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So geht Fußball

Foto: IMAGO sportfotodienst
Antonio Rattín (3. v. l.) gegen Franz Beckenbauer (Birmingham, 16.7.1966)

Einen wunderschönen guten Morgen! Am Sonnabend verstarb 89jährig in Vicente López, Provinz Buenos Aires, eine der größten Fußballegenden Argentiniens, Antonio Ubaldo Rattín. Er spielte zeit seines Lebens für den Club Atlético Boca Juniors, für den er von 1956 bis 1970 auflief. Sein Debüt war gegen niemand Geringeren als den Erzrivalen River Plate in einem Superclásico. Als Mittelfeldchef der Xeneizes gewann er mit dem Verein zwischen 1962–1970 fünf Meisterschaften und den silberländischen Pokal. 1963 spielte er beide Finals der Copa Libertadores gegen den FC Santos von Pelé. Der Titelverteidiger aus Brasilien musste erst im Halbfinale des Wettbewerbs einsteigen, wo er mit vier Treffern von Pelé (davon ein lupenreiner Hattrick schon in der ersten Halbzeit im Rückspiel im Maracanã) die Cariocas von Botafogo aus dem Weg räumte. Das Finalhinspiel gegen die Argentinier fand seltsamerweise nicht im Pacaembu von São Paulo, sondern im Maracanã von Rio statt. Santos führte schon nach einer knappen halben Stunde mit 3:0, am Ende stand es 3:2. Beim Rückspiel eine Woche später in der Bombonera (Pralinenschachtel) war Boca durch José Sanfilippo (Torschützenkönig mit sieben Treffern) gleich nach Wiederbeginn in Führung gegangen, bis schließlich Pelé kurz vor Schluss der 1:2-Siegtreffer gelang.

Insgesamt kickte Rattín in 352 Spielen für Boca Juniors (26 Tore). Für die Albiceleste, die Nationalauswahl, lief er 32mal auf, partizipierte an zwei WM. 1962 in Chile spielte er einmal, 1966 in England alle vier Matches (und wie bei Boca als Kapitän). In der Vorrunde hatten die Argentinier, die als Finalist gehandelt wurden, gegen Spanien und die Schweiz gewonnen, jedoch in Birmingham gegen die BRD überraschend nullgenummert. Im Viertelfinale kam es im Liverpooler Goodison Park zum legendären Match zwischen Portugal und Nordkorea, das die Lusitaner nach 2:3-Pausenrückstand und insgesamt vier Treffern von Eusébio noch mit 5:3 gewannen. Argentinien musste in Wembley vor über 90.000 Zuschauern gegen die Gastgeber antreten. Es war das Spiel, das Rattín auch international für immer bekanntmachen sollte. Noch in der ersten Halbzeit unterbrach der deutsche Schiedsrichter und Schneidermeister Rudolf Kreitlein das Spiel und forderte Argentiniens Kapitän auf, den Platz zu verlassen. Der hätte ihn beleidigt. Weder verstand Rattín Deutsch noch sprach Kreitlein Castellano. Rattín verlangte in seiner Funktion als Kapitän einen Übersetzer. Kreitlein überzeugte dieser Wunsch nicht. Seinen Kumpel »Gotti« Dienst auch nicht. Der Schweizer Postbeamte war einer der Linienrichter und hatte seinem Boss den Argentinier »gemeldet«. Der aufbrausenden Kritik der Medien nach dem Match entgegnete Kreitlein, er habe »die Beleidigungen« vom »Gesichtsabdruck abgelesen«. So geht Fußball. »Gotti« Dienst pfiff dann das Endspiel. Das mit dem Wembley-Tor.

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Kreitlein schickte statt eines Übersetzers Freunde und Helfer auf den Platz, um Rattín und Argentinien aus der WM zu entfernen. »Tiere! Ihr seid Tiere!« geiferten die 90.000 und schmissen volle Bierbüchsen nach Argentiniens Kapitän. Der Hüne Rattín fasste noch mal traurig die Eckfahne an und verließ den Platz. Als der Hagel nicht aufhörte, ließ er es sich nicht nehmen, kurz auf dem roten Teppich der Queen Platz zu nehmen, ein wahrhaft göttliches Ereignis. Sechs gegen 60 Millionen oder einer gegen 90.000 – ich kann mich nicht entscheiden. Doch, der eine war Ausländer. Antonio Rattín hatte seinen John Lennon verstanden. Der hatte Ende 1963 im Prince of Wales Theatre in London vor der britischen Königsfamilie (u. a. der Queen Mum und Prinzessin Margaret) das Publikum aufgefordert: »Die Leute auf den billigen Plätzen mögen klatschen. Die Herrschaften auf den teuren Plätzen rasseln bitte mit den Juwelen.« Bierbüchsen hatten die Royals gerade nicht zur Hand. Zur WM 1970 wurden dank der deutsch-schweizerischen Freundschaft gelbe und rote Karten eingeführt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.07.2026, Seite 16, Sport

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