beitrag der Deutschen Welle von April 2016 – »einfach alles kontrolliert: die Organisation der Wahlen, den kompletten Staatsapparat und die Medien«; Militär, Justiz und Staatskasse natürlich auch.

Letztere soll sich durch ein im Februar dieses Jahres verkündetes Kooperationsprojekt mit dem US-amerikanischen Öl- und Gasriesen Chevron weiter füllen. Zielmarkt ist die EU, für die dem Portal EU Reporter zufolge vor allem interessant ist, dass »Lieferungen aus Äquatorialguinea europäische Terminals schneller und zu geringeren Fracht- und Versicherungskosten als Lieferungen aus dem Nahen Osten erreichen«. Auch darin zeigt sich schließlich eine Diversifizierung europäischer Werte.

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