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Griechenland

Raketen im falschen Meer

Griechenland: Während Ankara in der Ägäis erneut mit Expansionsplänen hantiert, verlegt Athen seine »Patriots« dorthin, wo die USA sie brauchen

Foto: piemags/IMAGO
Souda Bay auf Kreta ist einer der wichtigsten Stützpunkte der USA im Mittelmeerraum (10.10.2022)

Am frühen Sonntag morgen hat eine »Patriot«-Batterie Karpathos verlassen. Die Insel liegt wenige Dutzend Kilometer vor der türkischen Küste. Ziel: Souda auf Kreta, zum Schutz des dortigen US-Stützpunkts, der wichtigsten Drehscheibe Washingtons in der Region. Verteidigungskreise bestätigten den Zweck. Vorausgegangen war ein Bericht der Financial Times, wonach Teheran Angriffe auf US-Ziele in Zypern und Bulgarien prüfe. Es gehe um Planungsszenarien, um einer großangelegten US-Operation zu begegnen, nicht um eine Angriffsentscheidung. Die Regierung in Sofia hatte im Juli US-Tankflugzeugen den Stützpunkt Besmer geöffnet. Athen richtet also schon einmal vorsorglich seine Raketenabwehr neu aus.

Eine zweite Batterie steht im Bezirk Evros an der türkischen Grenze, eine dritte in Janbu am Roten Meer. Sie schützt dort seit September 2021 Saudi-Arabiens Energieinfrastruktur. Nach offiziellen Angaben gelangen ihr sieben Abschüsse mit sieben Flugkörpern, zuletzt am 25. Juli gegen zwei aus dem Jemen abgefeuerte Geschosse, am 19. März gegen iranische ballistische Raketen. Über ihren Verbleib muss der Regierungsrat für Außen- und Verteidigungspolitik (Kysea) entscheiden. Getagt hat er bislang nicht. Eine Modernisierung aller sechs griechischen Batterien, die Riad finanzieren sollte, liegt seit Kriegsbeginn auf Eis.

Zurück auf den Tisch kam die Sache am 7. August. In Mekka unterzeichneten an jenem Tag der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman und Pakistans Regierungschef Shehbaz Sharif einen Verteidigungspakt: Ein bewaffneter Angriff auf eines der drei Länder gilt als Angriff auf alle. Drei Tage später ließ das Verteidigungsministerium in Athen wissen, der Verbleib der »Patriots« in Janbu werde künftig monatlich überprüft. Offiziell besteht kein Zusammenhang, die Beziehungen zu Riad seien unverändert eng. Quellen derselben Behörde sagen anderes. Die Zeitung der Kommunistischen Partei (KKE), Rizospastis, schreibt, der Schritt erfolge »als Reaktion« auf das »Abkommen von Mekka«. In dieser Lesart ist die Batterie keine Trumpfkarte mehr, sondern eine Geisel: Sie verteidigt die Raffinerien eines Staates, den nun eine Beistandsklausel an den traditionellen Gegner Türkei bindet.

Denn in der Ägäis brennt es wieder. Am 15. August unterzeichnete Erdoğan zwei Dekrete über »Meeresnationalparks«. Der größere umfasst 21.706 Quadratkilometer und schließt die Gewässer um die griechische Insel Kastellórizo ein. Athen erklärte, außerhalb türkischer Hoheitsgewässer hätten die Dekrete keine Rechtswirkung. Im Oktober soll das Parlament in Ankara jedoch das Gesetz zur »Mavi Vatan«, der »Blauen Heimat«, beraten, dem strategischen Konzept zur Erweiterung des eigenen Hoheitsgebiets auf Kosten Griechenlands.

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Athen deutet seine Rolle nun anders. Außenminister Giórgos Gerapetrítis erklärte am Sonntag in der Zeitung Vima tis Kyriakis: Das Griechenland der passiven diplomatischen Trägheit sei vorbei, die »ruhigen Gewässer« mit Ankara seien kein Selbstzweck, sie dienten nationalen Zielen. Als Beleg der Stärke führte er »Rafale«-Jets, modernisierte F-16 und erwartete F-35 an, dazu strategische Beziehungen zu den USA, Israel und den Golfstaaten.

Wie diese Stärke in Ankara ankommt, zeigt ein vom Portal Nordic Monitor veröffentlichtes Dokument des türkischen Verteidigungsministeriums vom 10. August. Minister Yaşar Güler teilt dem Parlament mit, man treffe die erforderlichen Maßnahmen gegen jede Entwicklung im Feld, »mögliche Krisen, Spannungen und Krieg« eingeschlossen. Griechenlands Rüstungsvorhaben würden »mit Sensibilität« verfolgt, die Militärkooperation mit Israel »genau beobachtet«. Von einem bevorstehenden Krieg ist nicht die Rede.

Die KKE hält seit Monaten dagegen, Griechenland sei an den Kriegsoperationen am Golf beteiligt, und verlangt die Rückholung der »Patriots«, die Schließung Soudas und aller US-Stützpunkte sowie den NATO-Austritt. Die linke Syriza-Partei fragt, warum die Batterie nicht sofort abgezogen werde, welchen Verpflichtungen ihre Präsenz diene und wie Athen einer Überdehnung seiner Streitkräfte begegnen wolle. Berechtigte Fragen mit unbequemer Vorgeschichte: 2024 wurden die Militärabkommen mit Riad mit den Stimmen der rechtskonservativen Nea Dimokratia, von Syriza und der sozialdemokratischen Pasok ratifiziert.

Athens Kalkül lautet, transatlantische Gefolgschaft lasse sich in Rückendeckung gegen Ankara eintauschen. In Mekka hat ein NATO-Verbündeter, der am Tisch von Riad sitzt, dieses Kalkül widerlegt. Die Rechnung zahlen die Soldaten in Janbu und die Menschen auf Kreta.

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.08.2026, Seite 6, Ausland

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