Begehren
Der Soziologe und Religionswissenschaftler Klaus Heinrich sprach in seinem nichtöffentlichen Vortrag, den er 1993 in der Psychiatrischen Klinik des Universitätsklinikums »Rudolf Virchow« der Freien Universität hielt, von einem »Begehrensmodell« und davon, dass Begehren »ins Leere laufen«. In einem abendlichen Mailaustausch mit einer Freundin merkte ich dazu an: »Aber ich kenne Dutzende von Begehren, die das Begehrte bekamen, beginnend in der Kindheit mit der elektrischen Eisenbahn.« Dem hielt sie entgegen: »Etwas anschaffen, haben, kaufen wollen – erfüllbare Wünsche sind kein Begehren. Man will ja immer etwas anderes und lässt sich am Ersatz an der Nase führen. Man will das Begehren, nicht die Erfüllung.« – »Aber wenn das Begehren doch drängt, hin zu dem Begehrten aktiv zu werden … Oder meinst du, dass das Begehren im Urgrund immer ein sexuelles ist, Begierde, Wollust?« – »Nein. Es ist ein ins Leere gerichtetes Sehnen. Kann sich in fast allem Schein manifestieren und deshalb süchtig machen. Vielleicht ist es zum Teil Ergriffenheit vom Leben? Das ein Glücksrausch sein soll wie ein Wasserfall oder so, aber keine Attrappe?«
Der März-Verlag hat einmal das Buch einer Autorin veröffentlicht, in dem es um sexuelles Begehren und eine elektrische Eisenbahn geht. »Wer will schon eine elektrische Eisenbahn? Sie ist vielleicht interessant, weil man sich immer noch einen und noch einen Waggon dazukaufen bzw. wünschen und so das Begehren rauszögern kann«, sagte meine Freundin. Dabei die sexuelle Erfüllung nicht ins Leere laufen zu lassen, das wäre schon sehr speziell, stimmt. Aber was ist mit lustdirigiertem Lesen und Schreiben, ein Begehren, das sich doch laufend erfüllt?
Der Antipode zum Begehren ist die Liebe, denke ich. Da ist Erfüllung nicht das Ziel. Dann scheint es mir fast identisch mit der Sucht – ein Wort für den in selbstzerstörerischer Befriedigung leerlaufenden Begehrensprozess, wie Heinrich sie definiert. Sucht und Siech haben sich erst spät getrennt. Zuvor hätte die Romantik das Siechtum bereits existentiell aufgeladen und gegen den Fortschrittsbegriff der Aufklärung ins Spiel gebracht. Heute verdanke die Sucht ihre gesellschaftliche Karriere im Zerfall des Fortschrittsglaubens der gleichsam leerlaufenden Begehrensstruktur.
Es gibt eine »Zielstrebigkeit des Süchtigen«, sie ist an die Stelle »zielstrebigen Fortschreitens« getreten. Wobei man bei der Sucht auch immer das Wort Suche mithört. Sich Sehnen als Sucht. Zum Wort Sehnsucht zitiert Klaus Heinrich Goethe: »Nur wer die Sehnsucht kennt / weiß was ich leide« – dazu würden »brennende Eingeweide« assoziiert.
Wichtig dabei der Sog: Sucht ist eine saugende Strömung, die sich mit dem Metaphernbereich des Meeres verbindet, »eines der faszinierendsten Symbole des Unbewussten«, aber auch mit der oralen Erfahrung des Saugens, das im »Gesogenwerden« einerseits »eine von der Anstrengung des Saugens entlastende halluzinativ infantile Umdeutung erfährt und andererseits dem weiblichen Part der genitalen Kopulation eine durchaus männlich fixierte, d. h. mit männlichen Lustvorstellungen und Ängsten besetzte ursprungsmythische Überhöhung, richtiger: Vertiefung, bietet«.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
