Gegründet 1947 Donnerstag, 19. September 2019, Nr. 218
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 20.08.2019, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Zwischen Dekonstruktion und Werktreue

»Berlin is not Bayreuth«: In Berlin begegnen junge Theatermacher Richard Wagner ohne elitären Dünkel
Von Erik Zielke
asda.jpg
Nix am Hut mit der Bayreuther Kulturschickeria: Berliner Theatermacher

Ende Juli haben auch in diesem Jahr die Bayreuther Festspiele eröffnet, fernab der kulturellen Zentren, dafür mit viel Pomp, hohem Besuch aus Politik und Wirtschaft sowie der Überzeugung, dem Meister und Festspielbegründer Wagner einzig auf diese Weise gerecht werden zu können. Der als Nachwuchstalent geltende Regisseur Tobias Kratzer hat Richard Wagners »Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg« neu in Szene gesetzt.

Dass die Festspielleitungen in den letzten Dekaden von ihrem stark restaurativen Ansatz abgerückt sind und durchaus Theaterakteure – man denke an Heiner Müller, Christoph Schlingensief und zuletzt Frank Castorf – mit kritschem Blick auf den Opernbetrieb im allgemeinen und auf Richard Wagner im besonderen zu Arbeiten in Bayreuth eingeladen haben, vermag nicht über die mehr als elitäre Zusammensetzung des Publikums und die Beschränkungen im Umgang mit dem Wagnerschen Werk hinwegtäuschen. Experimente, sofern sie in einem gewissen Rahmen bleiben und die Musik nicht berühren, sind erlaubt, aber eigentlich soll doch alles bleiben, wie es ist.

Einen ganz anderen Zugriff auf den »Tannhäuser«-Stoff wagen nun junge Theatermacher aus Berlin. Unter dem Titel »Berlin is not Bayreuth« findet vom 23. bis 25. August ein alternatives Musiktheaterfestival statt. Hier ist der Name programmatisch aufzufassen: Man will es entschieden anders machen als die tradierte Hochkulturinstitution in Bayern. Als künstlerische Leitung fungieren Marielle Sterra und Dennis Depta, die sich mit ihrem Performancekollektiv Glanz & Krawall in den vergangenen Jahren bereits verschiedene Stücke aus dem Opernkanon vorgenommen haben, um bei einem szenisch wie musikalisch mehr als freien Umgang die Kernpunkte der jeweiligen Stoffe zurückzugewinnen.

Den »Tannhäuser« will die Gruppe aber nicht allein bewältigen, sondern – im Gegenteil – mit sehr unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern aufführen. Der Berliner HipHop-Musiker Romano, verantwortlich für einen »Sängerkrieg 2.0«, die feministische Performancekünstlerin Vanessa Stern, die Puppentheatergruppe Das Helmi sowie die Musikakteure Tanga Elektra und Melentini nehmen sich alle mit ihren künstlerischen Formen und Mitteln eine prominente Oper vor, setzen einen Kontrapunkt zur herkömmlichen Wagner-Rezeption und schaffen so ein »Gesamtkunstwerk« anderer Art. Hier, so Marielle Sterra, soll es nicht die eine große Idee, den einen alles entscheidenden Künstler geben, sondern sich aus dem Neben- und Miteinander autonomer Künstlerpersönlichkeiten ein gemeinsames Ganzes ergeben. Das wird, wenn man es genau nimmt, einem Werk wie »Tannhäuser«, das Wagner mehrfach überarbeitet hat, in das unterschiedlichste Quellen Eingang gefunden haben, durchaus gerecht. Das Prinzip der Collage und das sehr freie Assoziieren um einen legendenumrankten Stoff sind hier Ausdruck von Werktreue.

Bewusst grenzen sich die Festivalmacher von der Bayreuther Kulturschickeria ab und orientieren sich eher am Festivalgedanken aus der Pop- und Rockkultur. Man wende sich auch an jene, »die bei Wagner zuerst an Tiefkühlpizza denken«, wie es auf der grell-bunten Website www.berlinisnotbayreuth.de heißt. Dieser nicht elitäre Zugang soll aber dennoch nicht in einer Unterforderung des Publikums münden: Die Oper mit ihren bedeutungsschweren Themen – Sünde und Vergebung, Möglichkeiten der Liebe und letztlich die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft – soll nicht banalisiert, sondern künstlerisch übersetzt und in die Gegenwart übertragen werden.

Die schwierigen Aspekte bei Wagner und seinem Werk, die politische Haltung, sein äußerst fragwürdiges Frauenbild, sollen nicht ausgespart, vielmehr auch zu einem zentralen Thema werden. Die Hemmschwelle, sich mit dem Kulturgut Oper auseinanderzusetzen, wird aber möglichst niedrig gehalten. Ein durchgehender Barbetrieb und das Angebot, auf dem Gelände zu picknicken, verstärken diesen Charakter. Kein Grüner Hügel, auf dem sich die High Society begegnet, beherbergt das Festival.

Die B. L. O.-Ateliers, die seit den 2000er Jahren Künstlern und Handwerkern auf einem ehemaligen Bahngelände in Berlin-Lichtenberg Räumlichkeiten für die Arbeit bieten, stehen als Festivalgelände zur Verfügung. Die Darbietungen erfolgen dann drinnen und draußen an vier Spielorten: »Little Italy/Päpstliche Höfe«, »Rondellplatz/Sängerkrieg«, der »Venusberg«, wo einer feministischen Perspektive auf Wagner Rechnung getragen wird, und auf der »Wartburg«, wo sich, schenkt man den Festivalmachern Glauben, wohl auch an die automobile Vergangenheit erinnert wird.

Festival »Berlin is not Bayreuth«: 23. bis 25. August, B. L. O.-Ateliers, Kaskelstraße 55, 10317 Berlin

Ähnliche:

  • Für die Rapperin Yasmo, hier auf dem Sonograph Festival 2018, is...
    28.08.2019

    HipHop als Protest

    Rapperszene in Österreich schaltet sich verstärkt in die Tagespolitik ein – junge Welt traf einige Protagonisten
  • Zeugnisse des gelebten Lebens: Bildhauerin Christiane Rößler mit...
    14.08.2019

    Jenau so seh’ ick aus!

    Harry Kupfer, Zwerenz, Kohlhaase und ein Akt für Peter Hacks: Werke der Bildhauerin Christiane Rößler im Rathaus Berlin-Mitte
  • Eine Skizze von Einar Schleef zu »Parsifal«
    18.12.2012

    Loswagnern

    Eine Berliner Ausstellung drängt sich vor alle Manifestationen zum Wagner-Jahr 2013

Mehr aus: Feuilleton