Keine Angst vor heiklen Themen
Von F.-B. Habel
Die Lütte lag im Bett, sang »Bei den sieben Zwergen« und spielte mit den Kurzen, die deutlich größer waren als sie. Kein Wunder bei 1,49 Metern. Das war 1977 in dem heute vergessenen Musikfilm »Defa-Disko 77« von Heinz Thiel und Werner W. Wallroth. Angelika Mann war sich für keinen Gag zu schade und konnte auch über sich selbst lachen. Immer wieder wurde sie für komödiantische Auftritte engagiert, etwa von Lutz Jahoda in seiner Reihe »Mit Lutz und Liebe«. Dabei hatte sie auch keine Scheu vor heiklen Themen, etwa im Stück »Heiße Zeiten – Wechseljahre«, das in Essen uraufgeführt wurde und auf Tournee ging. Oder in der britischen Komödie »Kalender Girls«, in der reife Damen blankziehen.
Die Lütte wurde im Sommer 1949 in Berlin geboren, liebte Musik und ließ sich auf der Musikschule Friedrichshain zur Pianistin ausbilden. Sie hatte das Glück, dass die Komponisten Klaus Lenz und Reinhard Lakomy sie unter ihre Fittiche nahmen und ihr Talent für den jazzbetonten Schlager entdeckten. Besonders Lakomy, mit dem sie auch im Duett auftrat (»Mir doch egal«), schrieb ihr Titel wie »Ich wünsch mir ein Baby sehr« oder Franz Bartsch »Trink den Champagner« mit dem Text von Fred Gertz.
Höhepunkt der Zusammenarbeit von Lacky und der Lütten war die Produktion »Traumzauberbaum« für Kinder, die zunächst als Platte bei Amiga erschien und anschließend zur bis heute erfolgreichen Bühnenshow umgearbeitet wurde.
Angelika Mann war eine, die sich den Mund nicht verbieten lassen wollte. Sie protestierte 1976 gegen die Biermann-Ausbürgerung, was ihr zunächst – wohl aufgrund ihrer künstlerischen Qualitäten – verziehen wurde. Dass sie im Frühjahr 1985 die beiden Berliner Hälften wechselte, bedeutete nicht nur den Bruch mit der DDR, sondern auch mit Lakomy. Viele Jahre herrschte Funkstille zwischen beiden, und erst durch eine Talkshow fanden sie wieder zusammen.
Im Westen konnte sich Mann zunächst im Synchrongeschäft als Autorin behaupten, ehe sie zur Musical- und Kleinkunstbühne gerufen wurde. Als Lucy in der »Dreigroschenoper« trat sie mit dem Ensemble des Theaters des Westens auch in Italien und Japan auf. Ein Kinderliebling wurde sie als phantasievoll maskierte Hexe sowohl in »Hänsel und Gretel« im Friedrichstadtpalast als auch als Rätselhexe Ratesumbria im Adventsprogramm des ORB/RBB. Als dessen Redakteure die Reihe nicht mehr als zeitgemäß empfanden, wurde die Hexe 2015 nach 16 Jahren entsorgt, was die Lütte sehr gekränkt hat. Dafür konnte sie in Dresden die Baba Jaga spielen.
Friedel von Wangenheim, Sohn eines nach Moskau emigrierten berühmten Ehepaars, schrieb der Lütten ein Stück über die Berliner Volkssängerin Claire Waldoff auf den Leib. Auch wenn sie kleiner war als das Vorbild, musste sie sich stimmlich nicht hinter Waldoff verstecken.
In Altenburg brachte die Lütte als Frosch in der »Fledermaus« das Publikum 2009 zum Lachen, und zehn Jahre später gewann sie den Deutschen-Musical-Theater-Preis für »Der Mann mit dem Lachen« in Dresden.
Als sie 2022 Brustkrebs bekam, machte sie die Erkrankung öffentlich und spielte zunächst trotzdem weiter. Doch als sie in den letzten Wochen keine SMS ihrer Freunde mehr beantwortete, wurde klar, dass ihr die sonst so starken Kräfte fehlten. Angelika Mann starb am 21. Januar in ihrem Zuhause in Berlin-Rudow.
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