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»Vielleicht sind noch andere Wege«
Vor 80 Jahren schrieb Arno Schmidt die zutiefst humane Erzählung »Leviathan oder Die Beste der Welten«
Ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs schrieb Arno Schmidt die Erzählung »Leviathan oder Die beste der Welten«, die 1949 bei Rowohlt veröffentlicht wurde, der Sammelband »Leviathan« war sein literarisches Debüt. Die Antikriegserzählung behandelt die Kriegszeit, die nach einer kurzen Atempause ab 1946 wieder in eine Vorkriegszeit übergeht.
Der nonkonformistische Ich-Erzähler führt Tagebuch. Er hat es bis zum Unteroffizier gebracht und organisiert aus eigenem Antrieb im Februar 1945 eine Zugfahrt, um mit einer Handvoll Flüchtlingen, darunter seiner Angebeteten Anne, aus Schlesien zu fliehen. Wieso könnte es sich heute noch lohnen, die Erzählung zu lesen?
Erstens: Arno Schmidt stellt literarisch dar, wie machtlose Individuen versuchen, gegen das Nazisystem Widerstand zu leisten. Die erzwungene Mittäterschaft an der Nazibarbarei spiegelt sich in der vom Erzähler – besser: der Ich-Person – entwickelten Theorie eines Leviathan-Ungeheuers, das in der Bibel als Symbol für die Zerstörungs- und Vernichtungskräfte in der Welt steht. Dieser Leviathan nimmt auf der Handlungsebene der Erzählung die Gestalt eines Schwellenreißers an, eines speziellen Geräts, das beim Fahren eines Eisenbahnzuges zerstörte Gleise hinterlässt. Ein solcher Schwellenreißer befindet sich am Zug der Flüchtenden, er ist nicht mehr abzukoppeln. Bei ihrer Flucht aus der Barbarei werden die Widerständler durch ihre eigenen Handlungen zu Werkzeugen der Barbarei. Die Tragödie verschont keinen.
Zweitens: Die Erzählung weist einen interessanten, ganz grundlegenden Widerspruch auf. Die Ich-Person stellt in ihren Vorträgen die Herrschaft des Leviathans als »unbegrenzt, aber nicht unendlich« dar. Übertragen auf die Endphase des Zweiten Weltkriegs heißt das, dass die Naziherrschaft, obwohl sie keinen Betroffenen entkommen lässt, nicht mehr lange andauern wird. Im Widerspruch zu dieser Theorie zeigen die Personen durch ihr Widerstandshandeln, indem sie trotz der Kampfhandlungen einen Eisenbahnzug wieder flottmachen, die Grenzen des Naziterrors. Die Handlung der Erzählung weist also über die pessimistische Leviathan-Theorie hinaus. Man könnte sagen, dass das Ich im Laufe der Geschichte eine Entwicklung durchmacht und sich am Ende, bevor es zusammen mit der Geliebten im Feuer der Panzer- und Flugzeugkanonen umkommt, zu einer optimistischeren Weltsicht durchringt. In der Druckfassung von 1949 lässt Arno Schmidt die Ich-Person noch den zusätzlichen Satz sprechen: »Vielleicht sind noch andere Wege.« Somit sieht also auch das Ich die Naziherrschaft nicht mehr als grenzenlos-totalitär, sondern als begrenzt an – wenn auch mit einem »vielleicht« eingeschränkt, gebe es jenseits der drohenden Vernichtung noch »andere Wege« der Rettung. In der literarischen Gestaltung dieser Widersprüchlichkeit zeigt sich der humane Inhalt der Erzählung.
Drittens: Die Lektüre des »Leviathan« stiftet auch heute noch einiges Vergnügen. Ein besonderes vermittelt die Faksimileausgabe von 1994, die die Originalgestalt des Manuskripts präsentiert. Arno Schmidt hat die Erzählung 1946 auf Telegrammformularen der britischen Besatzungsmacht geschrieben, womit schon in der materiellen Gestalt des Textes sinnlich fassbar wird, dass die Erzählung den Sieg der Antihitlerkoalition voraussetzt.
In der kleinen Rahmenhandlung der »Leviathan«-Erzählung erfährt der Leser, dass das Tagebuch in die Hände eines amerikanischen Soldaten geraten und am 20. Mai 1945 in die USA geschickt wird. Achtung: Der Amerikaner bezeichnet die »Russians« als »amiable«, mit denen demnächst gemeinsam gegen die »damned Japs« gezogen werden soll. In der Welt der Erzählung gibt es noch kein Hiroshima und keinen Bruch der Antihitlerkoalition, sondern die im Mai noch bestehende Koexistenz der Großmächte verspricht eine friedliche Zukunft in Europa. Der Kalte Krieg wird diese Hoffnung zerstören.
Ein weiteres Vergnügen bereitet die eigenwillige Prosa von Arno Schmidt. Das dialektische Wechselspiel zwischen sinnlicher und bildhafter Darstellung der schrecklich-schönen Realität und den exzentrischen Gedankenflügen der Ich-Person in die Welten der Literatur, Naturwissenschaften und Mathematik animiert die Leser zu eigenen Ideen hinsichtlich einer humaneren Welt.
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Onlineabonnent*in Torsten Andreas S. aus B. 29. Juli 2026 um 15:32 UhrVon 1949 bis Juni 1953 wurden weniger als 800 Exemplare des Leviathan verkauft. Aber um diese Zahl geht es nicht, sondern darum, wie Arno Schmidt die Lage kommentierte (sinngemäß): »Das Desinteresse des Publikums übertraf die kühnsten Erwartungen.« Diesen Satz zitiere ich seit Jahrzehnten! Mit Begeisterung.
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