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Aus: Ausgabe vom 12.06.2019, Seite 10 / Feuilleton

Schmidt, Mann

Von Jegor Jublimov
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Kann auch mit den Händen singen: Schauspielerin und Sängerin Angelika Mann, die morgen 70 wird

Ende der 60er Jahre wurde die Redaktion des Filmspiegels von jungen Frauen und Mädchen bestürmt, endlich ein Titelbild von Hanns-Michael Schmidt zu bringen. Mit nur wenigen Filmen war Schmidt ein echter Frauenschwarm geworden. Wie er in »Meine Freundin Sybille« (1967) mit freiem Oberkörper lässig zur Gitarre greift, um Eva-Maria Hagen zu becircen, war bereits aufregend genug. Und obgleich Frank Schöbel im Kultfilm »Heißer Sommer« (1968) ein beliebter Schlagerbarde ist und Schmidt sich die Gesangsstimme von Ingo Graf leihen muss, ist er dem Frank doch ein ebenbürtiger Rivale um die blonde Grit.

Hanns-Michael Schmidt wuchs als Schauspielerkind in Leipzig auf, wo er auch an der Theaterhochschule studierte. Die Theaterbretter von Weimar und Nordhausen waren die ersten Stationen, bevor er 1970 für knappe vier Jahrzehnte ans Erfurter Schauspiel wechselte. Hier war er Hamlet, Don Carlos, ein hinreißender Edgar Wibeau und in reifen Jahren auch der Jedermann. Das überregionale Publikum hat lange auf den Publikumsliebling gewartet. Als Moderator führte er 1978/79 durch die Reihe »Spreepartie«, und als Schauspieler tauchte er erst ab 1988 wieder in Serien wie »Bereitschaft Dr. Federau«, »Johanna« und zuletzt 2008 im »Schloss Einstein« auf. Mit dem Wegfall der Erfurter Schauspielsparte verließ ihn auch die Theaterbegeisterung, und seit er Rentner ist, tritt er höchstens dann und wann mit Lesungen auf. Heute wird Schmidt 75.

Immer und überall präsent zu sein scheint Angelika Mann, die aus naheliegendem Grund »die Lütte« genannt wird. Sie trat vor 50 Jahren als Pianistin in die Öffentlichkeit, wurde eine aufregende Sängerin mit jazziger Note, spielte in Filmen und hatte eigene TV-Shows, wird als Musical-Darstellerin seit über drei Jahrzehnten gefeiert und in vielerlei Rollen von Kindern geliebt. »Ich wünsch mir ein Baby sehr«, heißt ihre erste Single von 1974, Ulrike Weidemüller ist heute bei vielen Konzerten Lüttes Duettpartnerin.

Berühmt wurde Angelika Mann nach ein paar Versuchen mit eigenen Bands dann ab 1973 mit Reinhard Lakomy, der ihr viele Titel auf den Leib schrieb, mit »Mir doch egal« ein erfolgreiches Duett aufnahm und sie zu einem Herzstück in seinem »Traumzauberbaum« werden ließ. Gerade darum war er stinksauer, als sie 1984 einen Ausreiseantrag stellte und im folgenden Jahr der DDR den Rücken kehrte. Die Versöhnung ließ dann Jahrzehnte auf sich warten.

Die musikalische Komödiantin ist sich nicht zu schade, immer wieder mal als Hexe Baba Jaga aufzutreten, und auch den alkoholseligen Frosch in der »Fledermaus« hat sie schon gespielt. Wenn sie morgen an ihrem 70. nicht wissen sollte, womit sie anstoßen könnte: »Versuch’s doch mal mit Champagner!«

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