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Theater

Ein Trauerspiel

Der bulgarische Theateravantgardist Andrei Șerban gastiert beim Budapester MITEM-Festival mit einer Inszenierung von Schillers »Maria Stuart«. Warum hat er bloß dieses Stück gewählt?

Foto: Nemzeti Színház Nonprofit Zrt.
»Ihr Leben ist dein Tod! Ihr Tod dein Leben!«

Das Budapester Theaterfestival MITEM zeigt neben Aufführungen junger, vorwiegend ost- und außereuropäischer Regisseure immer wieder auch Inszenierungen der klassischen Avantgarde. Es präsentiert damit ein Theater, das so im deutschsprachigen Raum kaum noch zu sehen ist – statt selbstreflexiver Postmoderne und um sich selbst kreisendem Identitätstheater werden Arbeiten gezeigt, die etwas Grundsätzliches über die Welt und die in ihr herrschenden Machtverhältnisse aussagen. Wurden in den letzten beiden Jahren unter anderem Inszenierungen von Tadashi Suzuki und Theodoros Terzopoulos präsentiert, so zeigte dieses Jahr der rumänische Regisseur Andrei Şerban seine neueste Arbeit, die vor anderthalb Jahren am Nationaltheater Bukarest Premiere hatte.

Zur Erinnerung: Der 1943 in Cluj geborene Şerban, der 1969 von Ellen Stewart mit einem Stipendium der Ford-Stiftung ans Theater La Mama in New York eingeladen wurde, schuf dort 1974 gemeinsam mit der Musikerin Elizabeth Swados »Fragments of a Greek Trilogy«, eine wegweisende avantgardistische Inszenierung, die Euripides’ Werke »Medea«, »Elektra« und »Die Troerinnen« in einem Theaterabend zusammenfasste. Der Text wurde auf altgriechisch, lateinisch und rumänisch gesprochen, es ging darum, universell verständliches und vor allem auf Klang und Bewegung beruhendes Ritualtheater zu schaffen. Şerban wurde dafür gefeiert, die antike griechische Tragödie in einen zeitgenössisch-experimentellen Kontext zu übertragen. Er tourte mit der Performance weltweit in immer wieder neuen Fassungen (zuletzt 2016 in Kambodscha und 2017 im Kosovo), sie machte ihn berühmt. In der Folge setzte er sich mit so unterschiedlichen Autoren wie Aischylos, Tschechow, Brecht oder Sarah Kane auseinander, arbeitete immer wieder mit Peter Brook zusammen und war von 1992 bis 2019 Professor für Theater an der Columbia University School of the Arts.

Warum er sich für seine neueste Inszenierung ausgerechnet Schillers »Maria Stuart« ausgesucht hat, will sich allerdings nicht so recht erschließen. Der holzschnittartige Plot des Stücks ist ungefähr so raffiniert wie der einer Vorabendsoap – Bert Brecht hat das »Trauerspiel« um die zankenden Dramaqueens in seinem »Duell der Fischweiber« ins proletarische Milieu versetzt und sich sehr darüber lustig gemacht. Das tatsächliche Trauerspiel bestand für ihn darin, dass Schiller nicht über die höfisch-bürgerliche Gesellschaft hinaussehen konnte und eine Freiheit proklamierte, die nur in der Akzeptanz des gesellschaftlich-politischen Status quo bestand. Dass Schiller während der Arbeit an »Maria Stuart« auch über eine Rechtfertigungsschrift für den kurz zuvor guillotinierten französischen König Ludwig XVI. Nachdachte, ist da mehr als nur eine Fußnote.

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Dass Şerbans Adaption trotzdem spannend ist, liegt nicht zuletzt an der gestrafften und modernisierten Textfassung des englischen Dramatikers Robert Icke, die er als Vorlage gewählt hat. Entscheidender Moment dieser Inszenierung ist ein Münzwurf zu Beginn – erst so wird entschieden, welche Schauspielerin die Elizabeth und welche die Maria Stuart spielt. Jede Frau, so die Aussage, kann zur Verliererin oder Gewinnerin im großen Machtspiel Politik werden. Die Konstellation verlangt nicht nur von den beiden Darstellerinnen Raluca Aprodu und Ofelia Popii (beide in Rumänien große Theaterstars) Textsicherheit und Flexibilität, sondern auch von den anderen Akteuren auf der Bühne, denn die Schauspielerinnen interpretieren die jeweiligen Rollen individuell unterschiedlich, spielen aber immer mit Vehemenz gegen die Klischees an, die man gemeinhin mit diesen verbindet. In Budapest gab Raluca Aprodu die Mary als plappernde Nervensäge, deren eigentlicher Antrieb – Machtgeilheit und Adelsarroganz – im Lauf des Stücks immer stärker an die Oberfläche tritt. Ofelia Popii zeigte als Elizabeth eine Herrscherin, deren Angst vor dem Machtverlust sie zu immer größerer Skrupellosigkeit und schließlich in Selbstisolation und Einsamkeit führt. Schuldzuweisung oder Rechtfertigung gibt es nicht, die kalte Logik politischer Entscheidungen wird ohne Beschönigung gezeigt.

Mit Andrei Şerban »Maria Stuart« als Analyse staatlicher Macht zu lesen ist vermutlich das Interessanteste, was man mit diesem Stück tun kann. Trotzdem ist zu hoffen, dass er bei seiner nächsten Inszenierung zu einem lohnenderen Text greift.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.05.2026, Seite 11, Feuilleton

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