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Aus: Ausgabe vom 04.03.2026, Seite 12 / Thema
Digitaler Kapitalismus

Zur Ware gemacht

Warum Informationen wertlos, aber millionenschwer sind – und andere Widersprüche. Für eine Werttheorie im 21. Jahrhundert
Von Peter Schadt
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Aus werttheoretischer Sicht vollständig wertlos

Bei dem folgenden Text handelt es sich um einen leicht überarbeiteten und ins Deutsche übersetzten Vortrag, der im Rahmen der internationalen Konferenz »Future of Work: ­Exploring how Digitalisation reshapes work organisation and possible regulatory responses« des gewerkschaftlichen European Trade Union Institute (ETUI) in Brüssel am 11. Februar 2026 gehalten wurde. (jW)

Ich freue mich sehr, heute hier einige Ergebnisse meiner Habilitation vorstellen zu können, die ich in acht Wochen an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen–Nürnberg einreichen werde und die ich im Rahmen meines Forschungsprojekts zu einer »Kritik der politischen Ökonomie der Digitalisierung« erarbeitet habe. Der Titel meines Vortrags lautete: »Data are worthless but have a price: the digitalisation of labour processes as a challenge for value theory in the 21st century« (Daten sind wertlos, haben aber einen Preis: die Digitalisierung von Arbeitsprozessen als Herausforderung für die Werttheorie im 21. Jahrhundert). Der Titel verweist auf eine provokante These: Daten beziehungsweise Informationen sind wertlos und haben doch einen Preis.

Staat und Privateigentum

Zunächst ist für das Verständnis des Folgenden wichtig zu betonen, dass meine Arbeit in ihrem Anspruch sehr grundlegend angelegt ist. Es geht nicht um eine bloße Beschreibung technologischer Trends oder um eine arbeitssoziologische Bestandsaufnahme einzelner Branchen. Ziel ist vielmehr die Entwicklung von Grundkategorien einer politischen Ökonomie der Digitalisierung. Anders gesagt: Es geht um die Frage, wie eine Werttheorie im 21. Jahrhundert beschaffen sein muss, wenn sie die digitale Transformation der Arbeitsprozesse begreifen will.

Der Konferenztitel, auf dessen Einladung hin der Vortrag entstand, lautete: »Exploring how digitalisation reshapes work organisation and possible regulatory responses« (Wie die Digitalisierung die Arbeitsorganisation verändert und mögliche regulatorische Reaktionen darauf). Diese Formulierung entspricht einer weitverbreiteten Sichtweise: Digitalisierung erscheint als ein quasi naturwüchsiger Prozess, der die Arbeitsorganisation verändert, woraufhin der Staat regulierend eingreift oder eingreifen soll. Doch schon diese Formulierung birgt ein mögliches Missverständnis. Sie legt nahe, Digitalisierung sei zunächst ein eigenständiger Prozess, der gewissermaßen außerhalb politischer und rechtlicher Rahmenbedingungen stattfindet – und erst im nachhinein Gegenstand staatlicher Gestaltung wird.

Demgegenüber argumentiere ich, dass der Staat durch seine Garantie des Privateigentums bereits die Grundlage dafür schafft, in welcher Form Digitalisierung überhaupt stattfindet – nämlich als ein Prozess, in dem das Kapital seine eigene Verwertung digitalisiert. Die Durchsetzung des Privateigentums, die juristische ­Fixierung von Ausschlussrechten, die Sicherung von Vertragsbeziehungen und die Organisation von Märkten bilden den konstitutiven Rahmen, innerhalb dessen digitale Technologien eingesetzt werden. Wenn der Staat später regulierend eingreift, handelt es sich bereits um einen zweiten Akt: um die politische Korrektur der Resultate eines Prozesses, den er durch die Privatisierung des gesellschaftlichen Stoffwechsels selbst in Gang gesetzt hat. In diesem Sinne reagiert der Staat auf die Wirkungen des Wertgesetzes, das er selbst durchsetzt.

Denn es ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit, dass es so etwas wie ein »Wertgesetz« gibt. Dessen bloße Existenz ist bereits eine recht gründliche Kritik an einer Gesellschaft, in welcher zwar einerseits arbeitsteilig produziert wird, aber andererseits überhaupt keine bewusste Arbeitsteilung stattfindet. Vielmehr wird die gesellschaftliche Arbeit mit dem Motiv der Bereicherung als private Arbeit betrieben. Ob und inwiefern diese private Arbeit sich am Ende als Moment einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung beweist, stellt sich für die Akteure erst dann heraus, wenn sie es schaffen, ihre Produkte auch zu verkaufen. Erst in der Konkurrenz und im Verkauf beweist sich also ihre Arbeit als Moment des gesellschaftlichen Stoffwechsels.

Wertgesetz und Scheinsubjekt

Das heißt, dass den Mitgliedern dieser feinen Ökonomie ihr eigenes gesellschaftliches Verhältnis als Preisschild ihrer Waren begegnet, als eine Eigenschaft von Dingen. Damit komme ich zu einem ersten zentralen Punkt meiner Untersuchung: der Bestimmung von »Digitalisierung« als Scheinsubjekt. Digitalisierung erscheint im öffentlichen Diskurs als Trend ohne Akteur. Unternehmen, Gewerkschaften, Regierungen – alle berufen sich auf den »stummen Zwang« oder den »Sachzwang« der Digitalisierung, um Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Aber wie kann es sein, dass sich alle maßgeblichen Instanzen dieser Ökonomie jeweils auf die Konkurrenz berufen, der sie unterworfen sind? Marx hat eine solche »Erklärung« aus der Konkurrenz sehr entschlossen zurückgewiesen:

»Begrifflich ist die Concurrenz nichts als die innre Natur des Capitals, seine wesentliche Bestimmung, erscheinend und realisirt als Wechselwirkung der vielen Capitalien aufeinander, die innre Tendenz als äußerliche Nothwendigleit« (Marx-Engels-Gesamtausgabe, 2. Abt., »Das Kapital« und Vorarbeiten, Bd. 1.2. Berlin 1981, S. 326).

Wo Unternehmer also klagend behaupten, sie müssten die digitale Technik einsetzen, um nicht abgehängt zu werden, und so unsere Arbeit weiter verdichten, hat diese Behauptung zwei Seiten: Einerseits ist der Zwang der Digitalisierung hier ein Scheinsubjekt, weil keine Technik und auch nicht »der Chinese« deutsche Unternehmen zwingt, mit den neuesten technischen Errungenschaften die Lohnstückkosten zu reduzieren. Die deutschen Unternehmen haben dieses Interesse schon selbst; die Konkurrenz zwingt sie nur dazu, ihr Interesse auch entschlossen zu verfolgen. Andererseits begegnet den Unternehmen tatsächlich in der Konkurrenz ihr Interesse als äußere Notwendigkeit, und »die Digitalisierung« gewinnt so tatsächlich den Charakter eines Scheinsubjekts, dem Unternehmer unter Strafe des Untergangs folgen müssen.

Was ich Pseudosubjekt nenne, besitzt beide Seiten dessen, was Marx als Fetischismus beschrieben hat. Einerseits sind es reale Akteure – kapitalistische Unternehmen, staatliche Institutionen –, die digitale Technologien vorantreiben. Andererseits erscheint das Resultat einer Gesellschaft, die ihren Stoffwechsel privat organisiert, den Individuen als verselbständigtes Subjekt: als »Digitalisierung«, als scheinbar naturwüchsiger Prozess, der sich ihrer Kontrolle entzieht. In Wahrheit handelt es sich um die spezifische Erscheinungsform des Wertgesetzes im 21. Jahrhundert.

Um Missverständnissen entgegenzuwirken: Mit der »wertkritischen« Formel von dem allseitigen Zwang, dem auch die armen Kapitalisten unterworfen sind, die also gar nicht anders können, ist das nicht zu verwechseln. Denen kann als »äußerer Zwang« nämlich nur begegnen, was ihre »innre Natur« ist: Die müssen sich also ganz ohne Notwendigkeit dazu entscheiden, ihr Privateigentum mit fremder Arbeit auch zu vermehren. Nur wer sich diesen Zweck der Ausbeutung setzt, dem begegnen dann bei der Verfolgung dieses Interesses seine Konkurrenten als der Zwang, diesem Interesse auch ökonomisch gerecht zu werden.

Carearbeit und Stoffwechsel

Ein weiterer zentraler Punkt für eine Werttheorie im 21. Jahrhundert betrifft die Debatte um Carearbeit. Wie etwa Esther Lynch in ihrer Konferenzeröffnung zu Recht betonte, existiert eine große Menge gesellschaftlich notwendiger Arbeit, insbesondere Sorgearbeit, die allerdings ganz privat erledigt und von niemandem bezahlt wird. Sie wird auch häufig als »blinder Fleck« der Werttheorie bezeichnet. Je nach Kritik sei die Werttheorie entweder aufgrund ihrer Adepten oder sogar strukturell nicht in der Lage, die Carearbeit zu erfassen. Ich halte diese Diagnose für eine Fehllektüre der Marxschen Theorie.

Aus Marx’ »Kapital« lässt sich vielmehr etwas anderes ableiten: Kindererziehung und Altenpflege sind Formen unmittelbar gesellschaftlicher Arbeit. Sie haben eine direkte Wirkung: Die Arbeitskraft wird reproduziert, das Leben selbst wird hervorgebracht und erhalten. Diese Arbeit ist Voraussetzung jeder kapitalistischen Produktion. Der kapitalistische Stoffwechsel greift auf sie zurück. Dennoch erfüllt sie nicht das entscheidende Kriterium, um in dieser Gesellschaft als Wert zu gelten: Sie dient nicht unmittelbar der Vermehrung von Privateigentum.

Hier sei noch mal an den ersten Punkt erinnert: In dieser Gesellschaft findet der gesellschaftliche Stoffwechsel unter dem Motiv der privaten Bereicherung statt. Als gesellschaftliche Arbeit anerkannt wird daher nur die privat geleistete Arbeit, deren Produkt als Eigentum reklamiert wird und so als Zugriffsmittel auf fremde Arbeit dienen kann. Die Pflege von Alten und die Kindererziehung mögen also ihrem Gebrauchswert nach für eine Gesellschaft noch so nützlich sein: Indem die »Produkte« dieser Arbeit kein Privateigentum sind, sondern schlicht ein Moment der individuellen und damit natürlich auch gesellschaftlichen Reproduktion leisten, sind sie wertlos.

Das ist kein Fehler der Werttheorie, sondern der praktische Zynismus einer Gesellschaft, die ihren Stoffwechsel unter das Motiv der privaten Bereicherung subsumiert, und der dennoch nie ganz darin aufgeht. Einerseits zählt als gesellschaftliche Arbeit also nur, was sich als Privateigentum auch in geldwertem Reichtum ausdrückt. Andererseits gibt es eben lauter gesellschaftlich notwendige Tätigkeiten, die zum gesellschaftlichen Stoffwechsel zählen, aber niemandem Geld einbringen. Was also als »Schwäche« der Werttheorie erscheint, ist ihre Stärke: Sie erklärt, warum die gesellschaftlich notwendige Pflege- und Fürsorgearbeit im Kapitalismus ausgerechnet als Privatarbeit erscheint. Aus eben keinem anderen Grund, als dass sie unmittelbar gesellschaftlich ist und eben nicht den Umweg über das Privateigentum geht.

Wer einer Werttheorie daher vorwirft, dass Carearbeit ihr »blinder Fleck« sei, muss sich umgekehrt den Vorwurf gefallen lassen, sie nicht ganz verstanden zu haben. Wert darf nicht mit einem normativen Reichtumsbegriff verwechselt werden. Für Marx ist Wert selbst ein kritischer Begriff. »Arbeit« gilt im Kapitalismus eben nur dann als gesellschaftlich notwendig im spezifischen Sinn abstrakter Arbeit, wenn sie zum Wachstum von Privateigentum beiträgt. Deswegen besteht Marx auch so sehr darauf, dass »Wert« eben nicht mit »Gebrauchswert« zu verwechseln ist.

So sehr nämlich die verschiedenen Güter, freie Zeit und natürlich auch die gegenseitige Fürsorge Momente eines wohlverstandenen Wohlstands ausmachen, so wenig ist man damit dem »Wert«-Begriff auf der Spur: Der steht ganz umgekehrt für den Wahnsinn einer Gesellschaft des Privateigentums, in der als Wert nur die Verausgabung von »Hirn, Muskel, Nerv« gilt. Als Wohlstand gilt also gerade nicht der Gebrauchswert von Dingen, sondern inwiefern sie Zugriff auf fremde Arbeit sind – und das sind sie eben nur, insofern sie selbst gesellschaftliche Arbeit repräsentieren. So konstituiert sich eine Gesellschaft, in der es allen Ernstes nicht genug »Arbeit« geben kann. Ein Wahnsinn mit Notwendigkeit.

Informationsarbeit

Rekapitulieren wir kurz: Für Carearbeit schlage ich also den Begriff der unmittelbar gesellschaftlichen Arbeit vor; oder wie sie bei Marx verstreut genannt wird: gemeinschaftliche Arbeit. Sie macht eben aus, dass ihr »Produkt« – das Leben selbst – unmittelbar gesellschaftlich ist und nicht in der Form von Privateigentum vorliegt und entsprechend auch keinen Zugriff auf fremde Arbeit erlaubt: Sie ist in diesem Sinne wertlos. Und genau hier ergibt sich die Verbindung zur »Informationsarbeit«. Auch Informationsarbeit – im Sinne dessen, was Marx als allgemeine Arbeit bezeichnet – ist unmittelbar gesellschaftlich. Information kann von jedermann aufgegriffen und ohne zusätzlichen Arbeitsaufwand reproduziert werden. In diesem Sinne ist Information – sei es in Form digitaler Filme, Texte, Baupläne oder Software – vollständig wertlos: Ihre Reproduktion erfordert keine gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit.

Im Unterschied zur Carearbeit jedoch wird Information vom Staat systematisch kommodifiziert, also zur Ware gemacht. Durch Patent- und Urheberrecht verwandelt der Staat Information in eine Einnahmequelle und integriert sie in den kapitalistischen Arbeitszusammenhang. Während Carearbeit weitgehend als »Gratisgabe« innerhalb von Familien verbleibt und nur insoweit wohlfahrtsstaatlich gestützt wird, wie sie ihre Funktion – die Reproduktion der Bevölkerung – erfüllt, wird Information in Privateigentum überführt und mit Ausschlussrechten versehen.

Die Behauptung, Information habe einen Preis, aber keinen Wert, lädt zu Missverständnissen ein. Als Information erfordert ihre Reproduktion keinerlei Arbeit. Ihr Preis resultiert daher ausschließlich aus Rechtsansprüchen – also aus politischer Macht. Politökonomisch gesprochen handelt es sich um Rente. Viele Forscherinnen und Forscher formulieren dies, indem sie von »Nahe-Null-Grenzkosten« sprechen. Doch diese Redeweise ist irreführend. Als Information ist der Reproduktionsaufwand nicht »nahe Null«, sondern exakt Null. Ein Film muss nicht »ein wenig« neu gedreht, Software nicht »ein wenig« neu programmiert werden, um reproduziert zu werden. Information ist beliebig kopierbar.

Wer hier einwendet, dass ein moderner ­Hollywoodfilm aber zum Abdrehen gerne eine dreifache Millionensumme kostet und eine Habilitation wie die meine vielleicht zum Reproduzieren keine, aber zum Produzieren dann doch einiges an Arbeit erfordere, der sei an zwei Dinge erinnert: Erstens sind Kunst- und Kulturgüter so oder so unter den Begriff der »gesellschaftlich notwendigen durchschnittlichen Arbeit« kaum zu subsumieren: Was soll diese schon sein bei lauter Einzelstücken?

Aber selbst bei »Informationen«, deren »Produktion« so etwas wie abstrakte Arbeit verlangt, bleibt das zweite Argument: Einmal produziert, erfordert die Reproduktion keinen weiteren Aufwand. Das gilt für die Erforschung von Medikamenten, Blaupausen von Maschinen, kurz: alle Arten von Informationen. Damit liegt – mit Marx gesprochen – ein totaler »moralischer Verschleiß« vor. Damit beschreibt Marx, dass Waren nicht wert sind, was einmal bei ihrer Herstellung für ihre Produktion an Arbeit erforderlich war, sondern was zum Zeitpunkt ihres Verkaufs an gesellschaftlicher Arbeit notwendig ist. Und hier sind wir beim Paradox aller »Informationsarbeit«: Ihre Produkte – Informationen – sind immer, sobald sie einmal erdacht bzw. »produziert« worden sind, nur noch soviel wert, wie es an Arbeit braucht, um sie noch mal zu produzieren.

Deswegen hat Marx eben auch die »Informationsarbeit« als unmittelbar gesellschaftliche Arbeit beschrieben, weil ihre Produkte – Informationen – genauso wie die der Fürsorge- und Pflegearbeit allgemein zugänglich sind. Deswegen heißt diese Sorte Arbeit bei Marx auch allgemeine Arbeit. Im Unterschied zur Carearbeit werden ihre Produkte allerdings durch die staatliche Gewalt ziemlich erfolgreich zu Waren gemacht. Und so löst sich das Rätsel aus der Überschrift, inwiefern Informationen zwar Millionen kosten können, aber dennoch wertlos sind.

Aber gerade wenn ich davon spreche, dass »Informationen« ohne Aufwand reproduziert werden können, muss schon wieder vor einem möglichen Missverständnis gewarnt werden. Denn »Information« ist eine Abstraktion, also ein Moment der materiell vorliegenden Daten. Und die Reproduktion von Daten ist höchst materiell. Sie erfordert seltene Erden aus China und Afrika, globale Serverfarmen und enorme Mengen an Elektrizität, eine globale Infrastruktur, Kupfer- und sonstige Metallminen und Verarbeitung und vieles mehr. Man muss nicht soweit gehen wie Wolfgang Fritz Haug, der argumentiert, ein E-Book könne mehr Ressourcen verbrauchen als ein gedrucktes Buch, um die Stoßrichtung zu teilen. Entscheidend ist: Die These von den »Nahe-Null-Kosten« ist zugleich Über- und Untertreibung. Sie übertreibt im Hinblick auf Information als solche – denn dort ist der Aufwand tatsächlich Null. Und sie untertreibt im Hinblick auf die materielle Dimension der Daten und ihrer Endgeräte, die enorme ökologische und soziale Kosten verursacht.

Wertlose Natur

Damit stellt sich für die Werttheorie im 21. Jahrhundert auch die Frage nach ihrem Verhältnis zur Natur neu – zumindest wenn man jenen glaubt, die ihr nicht nur ein Fehlen der »Frauen«-, sondern auch der Ökologiefrage vorwerfen. Aber es ist kein Fehler der Werttheorie, wenn sie die Natur nicht als Wertquelle bezeichnet. Marx ist hier sehr präzise: Der Gebrauchswert, der stoffliche Reichtum, ist das Kind von Arbeit und Natur. Jede Produktion setzt Naturstoffe voraus. Doch als gesellschaftlicher Reichtum gilt in dieser Gesellschaft nur, was dem Eigentum dient. Die Natur ist daher – einmal mehr – eine »Gratisgabe«, an der sich das Kapital bedient.

Hier wird erneut die Rolle des Staates zentral. Wo einzelne Nationen bestimmte Naturressourcen – etwa seltene Erden oder Metalle – kontrollieren, können sie diese gegen Geld anbieten, indem sie andere von ihrer Nutzung ausschließen. Auch hier entsteht kein Wert aus der Natur selbst. Gewaltförmig abgesicherter Ausschluss begründet aber Monopolrenten.

Das sind die Eckpfeiler meiner Untersuchung. In meiner Habilitation argumentiere ich, dass die moderne Makroökonomie mit ihrer subjektiven Wertlehre die Ökonomie grundlegend verkennt. Es ist vielmehr die alte, so oft für tot erklärte objektive Werttheorie, die uns erlaubt, die Digitalisierung zu verstehen. Und gerade jene vermeintlichen »Fehler«, die seit über hundert Jahren diskutiert werden – das angebliche Versagen, Carearbeit zu berücksichtigen, und die vermeintliche Blindheit gegenüber ökologischen Fragen –, erweisen sich als Stärke dieser Theorie. Sie machen sichtbar, dass Wert nicht als vermeintlich »Anerkennung« gesellschaftlich notwendiger Arbeiten für die Gesellschaft oder die Natur als Quelle aller Gebrauchswerte missverstanden werden sollte, sondern die spezifische Form gesellschaftlichen Reichtums in einer auf Privateigentum gegründeten Produktionsweise ist. Entsprechend geht es auch nicht darum, Fürsorgearbeit und Umwelt als Wertquellen »anzuerkennen«, sondern damit Schluss zu machen, dass der gesellschaftliche Stoffwechsel über weite Strecken stattfindet als ein sich hinter dem Rücken der Akteure vollziehendes Abfallprodukt von lauter Charaktermasken, deren Motiv die Vermehrung ihres Eigentums ist.

Peter Schadt ist Sozialwissenschaftler. Er schrieb an dieser Stelle zuletzt am 27. Oktober 2025 über Yanis Varoufakis’ Buch »Technofeudalismus«: »Wolkenwirtschaft«

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  • Leserbrief von Helmut Dunkhase (6. März 2026 um 14:28 Uhr)
    Ich glaube, die These »Informationen sind wertlos, haben aber einen Preis« stimmt nicht. Information ist Materie, etwas Materielles. Die Herstellung von etwas Materiellem kostet, wenn es nicht gerade als Gratiskraft von der Natur zur Verfügung gestellt wird, Arbeit, nimmt also in der kapitalistischen Produktionsweise Wert an. Was digitale Informationen – um die geht es hier ja wohl – von anderen Produkten unterscheidet, ist, dass ihre Reproduktion wenig Arbeit kostet, aber keineswegs null, wie Schadt meint (Lesegeräte, Arbeitskraft usw., um sie nutzen bzw. weiterverarbeiten zu können).
    Das Ansinnen, über eine Werttheorie des 21. Jahrhunderts nachzudenken, ist für mich enttäuschend, weist es doch darauf hin, dass eine andere Eigentumsordnung gar nicht erst in den Blick genommen wird. Und das erklärt, warum Schadt auf der Formebene des Werts verbleibt und nicht zurückgeht auf das Substrat, das diese historische Form angenommen hat: die abstrakte gesellschaftliche Arbeit. Denn dann würde auch deutlicher, in welchem Sinne das Wertgesetz »keine Selbstverständlichkeit« ist: Es ist die Form, in der das überhistorische Gesetz des proportionalen Arbeitsaufwands realisiert wird. In einer kommunistischen Planwirtschaft auf der Basis von Arbeitszeitrechnung wird es keine prinzipiellen Schwierigkeiten geben, Güter, die kaum Arbeit kosten, zu verteilen, ohne in ökonomische Schwierigkeiten zu kommen. Die Herrschaft des Privateigentums braucht Polizisten und Juristen.
    Schadt bringt erstaunlicherweise die Digitalisierung mit dem Wertgesetz über den unglücklichen Fetischbegriff zusammen. Den Kapitalisten entgleitet die Digitalisierung ihrer Kontrolle, weil ein privat organisierter Stoffwechsel eine solche nicht zulässt. Sie wird zum Scheinsubjekt, das Fetisch erscheint. Aber die Digitalisierung ist nicht ein scheinbarer, wie Schadt schreibt, sondern ein realer naturwüchsiger Prozess, der sich real der Kontrolle der Kapitalisten entzieht. Und dies soll zu guter Letzt, nicht die spezifische Form, sondern die »spezifische Erscheinungsform des Wertgesetzes im 21. Jahrhundert« annehmen, das heißt, auch nur als Fata Morgana eines Wertgesetzes. Ganz davon abgesehen, dass jegliche Erläuterung eines möglichen Zusammenhangs zwischen Digitalisierung und Wertgesetz fehlt: Ob der Autor das wirklich so gemeint hat? Ich denke, hier gibt es Klärungsbedarf.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (5. März 2026 um 10:42 Uhr)
    Kurzkritik an Peter Schadts Artikel: Der Text versucht, die Digitalisierung vollständig aus der marxistischen Werttheorie zu erklären. 1. Theorie statt Analyse. Der Autor kündigt an, eine »Werttheorie des 21. Jahrhunderts« zu entwickeln, liefert aber vor allem eine Wiederholung klassischer Marx-Kategorien (Wertgesetz, Privateigentum, Konkurrenz). Die Digitalisierung wird nicht eigenständig untersucht, sondern so interpretiert, dass sie in das vorhandene Schema passt. 2. Der Begriff »wertlose Information«. Die These, Informationen seien »wertlos«, weil ihre Kopie keine Arbeit erfordert, wirkt künstlich konstruiert. Sie blendet aus, dass: Entwicklung, Wartung und Verbesserung digitaler Produkte kontinuierliche Arbeit erfordern und Plattformen, Netzwerkeffekte und Datenökonomie reale ökonomische Prozesse darstellen. Der Begriff »wertlos« entsteht hier eher aus der Definition der Theorie als aus der tatsächlichen Funktionsweise digitaler Märkte. 3. Überdehnung des Marx’schen Wertbegriffs. Schadt versucht, sehr unterschiedliche Phänomene – Digitalisierung, Carearbeit, Urheberrecht, ökologische Ressourcen – alle mit derselben Wertkategorie zu erklären. Das führt dazu, dass: komplexe institutionelle und technologische Entwicklungen auf eine einzige Ursache (Privateigentum und Kapitalverwertung) reduziert werden. Die Analyse verliert dadurch empirische Differenzierung. 4. Der Staat als bloßes Instrument. Der Staat erscheint im Text fast ausschließlich als Garant des Privateigentums und Helfer der Kapitalverwertung. Damit werden andere Funktionen des Staates – etwa Innovationspolitik, Infrastrukturaufbau oder Konfliktregulierung – stark vereinfacht. 5. Kritik wird immunisiert. Ein auffälliger Punkt: Einige klassische Einwände gegen die Marxsche Werttheorie (z. B. Carearbeit oder Natur) werden vom Autor nicht als mögliche Schwächen betrachtet, sondern als Bestätigung der Theorie umgedeutet. Damit entsteht eine Argumentationsweise, in der jede Kritik letztlich die Theorie bestätigt.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Roland G. (4. März 2026 um 13:58 Uhr)
    Marxistische Theorie schöpferisch auf aktuelle Probleme angewendet. Warum ist die so nützliche und notwendige Carearbeit unter Marktbedingungen wertlos und somit preislos, unbezahlt? Weil sie nicht für den Markt, die direkte marktwirtschaftliche Vermarktung erbracht wird. Dieses Problem, diesen Widerspruch kann man nicht innerhalb einer Marktwirtschaft überwinden, sondern nur mit Überwindung der Marktwirtschaft überwinden. Ich erwarte mit viel Spannung und Vorfreude die komplette Arbeit. Prof. Dr. Rland Giese, Dresden
  • Leserbrief von Rudi Netzsch aus 82343 Pöcking (4. März 2026 um 10:58 Uhr)
    Ich stimme den Ergebnissen der Ausführungen von P. Schadt vollständig zu. Nur ein kleiner terminologischer Fehler ist mir aufgefallen: Schadt spricht davon, dass nach Erstellung von Informationen diese einem totalen »moralischen Verschleiß« unterliege. Der Begriff »moralischer Verschleiß« stammt von Marx (Kapital Bd. 1) und bedeutet, dass durch technologische Neuerungen der Wert einer nun veralteten Maschine sinkt. Das setzt allerdings voraus, dass die Maschine zuvor einen gemäß der Werttheorie bestimmten Wert hatte, und auch der neue, gesunkene, Wert bestimmt sich nach der Werttheorie, nämlich als die beim neuen Stand der technischen Entwicklung zur Erzeugung eines vergleichbaren Gebrauchswerts erforderliche gesellschaftliche Durchschnittsarbeit. Da Information aber gar keinen Wert hat, kann sie auch keinem moralischen Verschleiß unterliegen. Der Preis, der beispielsweise für eine Software-Lizenz zu entrichten ist, ist ja auch gar nicht der Preis für die Software selbst, sondern für die juristische Konstruktion »Verwendungslizenz«. Dieser Preis bestimmt sich im Übrigen analog zu den Gesetzen der Differentialrente (Kapital Bd. 3) Die Arbeit für die Erstellung der Software ist auch nicht Arbeit für die Erstellung der vielen nachher für sie vergebenen Lizenzen, sondern – im kapitalistisch-ökonomischen Sinn – »unproduktive« Arbeit, d. h. Arbeit, die gar keine Ware erzeugt, aber für das jeweilige Geschäft sehr wohl notwendig sein kann. Deshalb erzeugt sie auch keinen Wert.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (4. März 2026 um 15:44 Uhr)
      So leid es mir tut, es gibt nicht nur Bitmuster, die wertlose Filme repräsentieren oder zur Erzeugung wertloser Luftdruckänderungen verwendet werden können. Es gibt auch welche, die höchsten Gebrauchswert repräsentieren, die zum Beispiel Fertigungsmaschinen steuern. Die werden möglicherweise/wahrscheinlich von InformatikerInnen erzeugt, sind aber keine Information, sondern integraler Bestandteil von (industriellen) Produktionsmitteln. Der menschenlesbare Quelltext der Programme kann auch als Datum oder Information betrachtet werden. Für einen, der keinen geeigneten Compiler hat, daraus ein maschinenlesbares, ablauffähiges »Binary« zu generieren und keine »Hardware«, auf die er dieses laden und ablaufen lassen kann ist, dieser Quelltext wertlos. Wie schaut es denn mit dem Wert von Softwaresystemen aus (ein Programmierer schreibt ja Text), für die dutzende oder hunderte »Mannjahre« zur Erzeugung notwendig sind und dann in Gesamtsystemen laufen? Auf der Welt gibt es nicht nur Kleinstweich mit einem kaum brauchbaren Betriebssystem oder Google mit seinem Android, das moralisch schneller verscheisst als eine Klobürste. Frau muss also sehr genau hinschauen, welches Datum, welche Information welchen Wert hat oder nicht hat: Die für die »Erzeugung eines … Gebrauchswerts erforderliche gesellschaftliche Durchschnittsarbeit« ist halt doch irgendwie relevant. Kurz: Information ist nicht gleich Information. Und Digitalisierung ist nicht gleich Digitalisierung. Der kapitalistische Missbrauch des Begriffs des »geistigen Eigentums« durch Patent- und Lizenzrecht wird im Zusammenhang mit der »Digitalisierung« zurecht kritisiert, ist aber nicht auf sie beschränkt.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (3. März 2026 um 22:46 Uhr)
    Wie immer ist es nicht einfach, einem Artikel von fast neunzehntausend Zeichen mit zweitausend Zeichen Leserbrief gerecht zu werden. Fangen wir also mit »Zeichen« an. Zeichen sind oder repräsentieren Daten. Daten können Informationen repräsentieren/enthalten/sein, müssen aber nicht. Information kann Wissen repräsentieren/enthalten/sein, muss aber nicht. Packt frau alle Kombinationsmöglichkeiten der drei vorherigen Sätzchen in eine Matrix, wird die ganz schön groß und vieldimensional (die Zahl der Dimensionen wird sehr viel größer als zwei). Selbst wenn frau alle unsinnigen Kombinationen löscht und die redundanten jeweils auf ein Element reduziert, bleiben noch ziemlich viele zu betrachtende Matrizenelemente übrig. Diese Komplexität fällt im Artikel komplett 'runter. Die Zeichenfolge »Daten« kommt fünfmal vor, die Zeichenfolge »Information« vierundzwanzigmal. Wenn ich einen wertlosen Film (in digitaler Form) kopiere, kopiere ich keine Information und schon gar kein Wissen, sondern binäre Daten von einem Datenträger auf einen anderen. Wie leicht zu sehen ist, geht in der Begrifflichkeit allerhand drunter und drüber. Das macht aber auch den Charme des Artikels aus: Er riskiert, dass Poppers Falsifizierbarkeitsforderung angewendet wird, und hebt sich so wohltuend vom utopischen Fabulieren in von Xenismen durchsetzten Hypotaxien ab. Man muss die Popperkeule nicht einmal schwingen: Der Begriff des Tauschwerts taucht im Artikel nicht auf. Einer leichten Überarbeitung sollte er nicht zum Opfer gefallen sein. Ich tendiere stark dazu, Wert, Gebrauchswert und Tauschwert als eigenständige Begriffe scharf getrennt zu benutzen. Analytisch wäre das im vorliegenden Zusammenhang auch nützlich. Die Aussage des letzten Absatzes bleibt gültig, auch wenn ein informaler Fehlschluss vorliegen könnte. Über die objektive Werttheorie zu debattieren, lohnt sich allemal.

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