Affen in der Irrenanstalt
Bei Primus in Köln ist das Mitbringen einer Butterbrotdose nicht gestattet
Too many puppies are being shot in the dark. / Too many puppies trained not to bark / At the sight of blood that must be spilled / So that we maintain our oil fields!«
Da, da, da-dann! Bamm, bamm, bamm, bamm, bamm!
Dass Black Sabbath, etwa mit dem jedes bürgerliche Hirn demolierenden Stück »War Pigs«, den Heavy Metal erfunden haben, darf mit Fug bezweifelt werden. Das bewerkstelligte erst zwanzig Jahre später das Trio Primus aus der kalifornischen Bay Area, durch den vierminütigen Anschlag auf verträumte Gemüter, durch »Too Many Puppies« von dessen erstem regulären Album »Frizzle Fry« aus dem Jahr 1990, das auf das selbstfinanzierte, aus Livemitschnitten zusammengesetzte Debüt »Suck On This« (1989) folgte.
Zu viele Welpen werden in der Dunkelheit weggepustet, zu viele Welpen sind darauf abgerichtet worden, das Maul nicht aufzureißen, angesichts des Blutes, das verschüttet werden muss, damit wir unsere Ölfelder behalten. Was sich der Imperialismus hernach zunutze macht: »Too many puppies with guns in their hands. / Too many puppies in foreign lands / […] / And placed upon the war machine.« Bamm, bamm, bamm, bamm, bamm!
Wenn etwas knallt, wie die Headbanger zu sagen belieben, dann das recht sparsam instrumentierte Monstrum »Too Many Puppies«. Man wird vom Ambossbass, vom sägenden Gitarrenriff und vom knüppeltrockenen Schlagzeug regelrecht an die Wand geschmettert. Niemand erzähle mir, der Thrash oder Death Metal sei Primus vorausgegangen, das weiß ich. Aber bei Venom oder Slayer ist alles zugebreit, im Wortsinne zugedröhnt, Hochgeschwindigkeitsgeschrei und -gelärme, Manifestation des Willens zur Gewalt, bar jeder ironischen Brechung und kompositorischen Inspiration. Auch der Metal bedarf der luftigen Interruption, der Atempassagen, des Innehaltens und der meinethalben Slapstickmomente. Der Konzertpianist Alfred Brendel merkte einmal an, Musik ohne Humor sei im Grunde unmenschlich – gewöhnlich die schäbige Verdoppelung des Schäbigen, schließlich des Barbarischen.
Gewiß, Les Claypool, der unfassbar begabte Bassist, Sänger und Kopf von Primus, meinte unlängst, der Gitarrist Larry »Ler« LaLonde, sein Kompagnon seit Gründung der Band 1984, sei »der Erfinder von Death Metal«, vielleicht vergleichbar mit Jimi Hendrix, dem Urvater des aus dem Blues gesprossenen Hard Rock. Doch ungeachtet der ewigen und müßigen Fahndung nach den Ersten ihrer Art stimmt das höchstens zum Teil (es wäre ohnehin angeraten, den genialen Komiker Claypool, den John Cleese des Rockzirkus, nicht stets allzu ernst zu nehmen). LaLonde, der experimentelle Krachmacher, hat zum Beispiel dem Avantgardisten Fred Frith sowie Robert Fripp von King Crimson sehr genau gelauscht und erzeugt bizarre, kreischende, quietschende Klangungetüme und bastelt – neben bewusst dissonantem Geschredder in irregulären Skalen und flächigen Ornamenten – unter exzessivem Gebrauch von Hall-, Flanger-, Delay- und Wah-Wah-Effekten surreal zerfließende Tritonusgebirge, und nicht selten gemahnen seine Improvisationseskapaden an die frühen Sachen von Pink Floyd mit Syd Barrett.
Im Januar saßen mein Bruder Thomas und ich in unserem Elternhaus im Fränkischen bei einigen Bieren beieinander, und plötzlich sagte Thomas: »Primus kommen im Sommer nach Deutschland, für zwei Konzerte, für eins in Frankfurt und eins in Köln, das erste Mal seit 2015.« – »Du willst mich veräppeln«, sagte ich. »Nein«, sagte Thomas, »der Vorverkauf beginnt um Mitternacht.«
Er hat die Karten um Punkt zwölf online geordert (ich kann so was gar nicht), nach zehn Minuten waren beide Gigs ausverkauft. Er ging ein gutes halbes Jahr später zum Auftritt im Carlswerk Victoria, die schöne Frau und ich marschierten tags zuvor, am 10. August, zur Batschkapp, zum ehemaligen Kulturzentrum der topumstürzlerischen Frankfurter Spontis rund um Joschka Fischer, die immer nur un-, gleichwohl eingebildete, unablässig herumbrüllende Arschlöcher gewesen sind, gänzlich fürchterliche Leute.
Hinterher erzählte Thomas, er habe mit Fans gesprochen, für die der Nukleus von Primus LaLonde sei. Andere hätten ihre Ehrerbietung durch die Nachahmung von Claypools »goofy walks« zum Ausdruck gebracht, die ziemlich stark an die »silly walks« bei Monty Python erinnern. Ich rechne mich letzterer Fraktion zu. Und LaLondes durchaus hübsch fahrige, aleatorische Ausflüge zerrten gegen Konzertende ein wenig an meinen Nerven. Das Alter.
Anfang der achtziger Jahre lebten wir in den Niederlanden. Vadder arbeitete im NATO-Hauptquartier Mitteleuropa. Unter der Woche hörte ich im Zimmer meines großen Bruders, der seine Militärdienstschichten in Budel schob, heimlich BFBS, den Sender der britischen Streitkräfte, der bis heute eine Station in Brunssum betreibt.
Die Radioshows, alternierend mit holländischen und britischen Moderatoren, waren teilweise aufregend, und ich konnte Rockmusik auf dem Tapedeck mitschneiden. Die Marijke legte ziemlich viel Glam und Hair Metal auf, dieses dilettantische Poser- und Abgreiferzeug von Mötley Crüe, Quiet Riot, Twisted Sister und Poison, das mich nie interessierte und das späterhin vom Grunge verdientermaßen hinweggeballert und -gefegt werden sollte. Allerdings kitzelte Marijkes Stimme unzüchtige Phantasien aus mir heraus.
Bisweilen geradezu wie Hiebe trafen mich die Sachen, die ein englischer DJ präsentierte. 1982 veröffentlichte die kanadische Wunderband Rush das Album »Signals«, und der langsam dahinrollende, flirrende, sich nach ein paar Minuten harmonisch weitende Song »The Weapon« packte mir regelrecht an die Gurgel. Wer etwas von den kaum ergründlichen Finessen des Schlagzeugspiels erahnen möchte, widme Kopf und Ohren der berückend dezent-komplexen Darbietung eines der besten Drummer aller Zeiten, von Neil Peart. (In der Sendung »Musik für einen Gast« im Schweizer Kulturradio SRF 2 durfte ich ihm in den nuller Jahren endlich die Ehre erweisen, selbstverständlich mit »The Weapon«.)
Exakt in unserer niederländischen Zeit, 1981, wurde MTV aus der Taufe gehoben. Frank Zappa verhöhnte den Unterhaltungsindustriekanal alsbald als Agenten der Artikulationsverarmung, als Plattform für formatierten Müll, auf der das Bild das Hören verdränge und der »Babytalk« zur Norm erhoben werde. Das erste ins Spartenfernsehen eingespeiste Video war ausgerechnet »Video Killed The Radio Star« von The Buggles, dessen Urheber Geoff Downes und Trevor Horn parallel ausgerechnet Mitglieder der Artrocklegenden Yes waren, einer Gruppe, die einer bis ins Groteske getriebenen Verschachtelung frönte, die sich einzig bei geschlossenen Augen hinreichend empfinden oder nachvollziehen ließ.
Rush? MTV? Und Primus?
Eine Dekade danach schenkte mir Thomas die CD »Sailing The Seas Of Cheese«. Er hatte auf, ja: MTV einen Clip von Primus gesehen und war vor Begeisterung beinahe auseinandergeflogen. »Tommy The Cat«, notabene unter Mitwirkung von Tom Waits, ist noch heute eine Singularität, ist ein unvergilbtes Zeugnis von Rebellion und künstlerischer Revolution. Man kannte ja all den herrlich und übermütig verfrickelten Kram, Zappa und Konsorten, doch hier explodierte alles – laut, laut, laut, virtuos und tanzbar, textlich und instrumentaltechnisch und mimisch.
Nie hat mir der Begriff der Innovation so sehr eingeleuchtet, das Gefühl der »Plötzlichkeit« (Karl Heinz Bohrer), des beseelenden Schocks. Der Komponist und Dirigent Doug Helvering findet in einem Youtube-Podcast in Anbetracht der höllischen Openingakkorde, der chromatischen Noisesequenzen und der irrwitzigen Bassläufe aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was ist bloß in diese Kerle gefahren? Wo holen die das her?
»Jerry was a race car driver / He drove so goddamned fast / Never did win no checkered flags / But he never did come in last« – ich war 1989 in Frankfurt gelandet und genoss bei allerlei Freunden den Ruf eines verhinderten Formel-1-Piloten. Konsequenterweise heuerte ich in den Semesterferien bei der Messe an und bretterte als Paketbote mit dem VW-Bus durch die Stadt. Den prima Kollegen in der hausinternen Druckerei blieb ich lange verbunden (es möge ihnen gutgehen!), von der Bezahlung darf man dieser Tage träumen (umgerechnet ungefähr zwanzig Euro pro Stunde, bei reichlich Müßiggang), Stress und Kontrolle und Betriebspsychogelaber gab es nicht, die kurze glückliche Epoche der Neunziger. Zudem bekam man Freikarten für die Festhalle, die alle berühmten Acts beehrten.
Am 24. April 1992, genau eine Woche, bevor die schöne Frau und ich im Vordertaunus nach einer Theaterprobe zum ersten Mal übereinander herfielen, spielten Rush in dem riesigen Kuppelbau, in dem sie 2004 die CD und die DVD »R30« würden aufzeichnen lassen. Vorband: Primus. Niemand begriff, was die drei Kasper (neben Claypool und LaLonde selbstverständlich nicht zu vergessen der phänomenale, wuchtige Drummer Tim »Herb« Alexander) veranstalteten. Vielleicht war ich der einzige, der sie nicht auspfiff. Das liebevolle Schibboleth »Primus sucks!«, das mittlerweile jede Konzertbesucherschar des Planeten skandiert, kannte keine Sau, und als Claypool auf dem elektrischen Kontrabass »Kashmir« von Led Zeppelin intonierte (»Come on, ya bastards!«), regte sich nichts, jedenfalls keine Freude.
Primus adorieren Rush, deren ingeniöser Bassist und Sänger Geddy Lee ist Claypool eng verbunden. »Suck On This« eröffnen ein paar Takte des monumentalen Rush-Instrumentals »YYZ«, 2021/22 absolvierten Primus eine Tournee, auf der sie Rushs Konzeptalbum »A Farewell To Kings« (1977) komplett und unglaublich getreu coverten.
Nachdem mich Thomas mit Primus infiziert hatte, kopierte ich für meinen Freund Michl Rudolf alles, was von den »meistgeliebten Verrückten des Metal« (Revolver Magazine) des weiteren erschien: »Pork Soda« (1993), »Tales From The Punchbowl« (1995), »Brown Album« (1997), »Antipop« (1999). Bei Treffen und auf Lesereisen mit dem Auto durfte das Geholze nie fehlen. Michl, den schwere Depressionen plagten und der sich deshalb 2007 erhängte, war jedesmal ein anderer Mensch. Er jauchzte vor Vergnügtheit und rockte ab, als sei auf oder in dieser Welt nie etwas Schlimmes passiert. Zu seinem Favoriten hatte er den bleischweren und trotzdem himmlisch lustigen Klopper »My Name Is Mud« über einen Bestatter, der die teuersten Schuhe trägt und den teuersten Wein säuft, erkoren. Seltsam. Oder, im nachhinein, nicht seltsam.
Les Claypool stammt aus einer Arbeiterfamilie, aus einem kalifornischen Kaff, in dem die »Leftovers« hausen. Daher rühren die meisten seiner verbogenen Lyrics, die oft von der »Vorstadtfinsternis« (Revolver Magazine) handeln (»Those Damned Blue-Collar Tweekers«) und auf merkwürdige Weise mit dem musikalischen Übermut und dem sich überschlagenden Schabernack kontrastieren. Die Videoclips der neunziger Jahre sind aufs höchste avancierte Animationsartefakte – vollkommen überragend: »Shake Hands With Beef«, eine lachende Abrechnung mit der Heuchelei, klanglich ein Panzer, der, angemessen paradox, vertrackt synkopiert über dich hinwegrollt und mit einem diabolisch abgefuckten Gitarrensolo gespickt ist.
Der, wer weiß, LSD-induzierten Kunstform des vertonten Comics machten irgendwann ein paar Spießer bei MTV den Garaus, und nachdem Youtube Mitte der nuller Jahre verfügbar geworden war, beugten sich die Plattenlabels größtenteils der Unsitte der Gratiskonsumtion und stellten kein Geld mehr für die Produktion aufwendiger, eigensinniger Kurzfilme zur Verfügung (jetzt erledigt die KI die kümmerlichen Reste des Ästhetischen). Wer die habituell hie und da unverdorbene Vorzeit des Internetuniversums in Augenschein nehmen möchte, betrachte das Video zu »Wynona’s Big Brown Beaver« (1995), eine versierte, haarsträubend gelungene Witzgeschichte.
In einem eineinhalbstündigen Gespräch mit dem Songwriter und Produzenten Rick Beato (dessen Interviews übrigens samt und sonders empfehlenswert sind) erzählt Les Claypool, Geddy Lee (Claypool: »He still kicks the shit out of me!«) habe ihn einmal gefragt, ob »Bassisten auch Menschen« seien. Das darf man im Falle Claypools fast bezweifeln. An dessen von Offbeats durchlöchertem Slap-Funk-Stampede-Triolen-Spiel auf dem bundlosen sechssaitigen Bass, mit drei Fingern der Schlaghand, mit Tapping, Barrégriffen und dem Tremoloarm, beißen sich die talentiertesten Spezialisten die Zähne aus. Der italienische, anheimelnd sarkastische Youtube-Dozent Davie504, selber ein extraordinärer Bassist, bekundet Demut vor Claypools körperlich herausfordernder Harakiri-Äquilibristik, zumal weil der Mann simultan obendrein singt – obschon sein Vater ihm attestierte, der nasale, cartoonhafte, wie in einen Bierkrug hineingepresste Sprechgesang sei »eine verdammte Scheiße«.
Claypool ist gelernter Schreiner. Im Handwerk schlummert die Kunst, sie entspringt dem Handwerk (und nicht irgendwelchen verblödeten Akademien). Und da in den Achtzigern alle Eddie Van Halen sein wollten, wurde der Nonkonformist eben Bassist, lernte rasch den »sexy Sound« seines perkussiv eingesetzten Instruments schätzen und registrierte bei den ersten Clubauftritten: »Holy shit! That’s the shit right there!«
»Wir waren die Affen in der Irrenanstalt«, blickt Les Claypool grinsend zurück. Angelo Moore von der ebenfalls fabelhaften Kumpelkapelle Fishbone (das Album »Give A Monkey A Brain And He’ll Swear He’s The Center Of The Universe«: grandios!) assistiert: »They are some bad motherfuckers!« Deshalb hatte Claypool 1986 auch nicht den Job bei Metallica gekriegt. Er sei »zu gut«, beschied ihm sein alter Klassenkamerad Kirk Hammett.
Was sind Primus denn nun? Speed-Space-Metal-Pioniere? Proto-Post-Punker? Kaputte Thrash-Funk-Maniacs? Durchgebrutzelte Progrocker? Psychedelische Polkafanatiker? Jazzwütige Alleszertrümmerer?
Im Zentrum des Bühnenhintergrunds in der Batschkapp prangt das Tourlogo, ein Schimpanse mit Bowlerhut. Jahrzehntelang residierte die Batschkapp in einem heimeligen Umfeld in Frankfurt-Eschersheim (da bewunderte ich beispielsweise Dweezil Zappa, den König des Medleys). Seit dem Umzug 2013 nach Seckbach ist sie ein Wellblechkasten in einem Gewerbegebiet.
Die Lightshow: spärlich (geheimniserzeugendes Gegenlicht!). Der Hallensound: wohltuend (das Alter). Und die schöne Frau, die schönste aller schönen Frauen, ließ sich vom Bass antreiben und vom neuen Drummer John Hoffman (der sich im »Interstellar Drum Derby« gegen Gergő Borlai behauptet hatte), tanzte und tanzte und tanzte, wie ich seit Ewigkeiten keine Frau mehr habe tanzen sehen.
Es war dicht, brutal, ein gerahmtes Chaos, ein humanes Purgatorium, ein somatisch eindringliches Lachprogramm voller musikalischer Ernsthaftigkeiten, gewürzt mit Coverversionen von The Residents. Keine Jungsmucke, bewahre. Womöglich sind Primus die einzige Formation, die vor den gestrengen Antirockisten, die einem ab und an die Existenz versauern, zu bestehen vermag.
Meine Erschöpfung trieb mich vor der Zugabe nach draußen. Die kalmierenden Dopeschwaden umwaberten mich, gerne hätte ich einen durchgezogen.
Als die schöne Frau neben mir am Biertisch saß, strahlte sie, als sei sie gerade neu geboren worden. »Was für ein Sog! Was für ein Rausch! Der Rhythmus! Dieser Groove! Stampf ist halt nicht 4/4-Stampf. Das war eine richtige Adrenalinspritze!«
»Tommy The Cat« haben sie sowohl in Frankfurt als auch in Köln ausgelassen. Und Thomas musste seine Butterbrotdose mit einer Schinkenstulle bei der Security abgeben.
Hey, guys! Shake hands with meat! Mit Pork. So. Da. Danke.
Zum Autor: Jürgen Roth
Jürgen Roth, Jahrgang 1968, ist Schriftsteller und Sprachwissenschaftler. Er ist regelmäßiger Autor des jW-Feuilletons und einziger Träger der jW-Ehrennadel für hervorragende Sportberichterstattung. Zuletzt erschien von ihm an dieser Stelle in der Ausgabe vom 22./23. Februar 2025 der Aufsatz »Der Robert mit den Klößen«.
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