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Liedermacher

Ein echter Wenzel

Live im Studio eingespielt: Das neue Album des herausragenden Poeten und Liedermachers

Foto: Sandra Buschow
»Havanna wartet / Und schaut auf das Meer / Wer wird wohl kommen / Und was bringt er her« – Wenzel

Hans-Eckardt Wenzel, genannt Wenzel, legt dieser Tage sein 40. Album vor. Oder 41.? Hinzu kommen einige weitere Produktionen mit namhaften anderen Künstlern, von Arlo Guthrie über Tom Morello bis zu Christoph Hein. Ein sagenhaftes Werk jedenfalls, wegen des Umfangs, aber auch wegen der Qualität und Haltbarkeit durch die Jahrzehnte. »In schweren Zeiten hilft einem oft die Poesie aus der Patsche«, bemerkt er zwischendurch auf seinem neuen Album »Laßt uns verweilen« – ein Titel, der Ruhe und Gelassenheit trotz alledem signalisiert, und trägt, was er sagt.

»Laßt uns verweilen« ist zugleich der letzte von 15 aufgeführten Songs. Er erschien erstmals 2007 auf der CD »Glaubt nie, was ich singe«, ein die Ernsthaftigkeit seines Schaffens ironisch relativierendes, zum kritischen Mitdenken aufforderndes Motto, mit dem schließlich 2023 auch der weiterhin gern gesehene, anregende Wenzel-Film von Lew Hohmann überschrieben ist.

Wieder ein echter Wenzel. Diesmal tritt der Liedermacher, Poet, Melancholiker, Seher weder solo noch mit Band auf. Er hat das Konzertalbum und die neuen oder auch wiederentdeckten Stücke gemeinsam mit Hannes Scheffler (Gitarre) und Thommy Krawallo (Bass, Gesang, Produktion) vor kleinem, 30köpfigen Publikum live im Kabumm-Studio ­Golzow eingespielt. Ein Trio von Klasse.

Mit seiner einfühlsamen Ballade von der ersten, 1986 bei Amiga verlegten, preisgekrönten LP »Stirb mit mir ein Stück« beginnt der Mitschnitt, vorgetragen mit heiserer Stimme in einer virtuos von der Gitarre gestützten Version. »Das Gras in S.« lässt die Träume aus der Zukunft ins Erbe der Vergangenheit fliegen. Unvergessen von denen, die die bewegende Platte kennen, der Einstiegsvers: »Sicher einmal, wenn nach tausend Jahren / Einer über diese Stelle streift, / Findet er ein Stück von unsern Haaren, / Das als Gras aus dieser Erde greift.«

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Auch wenn es seltsam klingen mag: In Zeiten des Niedergangs eines Gesellschaftssystems heißt es nicht nur, klaren Kopf zu behalten, um nicht unterzugehen, und zu widerstehen, sondern zugleich, zu lieben, was das Zeug hält – Liebe aus persönlicher Sicht, versteht sich, als Widerpart zum Hass, den die trübe Wirklichkeit herausfordert. »Songs of Love and Hate« nannte Leonard ­Cohen das mal.

Nicht nur Wenzels Song »Havanna wartet« zeugt von beidem. Entstanden auf seiner Kuba-Reise mit Band 2014, und besonders in diesen Tagen der existentiellen Bedrohung der Insel, zeigt er Wenzels Zuneigung zum gefährdeten Land: »Havanna wartet / Und schaut auf das Meer / Wer wird wohl kommen / Und was bringt er her.« Ja was, wenn ein Gestörter im Weißen Haus mit seiner Kriegsmaschine droht?

Wenzel warnt, und indem er aufzeigt, was ist und wie er fühlt, erzählt er von Gesellschaft und tief Empfundenem. Einzigartig seine poetische, bildhafte, artikulierte Sprache. Seine Lieder – er greift zur Gitarre, manchmal holt er auch sein Akkordeon heraus, bedient das Piano – sind eingängig, wirken gelassen, hinterfragend, souverän, zornig. Viel zum Zuhören, einiges zum Mitsingen. Sein Stil und sein Denken mussten sich im Wandel der Zeiten ändern. Seine ersten beiden Platten erschienen noch in der DDR und hinterlassen sehr persönliche bis in die Gegenwart bleibende, tragische Eindrücke vom Zustand einer Republik voller Widersprüche. Sie würde diese nicht bewältigen.

Und jetzt, über 35 Jahre später, erweist sich das alte, neue System als abgetakelt und unfähig, seinen katastrophalen Zustand auch nur ansatzweise in den Griff zu bekommen. Wenzel hat mittlerweile seinen 70. Geburtstag hinter sich, fängt seine eigene Stimmung mit der Erfahrung des Erfahrenen ein. Er muss sich gezwungenermaßen nun mit Kriegen beschäftigen, mit einer Politik des Grauens – ein Abweichler vom Vorgegebenen, der sich weiterhin traut, mit seinen Meinungen, auch in Konzerten, nicht hinterm Berg zu halten. Das hat ihm ziemlich Ärger eingebracht, und man möchte ihm dazu gratulieren, dass er zu den wenigen Künstlern gehört, die sich trotz aller zu erwartenden Schwierigkeiten einmischen, »gedisst« als »ein alter weißer Lumpenpazifist«, »allergisch gegen Uniformen«, »ein kranker linker Aff’« usw. usf.

In einer seiner aufklärerischen, den Ernst der Lage manchmal auch heiter anklagenden Zwischenbemerkungen verspottet er mit einem Kindergedicht von Brecht das Wesen von Berufspolitikern, mit Karl Kraus trotzt er gelassen-spitzzüngig allen Anfeindungen: »Ich bin der Verehrer beraubt / Das verzeihen sie mir nie / Sie haben echt geglaubt / Ich wäre so blöd wie sie.«

Dieses Land am Rande des Absturzes und auch die Leute, die immer noch nichts merken, haben es, möchte man meinen, nicht anders verdient. Doch das ist nicht gottgegeben, und Wenzel widersetzt sich der herrschenden Apathie und Verzweiflung. Auf die Weise bietet er dem Publikum die Gelegenheit, »sich aneinander zu stärken«, wie es in der Ankündigung zur Platte versprochen wird. Wertvolles gegen die Vereinzelung, die uns lähmt.

→ Wenzel: »Laßt uns verweilen« (­Matrosenblau)

→ Wenzel tritt auf bei der Auftaktveranstaltung der einwöchigen Protestwache »No War on Cuba!« am 12.9.2026 ab 15 Uhr vor der US-Botschaft am Brandenburger Tor

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.08.2026, Seite 11, Feuilleton

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