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Kino

Kaum zu glauben

Es soll etwas versteckt werden: Der Dokfilm »Nordstream – Die Sprengung« von Moritz Enders und Gunther Merz erhellt innerimperialistische Widersprüche

Foto: IMAGO/Jens Koehler
Wer schaut in die Röhre? Deutschland und Russland

Als am 26. September 2022 drei der vier Nord-Stream-Röhren gesprengt wurden, verkündeten hierzulande maßgebliche Politiker und die üblichen Fernsehexperten sogleich: Der Russe war’s! Aber weshalb hätte Russland eine eigene Milliardeninvestition zerstören sollen? Zudem hätte sich die russische Führung damit wichtiger Einflussmöglichkeiten auf Deutschland beraubt.

Die Schuldfrage war also offen. Der bis dahin angesehene US-amerikanische Investigativjournalist Seymour Hersh, der schon das Massaker von My Lai aufgedeckt hatte, präsentierte Indizien für die Verantwortung der Vereinigten Staaten und wurde zum Verschwörungstheoretiker degradiert. Schnell schob man eine andere Erklärung in den Vordergrund. Eine kleine Gruppe ukrainischer Patrioten habe die Yacht »Andromeda« gemietet und in mehreren Tauchgängen Sprengstoffladungen an den Röhren angebracht. Dies ist die heute offiziell gültige Version. Zwei der Verdächtigen sind verhaftet, ein einziger Pechvogel muss sich in Deutschland vor Gericht verantworten.

Moritz Enders und Gunther Merz glauben dem nicht ohne weiteres. Sie kommen in dem von der Zeitschrift Hintergrund produzierten Dokumentarfilm »Nord Stream – Die Sprengung« zu dem Ergebnis, dass Hershs Darstellung mit großer Wahrscheinlichkeit den Tatsachen entspricht. Zu sehen ist er derzeit nur im Berliner Kino Babylon, sowie im kostenpflichtigen Stream. Was die »Andromeda« betrifft, fragen die Filmemacher zu Recht, weshalb die Ukrainer mit gefälschten Pässen und einem mit Sprengstoff vollbepackten Wagen zwei Grenzen überquert haben sollen. Statt in Rostock hätten sie in Polen viel risikoärmer und näher am Einsatzort ein ähnliches Schiff mieten können. Doch vielleicht war die Fahrt der »Andromeda« Bestandteil eines US-Plans, um den eigentlichen Angriff durch eine überprüfbare, doch zur Ablenkung unternommene Aktion abzuschirmen. Enders und Merz erwägen diese Spekulation, ohne sich festlegen zu können. Allzu viele Dokumente werden der Öffentlichkeit vorenthalten. Russland hat im UN-Weltsicherheitsrat eine unabhängige internationale Untersuchung gefordert, wurde aber nur von China und Brasilien unterstützt. Die Mehrheit der Mitglieder wollte dies nicht oder wurde vom Westen erpresst. Sicher ist also nur, dass etwas versteckt wird.

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Für den Film spricht, dass er die richtigen Leute ärgert. Der Filmkritiker Bert Rebhandl wirft Enders und Merz im Tip (21.7.) vor, eine »Verschwörungstheorie« zu verbreiten. Das erprobte Schlagwort, mit dem man unliebsame Diskussionen abwürgt, ist hier besonders lächerlich. Der Anschlag ist Ergebnis einer Verschwörung, und so ist jede Erklärung – einschließlich der von der Bundesanwaltschaft vertretenen – notwendig eine Verschwörungstheorie. Doch Rebhandl weiß als guter Staatsbürger, dass in Zeiten der Kriegsertüchtigung die Auseinandersetzung mit Argumenten nur verwirren kann. Für die erste große Vorführung der Dokumentation wurde das Berliner Kino Babylon angemietet. Rebhandl fordert nun, die Politik möge sich damit befassen, was ein mit staatlichen Fördergeldern unterstütztes Kino zeigt. Natürlich würde dieser vorbildliche Demokrat niemals einen Film verbieten – er will nur durch finanziellen Druck dafür sorgen, dass er nicht öffentlich wird.

Rebhandl bescheinigt der Dokumentation, »wie ein Teil der hybriden Kriegführung Russlands« zu wirken. Mit dieser Propagandaformel bereitet die deutsche Regierung ihren realen Krieg vor. Ihn ärgert besonders, dass der Film den Anschlag auf die Gasleitungen politisch einordnet. Enders und Merz zeigen, wie die USA seit den 1970er Jahren versucht haben, deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen zu stören. Preisgünstiges Gas für den innerimperialistischen Konkurrenten sollte es nicht geben. Besonders die Nord-Stream-Leitungen, die Deutschland unabhängig von dem den USA eng verbundenen Polen machten, wurden zum Ziel. Der Bau von Nord Stream 2 wurde durch »Sanktionen« verzögert. »Sanktionen« bedeuten nie etwas anderes als Krieg, nur eben auf ökonomischer Ebene, er wurde hier gegen einen vorgeblichen Verbündeten geführt. Anfang Februar 2022 teilte US-Präsident Biden dem Bundeskanzler Scholz vor versammelter Presse mit, im Falle eines russischen Angriffs auf die Ukraine werde es kein Nord Stream 2 mehr geben: »Wir werden dem ein Ende setzen.«

Die Zerstörung der Pipelines hat die deutsche Industrie von billigen Energieträgern abgeschnitten. Die Förderfirmen von Frackinggas in den USA, die sich 2022 in einer hoffnungsarmen Lage sahen, können nun große Mengen zu einem hohen Preis verkaufen. Vermögensverwalter sehen ihr Geld gesichert. Blackrock stellt nun einen Bundeskanzler, der sich einen EU-Beschluss organisiert hat, dass auch die verbleibende Nord-Stream-Leitung nie wieder in Betrieb gehen dürfe. Nun geht der deutsche Mittelstand pleite, die deutschen Großkonzerne verlagern ihre Produktion, die USA profitieren ökonomisch. Die Frage Cui bono? (Wem nützt es?) zu stellen beweist noch nichts. Doch stützt die Antwort einen Verdacht.

Immer wieder sieht man im Film grasende Schafe. Gegen Ende wird klar: Damit sind die deutschen Politiker gemeint, die sich harmlos und dümmlich US-Vorgaben unterwerfen, statt die Interessen ihrer Bevölkerung zu vertreten. Diese Kritik beruht freilich auf einer unzulänglichen Jobbeschreibung: Politiker im Kapitalismus vertreten Kapital­interessen – und da gibt es genug Fraktionen, die Interesse an Aufrüstung haben, an einem ungestörten US-Geschäft oder gleich ganz von US-Investoren kontrolliert sind. Man wird nicht auf Einsicht oben setzen können, sondern Vernunft erzwingen müssen. Dies als Einwand gegen einen sonst wichtigen Film.

→ »Nordstream – Die Sprengung«, Regie: Moritz Enders/Gunther Merz, BRD 2026, 121 Minuten, nächste Vorstellung am 5.8.

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Erschienen in der Ausgabe vom 29.07.2026, Seite 10, Feuilleton

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