Das Leben gibt es nur am Stück
Roadtrip der Gefühle: Juana Everetts Album »Past Lives in California«
Heiß und schwül war’s in Nashville, als Juana Everett dort im Juni 2024 ihr zweites Album »Past Lives in California« einspielte. »Bugs were happy«, die Käfer und Mücken hat’s gefreut. Besser hätte es nicht laufen können, sagt Everett: Die Atmosphäre erinnerte sie an die acht Jahre, die sie zuvor in Kalifornien verbracht hatte, und von denen dieses Album im weitesten Sinne erzählt. Da die in Nashville konzipierte Platte zum Teil in den legendären FAME-Studios in Muscle Shoals, Alabama aufgenommen wurde, war sogar Dylan LeBlanc zur Hand für die Begleitvocals zu »Whatever It Takes«. Everetts Stimme hält das alles zusammen, dunkel und mild, inneren Aufruhr andeutend, aber dann lässig darüber hinweggleitend.
In ihren Zwanzigern verließ die aus Madrid stammende Musikerin desillusioniert ihre spanische Heimat; warum genau, wird nicht preisgegeben, aber Neugier und ein ausgeprägter Freiheitsdrang lassen sich schnell aus den Texten herauslesen. Sie erzählen von ihrer Zeit in Kalifornien, betrachtet wie durch ein sich langsam drehendes Prisma: mal persönlich, mal gesellschaftskritisch, mal anhand von Geschichten von Menschen, die ihr dort begegnet sind.
All das lässt eine existenzielle Unruhe durchscheinen, ist gleichwohl von Entspanntheit und Gelöstheit gekennzeichnet, die oft typisch für den Übergang von einem Lebensabschnitt zum nächsten sind. Die Musik, im West-Coast-Stil der 70er gehalten, spiegelt das wider. Entschlossen, ihre Lieder in Nashville aufzunehmen, hatte Everett 2024 erneut ihre Sachen gepackt und, glücklicher Zufall, traf dort auf Álex Muñoz, einen durch Zusammenarbeit mit u. a. Margo Price und John Hiatt bekannten Produzenten, spanischer Expat wie sie, aufgewachsen im selben Madrider Bezirk wie die Musikerin.
Gemeinsam schufen sie diese melodische, im Midtempo dahingroovende Sammlung von Songs. Kleine Feinheiten – ein behutsamer Gitarrenlick hier, etwas Country Noir dort – zeigen, dass hier Könner am Werk waren. Ecken und Kanten hat das Album keine, aber darum geht es auch nicht. Die Reibung liegt in den Erlebnissen der Vergangenheit – past lives … –, der Blick darauf ist ein Blick in den Rückspiegel, die Fahrt geht in die neue Richtung, nicht zu schnell, wer weiß, was kommt.
Elf Songs wie elf Kurzgeschichten. Sie schlagen einen Bogen von Kindheit und Jugend über verglühte Hippieträume, Fluchtphantasien, das Gefühl, ausgebeutet zu werden, ausgelaugt zu sein, es wird besser, geht um Zusammenhalt, die Überwindung von Traumen und schließlich um Aufbruch im vorletzten Lied »Donde Todo Se Queda«, dem einzigen auf Spanisch gesungenen Titel. Der Track »The Janitor« fällt noch einmal besonders auf. Erzählt wird die Geschichte der erschöpften, scheinbar unerwidert liebenden Hausmeisterin einer Schule. Menschlichkeit und Zugewandtheit können Entfremdung und Tragik überdauern, zumindest im Kleinen, zumindest in diesem Lied.
Bye bye California. Die Fahrt quer durchs Land beschließt den Zyklus: »So here we go heading east, turn on the radio / And roll the window down, I wanna hear the gravel on the ground.« Das Ende ist offen: »I’m here / In no one’s land / (…) / Where I feel / Free.«
Das Leben gibt es nur am Stück. Skippen ist nicht. So sollte auch »Past Lives in California« gehört werden.
→ Juana Everett: »Past Lives in California« (Great Canyon Records)
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