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Tanztheater

Das Kollektiv auf der Bühne

Der griechische Choreograph Christos Papadopoulos begeistert mit »My fierce, ignorant step« beim Wiener ImPulsTanz-Festival

Foto: Pinelopi Gerasimou
Wie Wiese im Wind

Das griechische Wort für Tanz ist »Choros«, in der Antike bezeichnete es zunächst einen Gruppentanz zu Ehren der Götter. Im Kontext der griechischen Tragödie kam die Stimme als Ausdrucksmittel hinzu, aber als reiner Sprechchor, wie hierzulande seit dem deutschen Klassizismus zelebriert, gab es ihn in Griechenland nur in sehr konservativen Ausnahmefällen – die Körper, die Bewegungen der Performer waren immer ein wesentliches Element. Während auf der Theaterbühne Theodoros Terzopoulos mit seinen energiegeladenen, körperbetonten und zutiefst, aber nie oberflächlich politischen Inszenierungen den Menschen in seiner prekären und vergänglichen Existenz in den Mittelpunkt stellt, nähert sich Christos Papadopoulos der gleichen Gedankenwelt gewissermaßen von der anderen Richtung an, dem Tanz.

Der 1976 in Nemea am Peloponnes geborene Choreograph hat seine Ausbildung an der School for New Dance Development in Amsterdam und an der Schauspielschule des griechischen Nationaltheaters absolviert und parallel in Athen Politikwissenschaften studiert. Von Beginn seiner Karriere an interessierte er sich dafür, wie die Individualität der Tänzerinnen und Tänzer mit der Darstellung eines Kollektivs auf der Bühne vereinbar ist, sie also einen »Choros« im antiken Sinn bilden können. In der eigenwilligen, sehr charakteristischen Bewegungssprache, die er in 15 Jahren entwickelt hat, werden die Tänzer nicht wie im klassischen oder neoklassizistischen Ballett auf Synchronizität hin gedrillt, sondern scheinen im Kollektiv aufeinander zu reagieren, wie ein Vogelschwarm oder eine Wiese, durch die der Wind streift. »Ich möchte, dass die Tänzer verstehen, dass die Bewegung selbst nicht so wichtig ist, sondern die Intention, die sie hervorbringt, und die Verbindung untereinander. Ich möchte, dass sie ihre Vorstellungskraft einsetzen und nicht nur eine Bewegung ausführen«, so Papadopoulos.

Seine neueste Arbeit »My fierce, ignorant step« beruht auf einer Jugenderinnerung: Als er in den Schulferien in der Nudelmanufaktur seiner Eltern mitarbeitete, wurde immer laut Musik gespielt, in einem Jahr vor allem »Axion Esti« von Mikis Theodorakis. Das 1963 entstandene Werk, das die Leidensgeschichte des griechischen Volkes im 20. Jahrhundert – Vorkriegsdiktatur, deutsche Besatzung, Bürgerkrieg und die bis in die 1970er Jahre andauernde Unterdrückung der Linken – zum Thema hat, ist in Griechenland mit Hunderttausenden bis heute verkauften Tonträgern eines der populärsten Musikstücke überhaupt. Papadopoulos macht aber nicht die Musik selbst zum Thema, sondern was sie in ihm auslöste: einen ungestümen und naiven Zukunftsoptimismus und den Wunsch, dieses Gefühl in Bewegung auszudrücken. Wie können wir die Hoffnung der Jugend zurückgewinnen, wie die Widerstandsfähigkeit des einzelnen wecken und ein Kollektiv formen?

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Das ImPulsTanz-Festival bevorzugt für die Eröffnungsvorstellung traditionell Stücke, die ein besonderes gesellschaftspolitisches und künstlerisches Signal senden. Das ist in diesem Jahr auf doppelte Weise gelungen: Die ästhetische Schönheit der Performance und ihr politischer Gehalt verschmelzen, der sich langsam immer mehr steigernde Rhythmus des Klangs lässt die Energie auf die Zuschauer überspringen, die an den vier Abenden (9.–12.7.) euphorisiert und mit lang anhaltendem Applaus reagieren.

Auch auf anderer Ebene positioniert sich das Festival durchaus politisch – nicht nur durch die Performances, sondern auch durch das egalitär angelegte Workshop- und Research-Programm. Festivalleiter Karl Regensburger und der Kuratorin dieser Sparte, Fio Losin, ist es wichtig, auch das Publikum zum Tanzen zu bringen. 130 Lehrende aus aller Welt geben insgesamt über 250 Workshops für alle, von Anfänger bis Profi, in allen möglichen Techniken und Stilen, von Bollywood über ­Butoh, Contemporary Dance, House und HipHop bis hin zu Voguing oder Yoga-Ballett. Dazu gibt es Projekte, die einzelne Techniken tiefer untersuchen.

Eine weitere Schiene sind die »­Public Moves«, die vor zehn Jahren etabliert wurden und mittlerweile längst über den eigentlichen Festivalzeitraum und die Stadt Wien hinausgewachsen sind. Kostenlos und offen für alle, unabhängig von Alter und Erfahrung, werden von Frühjahr bis zum Festivalende Tanzklassen unter freiem Himmel angeboten – während des Festivals bis zu acht Klassen täglich, fast alle von Performern und Workshopleitern des Festivals. Mehr Möglichkeiten zur Teilhabe sind kaum denkbar.

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.07.2026, Seite 11, Feuilleton

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