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Hurra, wir fahren zum Boykott! (2)

Foto: Marko Djurica/REUTERS
Nationale Schande: Polizei und die Fahne am Boden (Porto Alegre, 12.6.2014)

Einen wunderschönen guten Morgen! Seit der WM 2014 in Brasilien gehört es zum Hobby von Medienschaffenden und selbsternannten Fussballfachleuten, den Boykott jeder WM, gleich wo sie stattfindet, zu fordern. Gerade ist es mal laut um den Paten des Weltfußballs, Giodingenskirchen Infantino, geworden. Demnächst wird es dann wohl um Menschenrechtsverletzungen in Marokko gehen respektive um die spanische Enklave Ceuta. Da die FIFA offenbar niemand mag: Warum kommt niemand auf die Idee, einen Parallelverband zu gründen? Im Hallenfußball längst Realität.

Vor der WM in Brasilien gab es riesige Säuberungswellen im ganzen Land. Der Menschenmüll sollte weg. Allein in Rio de Janeiro stürmte die korrupte Militärpolizei, selbst in Drogen-, Waffen- und Menschenhandel verstrickt, dutzende Favelas und verübte ein Massaker nach dem anderen. Die deutschen Fans überschwemmten Brasilien dennoch und machten Brasuca­-Land zum Ballermann.

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Nach dem missglückten Anschlag mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok auf den russischen Ex-Agenten und Überläufer Sergej Skripal und dessen Tochter Anfang 2018 in Salisbury drehte die damalige britische Premierministerin Theresa May frei und witterte böse Russen überall. Die Medien stimmten zu und forderten, nicht an den »Putin-Festspielen« teilzunehmen. Es nützte alles nichts. England war im Moskauer Olympiastadion Luschniki nur elf Minuten vom Finale entfernt, wurde am Ende Vierter. Harry Kane gewann mit sechs Treffern den Goldenen Schuh. Eine bei dem Anschlag mit dem Kampfstoff in Berührung gekommene britische Staatsbürgerin war schon Ende Juni, während des Turniers, verstorben.

Boykotte sind indes so alt wie die WM selbst. Der erste Weltmeister Uruguay ist bis heute die einzige Nation, die nicht zur Titelverteidigung antrat. Nicht etwa, weil 1934 in Italien die Mussolini-Festspiele stattfanden. Die Urus waren einfach beleidigt, weil zu ihrer schönen Heim-WM aus Europa nur Belgien, Frankreich, Jugoslawien und Rumänien gepaddelt kamen. Auch England, Schottland, Wales und Irland boykottierten die WM 1934. Offizielle Begründung: die British Home Championship, die lokale Meisterschaft, sei einfach ein bisschen spannender als so eine blöde WM, vor allem wenn FIFA draufsteht. 1938 boykottierte Uruguay wieder, nun assistiert von den Argentiniern (1934 mit einem Amateurteam angetreten). Auch die waren beleidigt, weil sie sich zu Recht für die eigentlichen Gastgeber des Events hielten, sollte die WM doch zwischen Südamerika und Europa alternieren. Die ­Charrúas partizipierten erst 1950, nun in Brasilien, wieder an einer WM – und gewannen erneut. Damit waren sie zum vierten Mal Weltmeister, denn die Olympiaden vor den Weltmeisterschaften galten ja als WM. Die Urus tragen stolze vier Sterne auf ihren Leibchen. Verdientermaßen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 26.08.2026, Seite 16, Sport

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