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Islamismus

Der Begriff Islamismus steht im Diskurs des Westens für das absolut Böse und Fremde. Dabei ist er ein zutiefst modernes Phänomen; Entstehung ist eng mit dem europäischen Kolonialismus verbunden.

Foto: IMAGO/World History Archive
Die Liebenden von Reza Abbasi: Zärtlichkeit war eines der zentralen Themen in der Poesie und Malerei der islamischen Welt

Seit dem Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 ist Islamismus einer der zentralen Begriffe des westlichen Sicherheitsdiskurses. Der Islamist wird als das absolute Böse konstruiert; Islamismus als etwas archaisches und fanatisches – eine irrationale Ideologie, die der »westlichen Vernunft« so fremd ist, dass mit ihren Vertretern kein Austausch möglich ist. Die einzig logische Antwort auf den »radikalen Islam« kann folglich nur in Form von Gewalt und Repression erfolgen. Sowohl die zahlreichen Kriege der USA und ihrer Verbündeten als auch der Angriff auf bürgerliche Freiheiten innerhalb der westlichen Staaten seit 2001 wurden mit Verweis auf die Bedrohung durch den Islamismus gerechtfertigt.

Ein Blick auf die Entstehung von Strömungen innerhalb des Islams, die einen auf religiösen Prinzipien basierenden Staat fordern, zeigt jedoch, dass es sich um ein zutiefst modernes Phänomen handelt. Die Leitmaxime, der Islam sei din wa-daula, »Religion und Staat«, ist kein klassischer islamischer Grundsatz. Bis die islamische Welt im 19. Jahrhundert mit dem europäischen Kolonialismus konfrontiert wurde, waren in ihr die Sphären Staat und Religion stets voneinander getrennt. Politik war eine »ganz und gar weltliche Domäne, die weder ihre Legitimität noch ihre Normen, noch ihre Aufgaben und Ziele der Religion« entnahm, wie der Islamwissenschaftler Thomas Bauer in dem Buch »Die Kultur der Ambiguität« zeigt.

Die islamische Kultur wies eine ausgeprägte »Ambiguitätstoleranz« auf, so Bauer. Der Universalitätsanspruch des islamischen Monotheismus war eingehegt, denn der religiöse Diskurs galt als eine Perspektive unter mehreren, die jeweils ihre Berechtigung hatten. Die sich aus dieser Pluralität der Perspektiven ergebenden Widersprüche wurden ausgehalten bzw. gar als »kulturelle Kraftquelle« geschätzt, wie Bauer zeigt.

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Dem standen ab Mitte des 19. Jahrhunderts expansive, wirtschaftlich und militärisch überlegene europäische Staaten gegenüber, die der islamischen Welt nicht nur ihre Interessen, sondern auch ihre universelle Wahrheit aufzwingen wollten. Der »Orient«, mit seinen sexuellen Freiheiten und homoerotischen Gedichten, wurde in Europa als schwach, dekadent und im Niedergang begriffen erklärt. Eine Erzählung, die die Eliten im Nahen Osten bald übernahmen. Ideologien mussten her, die es mit den absoluten Wahrheitsansprüchen des Westens aufnehmen konnten. Sowohl der aufkommende Nationalismus als auch die Herausbildung eines zunehmend dogmatischen Islams kopierten dabei westliche Argumentationsmuster und beriefen sich auf die epistemologischen Grundlagen der Aufklärung und der Moderne.

Mitte des 20. Jahrhunderts waren fast alle Staaten des Nahen Ostens formal unabhängig, doch wurden sie von einer mit dem »Westen« verbandelten Allianz aus Oberschicht und Militär geführt. Trotz der vielen Brüche mit der Phase des klassischen Islams, gab es eine Kontinuität: Im Gegensatz zu Europa, wo die Aristokratie mit dem Klerus verbündet war und die Emanzipation des Bürgertums somit auch eine Befreiung von religiösen Autoritäten darstellte, verblieb in der islamischen Welt die Religion meist außerhalb der ideologischen Reichweite der herrschenden Oligarchie. Islamistische Strömungen gewannen unter der ohnmächtigen Mittelschicht an Popularität – als Alternative zu der als korrumpiert geltenden herrschenden Klasse und oft auch mit antikolonialen Versatzstücken.

Der 1966 in Ägypten hingerichtete Sayyid Qutb – Mitglied der Muslimbruderschaft – gilt als einer der zentralen Vordenker dieser neuen Bewegungen. Qutb bezog sich auf eine idealisierte Frühphase des Islams der ersten Jahrzehnte nach dem Tod Mohammeds. Von der Phase der Dekadenz des klassischen Islams sowie den negativen Einflüssen eines »sittenlosen« liberalen Westens gelte es, die Religion zu reinigen und zu diesem »unverfälschten« Ursprung zurückzukehren. Alle Bereiche der Gesellschaft, vom Staat bis zum Privaten, sollen von den von ihnen als islamisch definierten Normen durchdrungen werden. Mit dem »gelassenen Blick auf die Welt«, der die islamische Kultur laut Bauer jahrhundertelang charakterisiert hatte, hat das nichts mehr zu tun. Vielmehr ist das islamistische Projekt durch westliche Konzepte im Gewand des Islams geprägt. Der Westen blickt im Islamismus »der Fratze seiner eigenen Disambiguierung der Welt ins Auge«, so Bauer.

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Erschienen in der Ausgabe vom 29.07.2026, Seite 14, Feuilleton

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