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Taiwan probt Krieg
Gegen Beijing gerichtet: Mit den USA im Rücken wird jährliches Manöver deutlich ausgeweitet. Chinesisches Militär präsentiert luftgestützte nukleare Schlagkraft
Das von China als abtrünnige Provinz betrachtete Taiwan hat am Mittwoch seine diesjährigen »Han Kuang«-Manöver begonnen. Die zehntägige Militärübung läuft bis zum 14. August. Geübt wird unter anderem die Reaktion auf einen chinesischen Erstschlag auf Kommandozentren, Häfen, Logistik und Rüstungsstandorte. Die Volksrepublik hat unterdessen am Dienstag ein Video veröffentlicht, in dem ein strategischer Bomber vom Typ H-6N neben zwei Stealth-Kampfflugzeugen vom Typ J-20 zu sehen war – unter dem Rumpf laut Militärbeobachtern eine offenbar atomwaffenfähige, luftgestützte ballistische Rakete vom Typ Jing Lei-1.
Für das Manöver hat der US-Verbündete in Taipeh mehr Reservisten mobilisiert als je zuvor: AP nennt über 5.000 in zwei Brigaden, Reuters mehr als 20.000 insgesamt. Auch die Zivilbevölkerung wird einbezogen. Geplant sind Luftschutzübungen, Evakuierungen und simulierte Mobilfunkausfälle. Neu ist außerdem ein Programm für eingebettete Kriegsberichterstattung und Desinformationsabwehr. Erstmals nehmen auch 108 US-Kampfpanzer vom Typ M1A2T Abrams teil. Ein größeres US-Rüstungspaket im Wert von 14 Milliarden US-Dollar wartet noch auf die Freigabe.
Zur strategischen Einordnung des Manövers lohnt der Blick auf die Landkarte: China ist vom offenen Pazifik weitgehend abgeschnürt. Von Japan über die Ryukyu-Inseln, Taiwan und die Philippinen bis nach Borneo verläuft die erste Inselkette. Ihre wenigen Durchfahrten – darunter Miyako-Straße, Bashi-Kanal und Luzonstraße – sind entscheidend für den Zugang chinesischer Kriegsschiffe zum Pazifik. Doch diese Schlüsselpositionen liegen fast vollständig unter der Kontrolle enger US-Verbündeter. Stützpunkte, Aufklärungssysteme und mobile Raketenstellungen bilden vor Chinas Küste eine militärische Sperrstruktur.
Taiwan ist das zentrale Glied dieser Inselsperre. Solange die Insel an die USA angebunden bleibt, kann China zwischen Ost- und Südchinesischem Meer überwacht und sein Zugang zum Pazifik eingeschränkt werden. Unter chinesischer Kontrolle wäre die Kette dagegen aufgebrochen. Taiwan ist damit zugleich Riegel und Tor. Jede geopolitische Strategie Chinas muss zwangsläufig darauf zielen, den Riegel zu sprengen, Taiwan zum Tor in den offenen Pazifik zu machen und so den US-geführten Klammergriff zu überwinden.
Wie diese US-Sperrarchitektur praktisch aussieht, zeigt sich auf den Batanes-Inseln im Norden der Philippinen, weniger als 150 Kilometer von Taiwan entfernt. Dort üben US- und philippinische Streitkräfte mit mobilen Antischiffsraketen, die im Ernstfall den Bashi-Kanal für chinesische Kriegsschiffe sperren sollen. Auf Luzon stationierten die USA zudem das »Typhon«-System, das »Tomahawk«-Marschflugkörper bis weit auf chinesisches Festland abfeuern kann. Weiter östlich verläuft die zweite Inselkette über die Marianen bis nach Palau. Ihr Zentrum ist Guam, der wichtigste US-Rückraum im Westpazifik. Von dort aus würden im Konfliktfall Bomber, U-Boote, Tankflugzeuge und Nachschub in Richtung Taiwan geführt.
China versucht daher nicht nur, die erste Inselkette zu durchbrechen, sondern auch Guam und die Verbindung zwischen beiden Linien bedrohen zu können. Weniger entscheidend dafür ist eine wachsende Flugzeugträgerflotte als das Arsenal landgestützter Langstreckenraketen, Bomber und Drohnensysteme, mit denen Beijing US-Basen und Nachschubwege tief im Westpazifik erreichen kann. Damit schließt sich der Bogen zu den »Han Kuang«-Manövern: Taiwan übt nicht isoliert, sondern als zentraler Bestandteil einer US-geführten Militärstruktur.
Beijing reagiert auf diese militärische Einhegung mit eigenen Großmanövern, die den Durchbruch durch die erste Inselkette und die Zurückdrängung des US-geführten Klammergriffs erproben. Ende Dezember 2025 übten bei »Justice Mission 2025« Heer, Marine, Luftwaffe und Raketenstreitkräfte die Einkreisung und Blockade Taiwans; Raketen schlugen näher an der Insel ein als zuvor. Mit den nun veröffentlichten Aufnahmen demonstrierte China zudem erstmals öffentlich seine luftgestützte nukleare Schlagkraft – ausdrücklich als Signal auch an mögliche externe Interventionsmächte.
Damit treffen entlang der ersten Inselkette zwei asymmetrische Strategien aufeinander: Die USA beanspruchen, China rund 10.000 Kilometer vor der eigenen Küste den Zugang zum offenen Pazifik zu versperren und seine Marine in den küstennahen Meeren festzuhalten. China wiederum versucht, den US-geführten Klammergriff zu sprengen.
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