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Agitpop

Anständige Deutsche

Kleine Lektion in Meinungsfreiheit: Noch einmal zu Danger Dan, dem ZDF und allerlei antifaschistischen Anachronismen

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Foto: Berlinfoto/imago
Daniel und wie er die Welt sah

Auf wenig ist der bürgerliche Sachverstand so stolz wie da­rauf, dass man in der Demokratie Kritik an allem und jedem äußern kann. Dass es auch in dieser vermeintlich besten aller Herrschaftsformen immer genug Grund gibt, um sich über Gott und die Welt, vor allem aber über Chef und Regierung zu beschweren, gilt da schon als unterstellt. Und so wird von mündigen Bürgern kritisiert und bemängelt, von den wenig elaborierten Varianten am deutschen Stammtische, bis hin zur gehobenen Version für Studienräte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Zweitere hatte sich in Form der »Anstalt« zu ihrer hundertsten Sendung einen Sänger eingeladen, der mit seinem Lied »Keine Angst« seine ganz persönliche Anleitung fürs Nazijagen geschrieben hat. Das ZDF wiederum fand diesen Beitrag weder von der Meinungs- noch der Kunstfreiheit gedeckt, weil die doch recht unverhohlen positive Bezugnahme auf militante Gegenwehr gegen Nazis dem Staatssender weniger als Meinungsbekunden, denn als Gewaltaufruf vorkam.

Jetzt sehen Linke mal wieder die Meinungsfreiheit in Gefahr und wollen wahlweise diesen Aufruf nicht entdecken oder führen umgekehrt die Trennung von lyrischem Ich und Interpret ins Feld. Sie verpassen so die kleine Lektion in puncto Meinungsfreiheit, die ihnen das ZDF da erteilt: Wer nämlich mit seiner Meinung nicht einfach die politischen und ökonomischen Zustände kommentiert, sondern dazu aufruft, die eigenen kritischen Urteile direkt auch umzusetzen, der fällt eben nicht mehr unter die Meinungsfreiheit, sondern betätigt sich gegen das Gewaltmonopol des Staates. Ganz umgekehrt könnte der Bürger daher lernen, wie unerheblich der Staat jede Kritik mit der Meinungsfreiheit macht, die er gewährt: Da haben alle als Meinung zu gelten, weil so oder so keine praktisch werden darf.

So verteidigen die Fans von Danger Dan diesen also, indem sie genau darauf bestehen, wie wenig ernsthaft es sich bei seinem Lied um einen Aufruf handeln würde, wirklich irgend jemandem auf die Mütze zu hauen, eben weil es Kunst sei, also nur zum Nachdenken, aber natürlich nie und nimmer zum praktischen Handeln anleiten soll. Damit passen die Fans, die ihren Sänger in Schutz nehmen, indem sie ihn als den zahnlosen Barden präsentieren, der er ist, sehr gut zu ihrem Idol. Der inszeniert sich nämlich als entschlossener antifaschistischer Kämpfer, der sich beim ZDF darüber beschwert, dass der Sender in ihm einen solchen erkennt. Und so streitet sich das bürgerliche Feuilleton nun ein paar Tage darüber, ob das ZDF überreagiert oder die »Anstalt« blind für die Gewaltaufrufe von links ist. So geht öffentliche Debatte in der Demokratie, die sich nicht einmal die Frage stellt, was da eigentlich gesungen wird.

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Es ist auf eine Art ja ganz lehrreich, dass die Frage, ob man solche Lyrics nun im Öffentlich-Rechtlichen singen darf oder nicht, ganz die Prüfung davon ersetzt, was die »vielleicht passende Idee« eigentlich taugt, die uns das Lied da unterbreitet. Das ist nämlich wenig originell, sondern hört sich viel mehr an, als habe der Mann in seiner Jugend zu viel Zeit im Infoladen der örtlichen autonomen Antifa verbracht: Jetzt kurz vor der Machtübernahme der Faschisten, da könne man noch etwas tun, auch wenn es unangenehm wird. In kleinen Gruppen zusammenfinden, in der Stadt Sticker gegen Nazis kleben, und weil das natürlich nicht reicht, ganz viel Infos über die Rechten sammeln. Die kann man dann nutzen, um sie zu »outen«: »Um ihre Schulen, Unis, Arbeitgeber zu beraten / Man wünschte einen guten Tag und fragte dann wie / Passt so etwas in eure Firmenphilosophie«. Weil man ja weiß, dass die politischen Feinde oft genug in der gleichen Klasse wie man selbst zu finden sind und auf Gedeih und Verderb von Arbeitsplatz und Vermieter, Direktor und Lehrer abhängig sind, kann man es so dann vielleicht sogar schaffen, die bürgerliche Existenz des einen oder anderen zu ruinieren.

Dieses kleine Einmaleins der Antifaarbeit der nuller Jahre war schon immer nicht mit einer Kritik des Faschismus zu verwechseln, am eigenwilligen Maßstab aber hatte sie selbstredend ihre praktischen Erfolge: So mancher Funktionär örtlicher Neonazistrukturen wurde das Leben so vermiest, dass er seine Funktion nicht weiter ausübte. Diese »Zerstörung« von Neonazis basierte auf gar nichts anderem, als dass die braven Bürger, vor denen man die Nazis »outete«, diese dann aus dem Kollektiv der anständigen Deutschen ausschlossen. Obwohl man wahrscheinlich im Theoriekreis irgendwann mal den Satz gehört hatte, dass der Nationalismus »aus der Mitte« der Gesellschaft kommt, und man ihn vielleicht auch irgendwo da zu bekämpfen hätte, war die Praxis umgekehrt: Man mobilisierte den Gemeinschaftssinn der guten Bürger und nutzte die Fahndungslust der anständigen Deutschen aus, die gerne jeden aus ihrer Mitte ausschlossen, der sich als Mitglied der NPD oder des Dritten Weges zu erkennen gab – oder eben von der Antifa als solches entlarvt wurde.

Dieser hilflose Antifaschismus (W. F. Haug), der die Idee der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft als so etwas wie einer sittlichen Gemeinschaft nicht kritisierte, sondern sogar gegen die Nazis noch in Stellung bringt, war schon vor einem Vierteljahrhundert ein Fehler. Im Jahr 2026 allerdings »Outing« als Mittel gegen die Machtübernahme der AfD zu besingen, ist geradezu grotesk weltfremd: »Als nächstes müsst ihr die rechten Strukturen recherchier’n / Heimlich ihre Treffen und Demonstrationen fotografier’n / Findet raus, wer sie sind, was sie tun, wo sie leben, wo sie arbeiten / Und findet raus, mit wem sie sich umgeben« – als könnte man den AfD-Parteitag dieser Tage nicht in der »Tagesschau« verfolgen und als würden sich die Mitglieder der Partei nicht öffentlich und mit vollem Namen und Adresse um die Ämter bewerben, zu welchen ihnen die Partei verhilft.

Ausgerechnet eine solche Partei, die laut Danger Dan immerhin kurz davor steht, im Parlament und in den Straßen so zu erstarken, dass man schon morgen vielleicht nichts mehr gegen sie tun kann; ausgerechnet eine solche Massenpartei soll man stoppen, indem man den Massen, die sie wählen, zeigt, dass sie tut, für was sie gewählt wird. Schon früher war es ein Fehler, die Ausgrenzung der Faschisten durch die bürgerlichen Nationalisten als »Antifaschismus« zu feiern, heute ist es ein lächerlicher Anachronismus. Bis weit ins bürgerliche Milieu gefällt man sich damit, einen Björn Höcke als Faschisten zu bezeichnen – womit man meint, etwas Kritisches zu sagen, obwohl man weiß, dass Höcke gerade mit diesem Bild als entschlossenster Kämpfer seiner Sache seine Anhängerschaft um sich schart.

Aber diese Sorte Antifaschisten lässt sich von derlei Widersprüchen nicht abbringen von ihrem Tun: Denn vielleicht geht es eben doch mehr darum (wie auch die Junge Freiheit argwöhnt), Haltung zu zeigen, also sich zu positionieren. Dann ist man ganz selbstgenügsam bei sich und auch entsprechend zufrieden, wenn man selbst nur jedem zeigt, dass man zu den anständigen und eben nicht den Schmuddeldeutschen gehört. Und entsprechend wütend, wenn einem das ZDF verwehrt, selbst noch von diesem als einer von »den Guten« anerkannt zu werden, der doch nie etwas sagen oder vorschlagen würde, was die Lizenz des staatlich Erlaubten überstrapaziert.

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Erschienen in der Ausgabe vom 21.07.2026, Seite 11, Feuilleton

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→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Thomas Z. aus D. 20. Juli 2026 um 22:24 Uhr
    Während Peter Merg in seinem Artikel vom 20.7. die Tatsache, dass es sich bei Danger Dan um einen lupenreinen Antideutschen handelt, zwar leider stark relativiert, aber immerhin noch erwähnt, kommt das bei Peter Schadt nicht einmal mehr vor. Damit argumentiert er, bei allen berechtigten Punkten, die er macht, leider an der konkreten Realität vorbei. Die Schwäche der Strategie der (historischen) Autonomen Antifa ist das eine. Die bellizistischen, rassistischen, prokapitalistischen und ultradeutschen »Antideutschen« sind etwas ganz anderes. Sie haben die Autonome Antifa durch eine pseudo-linke, staatstragende Anti-Antifa ersetzt. Danger Dan hat nicht »zu viel Zeit im Infoladen der örtlichen autonomen Antifa verbracht«. Er hat zu viel Zeit im Conne Island und der Roten Flora verbracht, zu viel Jungle World, Konkret, Belltower-News und Bahamas gelesen und zu viel Förderung von der Amadeu-Antonio-Stiftung erhalten.
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