Pegel nicht gehalten
Historischer Donautiefstand: Marine sprengt Felsen; Projekt, das Energiekrise verhindert hätte, liegt seit April 2024 in einer Ministeriumsschublade
Rumänien sprengt das Bett der Donau, um sein Atomkraftwerk zu retten. Am Montag ließ die Marine 180 Kilogramm Sprengstoff an einem Felsen detonieren, der den Wasserlauf blockierte. Am Mittwoch wurde bei Cernavodă der letzte von vier Lastkähnen mit Gestein beladen. Sie sollen versenkt werden, um das Wasser zum Kraftwerk umzulenken. Ziel ist, den Pegel vor den Kühlwasserpumpen um zehn Zentimeter anzuheben, im besten Fall um zwölf. Ana-Maria Agiu von der staatlichen Wasserbehörde Apele Române nennt das ein »Rennen gegen die Zeit«.
Es geht um ein Fünftel des rumänischen Stroms. Das Kraftwerk an der unteren Donau verfügt über zwei Reaktoren. Der erste ist seit dem 28. Juli abgeschaltet: Ein Schaden an den Pumpen dürfte die Anlage bis zu einem Jahr lahmlegen. Der Betrieb des zweiten hängt inzwischen an jenen zehn Zentimetern. Am Mittwoch erreichte der Fluss einen neuen historischen Tiefstand, unter dem Negativrekord von 2003 und zwei Tage früher als prognostiziert. Um diese Jahreszeit führt die Donau normalerweise die dreifache Wassermenge.
Für den gesamten August hat die Regierung den Alarmzustand im Energiesektor ausgerufen. Sie bat die Ukraine um Nothilfe und rief die Bevölkerung zum Stromsparen am Abend auf. Die Autobauer Dacia und Ford zogen ihre Wartungsarbeiten vor und stellten die Produktion bis zum 19. August ein.
Die Dürre hat diese Krise nicht verursacht. Sie hat sie sichtbar gemacht. Am Dienstag räumte der kommissarische Verkehrsminister Radu Miruță ein, es habe ein Projekt gegeben, das die Kühlwasserversorgung sichern sollte: die Sohle eines Flussarms um sechs Meter anzuheben, um mehr Wasser nach Cernavodă zu leiten. Alle Genehmigungen hätten vorgelegen, auch die umweltrechtliche. Gefehlt habe allein die Ausschreibung. »Seit April 2024 ist nichts mehr passiert«, gestand Miruță und lieferte die Erklärung gleich mit: »Andere Prioritäten, Desinteresse, es gab keine niedrigen Pegelstände, die das Thema hätten brennen lassen.«
Verwaltet wird die Lage von einer geschäftsführenden Regierung im dritten Monat der Regierungskrise. Interimspremier Ilie Bolojan ist zugleich kommissarischer Energieminister; Miruță erfuhr erst während der Sprengungen, dass der Vorgang in seine Zuständigkeit fällt.
Cernavodă und das ungarische Kraftwerk Paks teilen einen Konstruktionsfehler: Sie pumpen ihr Kühlwasser direkt aus dem Fluss, ohne Kühltürme. Sinkt der Spiegel unter die Ansaugstellen, steht die Anlage still. Das slowenische Krško, das Kühltürme hat, läuft weiter mit voller Leistung. Konsequenzen zieht keines der beiden Länder. Bukarest plant die Reaktoren drei und vier, die den Wasserbedarf verdoppeln würden – und das in der Schublade liegende Projekt ist laut Miruță ausdrücklich deren Voraussetzung. Budapest baut mit dem russischen Konzern Rosatom zwei neue Blöcke. Die Umweltorganisation Global 2000 merkt an, die Klimakrise sei längst ein Sicherheits- und Verfügbarkeitsproblem der Atomkraft.
EU-Kommissionssprecherin Anna-Kaisa Itkonen erklärte am Dienstag, man sehe keine Versorgungsprobleme; es gebe Notfallsysteme und Stromaustausch zwischen den EU-Staaten. Eine Koordinierungsgruppe werde einberufen, »sobald es notwendig ist« – zuvor aber, räumte sie ein, brauche Brüssel »ein vollständiges Bild dessen, was in den betroffenen Ländern geschieht«.
In Ungarn, wo Paks etwa ein Drittel des Strombedarfs deckt, hatte Ministerpräsident Péter Magyar für Sonntag die erste vollständige Abschaltung nach 44 Betriebsjahren angekündigt. Den Ingenieuren gelang es, den Betrieb auf eine einzige Turbine zu reduzieren: 240 von 2.000 Megawatt. In der Nacht zum Dienstag, schrieb Magyar, habe man »ein paar Millimeter« vor dem Stillstand gestanden, dann habe der Pegel aufgehört zu fallen. Das Land vervierfachte seinen Stromimport; die Regierungspartei Tisza schätzt die Mehrkosten auf bis zu 550 Millionen Euro.
In Paks stieg das Wasser der Donau am Dienstag morgen um anderthalb Zentimeter. Mehr als tausend Flusskilometer weiter unten, in Cernavodă, sinkt der Wasserstand weiter.
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