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Theoriegeschichte

Nicht mehr salonfähig

Nicht nur Vorläufer, sondern eigenständige Theoretiker: Joshua Grafs lesenswerter Überblick zum »Kommunismus vor Marx«

Foto: Photo News/imago
1797 in Paris hingerichtet: Gracchus Babeuf im Kerker

In der Reihe »Neue Kleine Bibliothek« des Kölner Papyrossa-Verlags ist soeben ein lesenswertes Buch des Autors Joshua Graf erschienen, der zuletzt etwa in linken Podcasts durch hörenswerte Beiträge zur Geschichte des Kommunismus vor Marx in Erscheinung trat. Wer diese Auftritte mit Interesse verfolgte, hat nun die Gelegenheit, in dem Band »Gleichheit, Gemeinschaft, Gerechtigkeit – Kommunismus vor Marx« einen informativen Überblick zu dem Thema zu lesen.

Der übersichtliche Band ist in zwei Teile gegliedert: Es geht um kommunistisches Denken vor der französischen Revolution und kommunistisches Denken danach. Die einzelnen Kapitel sind dabei jeweils verschiedenen Persönlichkeiten gewidmet, die mal mehr, mal weniger zentrale Figuren der kommunistischen Theorie und Praxis waren. Der Leser stößt auf bekannte Namen wie Wilhelm Weitling, Louis Blanqui, Gracchus Babeuf und Thomas Morus, aber auch auf solche, die zumindest in Deutschland nur wenig bekannt sein dürften. Graf bringt ausgiebige Zitate aus deren Schriften. Dabei lernt der Leser auch etwas darüber, wie der Autor sich dem Kommunismusbegriff nährt.

Denn über jene Protagonisten, die Graf in seinem Buch als Vertreter eines Kommunismus vor Marx identifiziert, weiß der Autor nicht nur zu sagen, dass sie auch von beleseneren Marxisten kaum noch ernsthaft rezipiert worden sein dürften. Vielmehr würden sie gar nicht als eigenständige Theoretiker ernst genommen, sondern eher »teleologisch vereinnahmt als historische Vorläufer, die ihren folgerichtigen Kulminationspunkt finden mussten«. Natürlich muss hier auch die Frage geklärt werden, was die vorgestellten Personen verbindet und sie zu Kommunisten macht, während Graf explizit etwa Saint-Simon oder Fourier nicht aufnimmt: Was ist oder war das für ein Kommunismus, dessen Theoretiker und Praktiker er hier vorstellt?

So verwirft Graf den in der umfangreichen älteren theoriegeschichtlichen Literatur durchaus verbreiteten Ansatz, schon mittelalterliche, christlich inspirierte Gütergemeinschaften als kommunistisch zu labeln. Den praktischen Nutzen eines solchen breiten Kommunismusbegriffs, den etwa auch Friedrich Engels vertreten hat, bestreitet er nicht. Die marginalisierten und verfolgten Kommunisten konnten sich so gegen die Denunziation als sektiererische Minderheit in eine Traditionslinie stellen, welche sie als Vertreter eines, wenn nicht gleich ewigen, so doch zumindest sehr alten Kampfes um Gerechtigkeit auswies. Unter Bezugnahme auf das berühmte Diktum von Marx/Engels aus der »Deutschen Ideologie«, wonach der Kommunismus die »wirkliche Bewegung« sei, »welche den jetzigen Zustand aufhebt«, ergibt sich für Graf ein »enger« Kommunismusbegriff, dem er folgt: Nicht nur, wer für sich Gütergemeinschaft praktiziert, sondern wer theoretisch wie praktisch die Abschaffung der bestehenden politischen und ökonomischen Ordnung anstrebt, ist Kommunist.

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Auch den Unterschied zwischen Sozialisten und Kommunisten behandelt Graf. Für beide Begriffe stellt der Autor fest, dass sie gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstehen und an Einfluss gewinnen und bis dahin üblichere Begriffe wie »Community«, »Communauté« und »Gemeinschaft« ablösen, die zuvor zentral in utopischen Entwürfen waren. Wiederum angelehnt an Engels fasst er den Sozialismus als »Bewegung der Mittelklasse«, den Kommunismus dagegen als »eine Bewegung der Arbeiterklasse«: »Der Sozialismus war, auf dem Kontinent wenigstens, ›salonfähig‹; der Kommunismus war das gerade Gegenteil« (MEW4/560). Aber es gab auch inhaltliche Unterschiede.

So waren es nicht zuletzt sozialistische Utopisten wie Fourier, die nicht nur bei den Mitgliedern der herrschenden Klasse für die Finanzierung ihrer utopischen Projekte warben, sondern auch gar keine Überwindung der Klassengesellschaft anstrebten, sondern vielmehr die »Harmonie« aller Teile der Gesellschaft: »Die utopischen Sozialisten zwischen 1789 und 1848 waren keine Feinde des (Privat-)Eigentums. Sie erkannten die potenziell progressive Rolle, die mit der rapiden Produktivkraftentwicklung durch die neue Industrie verbunden war.« Gleiches gilt auch für Saint-Simon, dessen Zeitung den Untertitel trug »Alles durch die Industrie – alles für sie«. Grafs Kriterien für die Auswahl der kommunistischen Protagonisten überzeugen also durchaus.

Diese Theoretiker und Praktiker des Kommunismus werden anhand biographischer Stationen – soweit bekannt –, und vor allem anhand von Material aus ihren zentralen theoretischen Werken vorgestellt. Dabei überzeugt der Band nicht nur durch das demonstrierte genaue Studium der Originaltexte, sondern auch durch neue Perspektiven. So werden unter anderem auch die Familien- und Frauenbilder der (ausschließlich männlichen) Kommunisten untersucht.

Der einzige Wermutstropfen des lesenswerten Bandes ist das Missverhältnis zwischen der Darstellung der verschiedenen Positionen und einer einordnenden Kritik durch den Autor, zum Beispiel an den bekanntlich nicht nur frühkommunistischen Idealen von Gleichheit, Gemeinschaft und Gerechtigkeit. Die Kritik bleibt meist randständig oder wird nur angedeutet und kommt nur dort wirklich zur Geltung, wo Graf bei Theoretikern wie Théo­dore Dézamy diese direkt an und in deren Werken selbst als zeitgenössische darstellen kann. Für das nächste Buch wünscht man sich mehr kritischen Bezug auf das Material. Die Recherche und Zusammenstellung dieses Materials machen aber die vorliegende Arbeit zu einem gelungenen Überblickswerk für Einsteiger in das Thema.

→ Joshua Graf: Gleichheit, Gemeinschaft, Gerechtigkeit. Kommunismus vor Marx. Papyrossa, Köln 2026, 126 Seiten, 14,90 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 20.07.2026, Seite 15, Politisches Buch

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