- → Sport
Pause
Gras
Wir waren bei Udo in Fürth. Udo ist ein Geschenk – ein Kunstsammler und -förderer, ein anarchistischer Medizinalrat, eine inkommensurabel generöse Seele. Er war mit Johannes Grützke befreundet. Im Büro hängt ein Ölgemälde von Grützke, auf dem er Udo, einen Saufkumpel und sich selbst porträtiert hat, eine Weltkostbarkeit.
»Udo, das Ding muss ja ein verdammtes Geld gekostet haben«, sagte ich. »Der Grützke«, sagte Udo, »hat die Preise seiner Bilder nach Quadratzentimetern bemessen.«
An der Stirnseite des Raums prangt ein weiteres juwelenartiges Tableau, von Blalla Hallmann, aus dessen pornographischer Serie. Den Blalla kennt kaum einer mehr. Gestorben ist er hier nebenan, in Windsbach. Das Grab besteht aus einem vermodernden Stück Holz.
JFK fickt den russischen Bären in den Arsch, rechts die Monroe, im Halbhintergrund Willy Brandt. Diese Boshaftigkeit bei höchstem technischen Können – keine Galerie, kein Museum erwarb eine derart dunkle, bübische Sauerei.
Die Weltlage hatten wir nach vier Stunden bezwungen. Udo sagte: »Wir müssen noch den Fußball erledigen.« Niemand kam auf einen originellen Gedanken. Ich dachte an Jens Lehmann, der nach einem Gespräch auf Welt-TV, von den Kameras aus Versehen eingefangen, ruckartig aufgestanden und davongeeilt war. Weg. Weg.
Das Salontreffen beschlossen wir mit der Betrachtung eines anbetungswürdigen Vortrags von John Cleese. Kreativität, extemporiert Cleese, dem ich einen Teil meines intellektuellen Lebens verdanke, bedarf der aktiven Trägheit, der nichtintentionalen, gleichwohl konzentrierten Kontemplation. So erschließt sich im nachhinein, wie jemandem die zur Redewendung verfestigte Überleitung »And now for something completely different« hat einfallen können.
Während der Heimfahrt jammerte ich: »Mir fällt nichts mehr ein. Der Merg, der Saager und der Schmitt machen mich fertig.«
»Mach ’ne Pause«, sagte die schöne Frau. »Und schreib darüber, dass du ’ne Pause machst.«
»Die Kolumne darüber, dass die Kolumne kein Thema hat, wurde schon hunderttausendmal geschrieben«, erwiderte ich.
Allein: Pause. Ja. Unterlassung. Bazon Brock sagt, die höchste Form des Handelns sei das Nichthandeln.
Vor zwei Jahrzehnten ward ich dazu animiert, mich zu habilitieren. Die Überschrift der potentiellen Arbeit flog mir zu: »Linguistik der Pause«. Am Œuvre von Gerhard Polt wäre das zu explizieren gewesen: die Artikulationslöcher, das Luftholen, um den Gedanken herbeizukitzeln. Das stockende, unwägbar wägende, darob eigentümlich rhythmisierte Sprechen ist das eigentliche, strenggenommen das Kleistsche Sprechen.
Ich hab’s gelassen.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 2,3
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
