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Der Dirigent
Zum Tod von Franco Baresi, einem der besten Verteidiger der Fußballgeschichte
Italien und Fußball, das ist seit zwanzig Jahren eine Synthese der Trauer – kein Ende in Sicht. Nun ist auch noch 66jährig Franco Baresi gestorben, der ewige Kapitän der AC Milan, ihre Ikone, der letzte Libero des Calcio, dem Positionsdenken ein Greuel war. Als sein Herz am 31. Juli 2026 zu schlagen aufhörte, befand ich mich irgendwo über den Wolken, im Landeanflug auf London. Wie Weltmeisterkapitän Daniel Passarella in Argentinien und Franz Beckenbauer dahoam war Baresi von den Tifosi der Beiname Kaiser gegeben worden. Die legendäre Nummer 6 spielte nicht nur elegant, er war auch extrem zweikampfstark, beherrschte das Tackling, war manchmal eher Ausputzer als Libero.
Er und sein Bruder Beppe waren früh Vollwaisen. Der ältere der lombardischen Brüder schlug eine Karriere bei Internazionale Milano ein, wurde dort zu einer Hausnummer. Franco dagegen, Piscinin, der Kleine, spielte sein Fußballerleben lang, von 1974 bis 1997, beim Stadtrivalen AC Milan. Ausgebildet in der Jugendabteilung Milanello debütierte er mit 17 in der Serie A, absolvierte 719 Pflichtspiele, markierte 33 Treffer, gewann 19 Titel. Ab 1982 war er Milans Kapitän. Es war die goldene Ära der Rossoneri, Baresi wurde zu ihrem Jahrhundertfußballer.
1978/79, die Bundesliga tütete sensationell der HSV von Kevin Keegan ein, gewann Milan erstmals seit zehn Jahren wieder den Scudetto. Baresi war der Libero hinter der Abwehr. Der Freudentaumel währte nicht lange. Im Jahr darauf stiegen die Rossoneri trotz eines dritten Platzes neben Lazio Rom in die Serie B ab, wegen der Verstrickung in den Bestechungsskandal »Totonero 1980«. Erst 1984 kickte Milan wieder erstklassig. Als Zweitligaspieler wurde Baresi für die WM 1982 nominiert und in Spanien ohne Einsatz Weltmeister.
Dann wurde Milan zum Spielzeug des Schmierenkomödianten Silvio Berlusconi. Nun gewann das Geld die Titel. Die niederländischen Europameister Ruud Gullit, Marco van Basten und Frank Rijkaard kamen, ebenso die Trainer Arrigo Sacchi und Fabio Capello, die erfolgreich den HSV von Ernst Happel kopierten (zumindest kann man die »Sacchi-Revolution« auch so verstehen).
1983 schließlich besiegte Milan im Landesmeisterfinale das übermächtige Juventus Turin von Giovanni Trapattoni, gespickt mit acht Weltmeistern plus »Zibi« Boniek und Michel Platini. Die Mailänder gewannen in dieser Zeit zweimal den Weltpokal, ein Hurra auf die Abseitsfalle. Der Dirigent: Franco Baresi. 1989 belegte er so bei der Wahl zu Europas Fußballer des Jahres Platz zwei, hinter van Basten und vor Rijkaard.
Der Hintergrund für Sacchis Obsession mit der Abseitsfalle, die zu stellen er seinen Spielern brutal einschliff, war die Pleite bei der Heim-EM 1980. Damals biss sich das Italien von Enzo Bearzot (Baresi kam im Turnier nicht zum Einsatz) im entscheidenden Gruppenspiel an den Belgiern von Guy Thys die Zähne aus, die spielten die beste Abseitsfalle der Zeit. Ein Plombenzieher wie italienisches Nougat (Torrone morbido pistacchi mandorle). Das Match endete 0:0, beide punktgleich, die Belgier hatten 3:2 Tore auf dem Kerbholz, die Italiener minimalistische 1:0. Belgien zog ins Finale ein, und die Italiener verloren das letzte kleine Finale der EM-Geschichte vom Punkt gegen Titelverteidiger Tschechien mit 8:9.
Bei der Heim-WM 1990 kassierte Italien mit Baresi nur ein Gegentor, nämlich im Halbfinale gegen Titelverteidiger Argentinien, und schied aus. 1992 wurde Milan, nun unter Capello, unbesiegt Meister, das Team erhielt den Beinamen »Gli invincibile« (die Unbesiegbaren). 1994 fuhr Baresi zu seiner dritten WM. Im Finale von Pasadena, Kalifornien, gegen Brasilien setzte er gleich den ersten Elfmeter im Penaltyschießen über das Tor von Cláudio Taffarel, wurde Vizeweltmeister. Knapp zwei Monate später bestritt er sein letztes Länderspiel. Im Februar dieses Jahres war er, schon schwer gezeichnet, einer der Fackelträger bei der Eröffnungsfeier der Winter-Olympiade in seinem San Siro. Es bebte.
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