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Hurra, wir fahren zum Boykott! (1)
Einen wunderschönen guten Morgen! Vor den jeweiligen Fußballweltmeisterschaften ist es zur Mode geworden, immer zänkischer den Boykott derselben zu fordern, irgendein Grund findet sich immer. Ich bin grundsätzlich gegen Boykotte dieser Art, ich fand auch den des Westens bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau und den des Ostens bei Olympia 1984 in Los Angeles falsch. Hinzu kommt, dass die lautesten Boykottkrakeeler meist nicht gerade fußballaffin sind.
Anders verhielt es sich bei der WM 1966, die vor allem wegen des Wembley-Tores erinnert wird, den superben Galavorstellungen von Portugals Superstar Eusébio (gebürtiger Mosambikaner), dem argentinischen Spielführer Antonio Rattín (der im Viertelfinale gegen die Gastgeber von der Polizei vom Platz abgeführt wurde) sowie der tollen Leistung der Nordkoreaner, die in der Gruppenphase Italien besiegten – daheim wurden die Kicker der Squadra Azzurra mit faulem Obst begrüßt. Achtelfinals gab es damals nicht. Im Viertelfinale im Liverpooler Goodison Park sah es zunächst so aus, als sollten die »Automaten« aus Nordkorea auch gegen Portugal triumphieren. Nach nur 25 Minuten stand es 3:0 für Nordkorea – ehe Eusébio das Spiel beinahe im Alleingang drehte (vier Tore in einer halben Stunde, eine Vorlage). Am Ende hieß es 5:3 für die Lusitaner, die bei ihrer ersten WM-Teilnahme gleich das Halbfinale erreichten und schließlich mehr als verdient auf dem Podest landeten.
Die WM 1966 war aber auch die einzige bis dahin, die von einem ganzen Kontinent boykottiert wurde. Im Januar 1964 entschied die FIFA, dass zehn der 16 Endrundenteilnehmer aus Europa kommen, vier aus Südamerika, ein Startplatz war für die CONCACAF (Zentralamerika/Karibik) vorgesehen und den letzten sollten sich gleich drei Kontinente (Afrika/Ozeanien/Asien) »teilen«. Ein Skandal. In einem Telegramm an die FIFA bezeichnete Sportdirektor Ohene Djan das im Namen der CAF (Fußballföderation Afrikas) als erbärmlich (»pathetic«). Hinter ihm trommelte Ghanas Präsident Kwame Nkrumah ebenso fordernd wie emsig mit den Fingerkuppen auf der Marmorplatte des Präserschreibtischs. Die CAF, im ghanaischen Unabhängigkeitsjahr 1957 gegründet (Sitz in Kairo), war bis dato die einzige panafrikanische Organisation. 1960 schloss sie Südafrika aus. Im Juli 1964 drohte sie, die WM 1966 zu boykottieren, da sich die FIFA taub stellte und den Afrikanern den geforderten festen Startplatz verweigerte. Rädelsführer war der äthiopische Funktionär Yidnekatchew Tessema. Bis dahin hatte nur einmal ein afrikanisches Land an einer WM teilgenommen: Ägypten 1934. Die FIFA ließ sich nicht beirren. Im Oktober 1964 zog die CAF die Konsequenzen und ihre 15 Teams von der WM-Qualifikation geschlossen zurück. »Es war eine Frage des Prestiges«, so ein damaliger Berater des Verbands. »Der Großteil des Kontinents kämpfte um seine Unabhängigkeit, und die CAF musste die Interessen und die Würde Afrikas verteidigen.«
Das beste Team Afrikas war damals zweifellos Ghana. Die »Schwarzen Sterne« waren 1963 und 1965 Afrikameister geworden. Einer von ihnen war Osei Kofi, auch »Ein-Mann-Sinfonieorchester« genannt, heute Geistlicher. Für Weltmeistertormann Gordon Banks war er einer der besten Kicker der Welt. Klar, Kofi hatte ihm auch in zwei Freundschaftsspielen satte vier Tore eingeschenkt. Dieses Team hätte bei der WM viel Schaden anrichten können (und sich höchstwahrscheinlich auch qualifiziert). Kofi hat den Boykott nie bereut. Einige seiner Mitspieler, etwa Kofi Pare, schon. Einmal eine WM spielen, das ist schon was. Viele Stars schaffen das nie, sie sind schlicht »im falschen Land« geboren.
Zwei Jahre nach der England-WM gewährte die FIFA wegen des öffentlichen Drucks sowohl dem afrikanischen als auch dem asiatischen Verband feste Startplätze (je einen) für die WM 1970 in Mexiko. Letztlich hatte der Boykott gefruchtet. Bei der ersten in Afrika ausgetragenen WM 2010 nahmen sechs afrikanische Teams teil, in Nordamerika waren es nun neun. Es dürfen gerne mehr werden, der afrikanische Fußball ist phantastisch.
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