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Ignorierte Krisenursachen

Feuer unterm VW-Dach

Land und Betriebsrat lehnen Vorstandspläne ab. Bis zu 120.000 Jobs und mehrere Werke stehen zur Disposition

Foto: Jan Woitas/dpa
Hoffen und kämpfen: Protest gegen Konzernpläne vor VW-Werk Zwickau am Donnerstag

Der Absatz von Volkswagen ist im zweiten Quartal weiter zurückgegangen: Weltweit verkaufte der Konzern mit knapp 2,1 Millionen Fahrzeugen 8,6 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum, gab das Unternehmen am Freitag bekannt (AFP). Demnach brachen die Verkäufe im wichtigsten Absatzmarkt China um 36,6 Prozent ein, während es insbesondere in Nord- und Südamerika und auch in Europa Zuwächse gab. Diese Meldung ist kein Zufall. Denn bei der Volkswagen AG ist Feuer unterm Dach.

Gesundschrumpfen oder untergehen: So lautet die aktuelle Botschaft des Vorstands an die gut 650.000 Beschäftigten des weltweit zweitgrößten Automobilbauers. Die Konzernexekutive nannte das bei der Aufsichtsratssitzung am Donnerstag »Zukunftsplan«. Und mit Blick auf die künftige Existenz des Industriegiganten sieht es tatsächlich nicht gut aus für das Weltunternehmen. Die Frage, warum das so ist, bedarf eines Blicks auf unterschiedliche Abstraktionsebenen.

Die erste ist nach der Aufsichtsratssitzung – die ohne Beschlüsse hinsichtlich der Arbeitsplätze beendet wurde – klar: Im strategischen Entscheidungsgremium herrscht ein Patt. Auslöser dieser Blockade sind (mindestens) zwei divergierende Interessenlagen. Auf der einen Seite stehen die des Familienclans Porsche-Piëch, dessen Holding Porsche SE gut zwei Drittel der Stammaktien hält und des Staatsfonds von Katar. Beide Anteilseigner kontrollieren etwa 70 Prozent des Stammaktienkapitals des Konzerns.

Deren Sicht auf die Zukunft: Der Konzen muss bis 2030 »schneller, robuster und wettbewerbsfähiger« werden. Und das »durch weniger Komplexität, fokussierte Technologien, eine noch stärkere Ausrichtung von Produkten, Entwicklung und Produktion in den regionalen Märkten, den Abbau von Überkapazitäten, ein gestrafftes Beteiligungsportfolio und deutlich schlankere Strukturen«, wie Vorstandschef Oliver Blume im Marketingdeutsch sagte. Das heißt übersetzt: Profitabel wäre das Unternehmen nur noch dann, wenn die Produktions- und Entwicklungskosten auf das Level der Hauptkonkurrenten aus China, Japan und Südkorea gebracht werden können.

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Das ist – unter den gegenwärtigen Bedingungen in Deutschland – nicht möglich. Die Konkurrenz bei Toyota oder BYD arbeitet auf mindestens gleichem Produktivitätsniveau wie die Werke in der BRD. Die Entwicklungskosten in China sind geringer – was deutsche Autokonzernen dazu bewogen hat, Teile dieses Prozesses nach China auszulagern. Die Lohnkosten in der BRD sind nominal höher als in China oder Südkorea – obwohl zum großen Teil durch das ständig steigende Niveau der Lebenshaltungs- und Abgabenkosten hierzulande verursacht.

Und dann wäre da noch der klar politisch gewollte Faktor Strom- und Energiepreise – verursacht durch eine im Scheitern begriffene »Energiewende«. Deren Geburt war gekennzeichnet durch Wunschdenken und Negierung natur- und gesellschaftswissenschaftlicher Gesetze. Strom kommt nicht aus der Steckdose. Und Waren, die bei vergleichbarem Gebrauchswert teurer produziert werden als anderswo auf dem Weltmarkt, müssen abgeschrieben werden. Abschreibungen sind kontrollierte Verluste, Insolvenzen sind das Ergebnis verlorener Kontrolle.

Auf der anderen Seite des Interessenkonflikts stehen der Staat und die Beschäftigten. Bei ersterem muss unterschieden werden zwischen dem Bund und den Ländern, in denen VW aktiv ist. Die Beschäftigten werden vom Gesamtbetriebsrat und der IG Metall vertreten. Während der Bund sich in erster Linie Sorgen um die Steuern machen dürfte, die VW als Unternehmen und die Beschäftigten als Gutverdiener an das tiefe Loch Staatshaushalt abzuführen haben, geht es bei den Ländern – allen voran Niedersachsen – ans Eingemachte. Die Dividenden der Kapitalgesellschaft VW an das Land sind – aus Sicht der dort seit langem bestimmenden Parteien SPD, CDU und Grüne – lebensnotwendig.

Dummerweise sind es genau die führenden Repräsentanten dieser Parteien, die die Wirtschaftspolitik der zurückliegenden zwei Jahrzehnte bestimmt haben. Und keine von denen ist willens, die während der Merkel-Ära begonnenen Transformationsmaßnahmen zu korrigieren. Anzumerken ist, dass sowohl IG Metall als auch Betriebsrat bis heute fest entschlossen scheinen, die Unternehmensexistenz mit Klimaschutz und CO2-Vermeidung zu verknüpfen.

Und dann ist da noch das VW-Gesetz, das den Autobauer zu einem halbstaatlichen Großunternehmen macht. Wichtigster Hebel des Staates (wahrgenommen durch Niedersachsen) ist das Vetorecht bei grundsätzlichen strategischen Entscheidungen. Im Aufsichtsrat herrscht ohnehin gerade eine seltene Disparität: Denn hier haben aktuell die Vertreter der Beschäftigten (und der Gewerkschaft) eine Mehrheit. Nicht zuletzt deshalb wurden wohl keinerlei Beschlüsse gefasst, die Werksschließungen und Jobabbau definieren.

Jetzt beginnt die Suche nach einem Kompromiss. Oder aber, die Lage eskaliert, und Großaktionäre verkaufen. Beide Varianten markieren indes keine tragfähigen Überlebensstrategien, ohne dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geändert werden. Letzteres ist eher nicht zu erwarten.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.07.2026, Seite 5, Inland

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→ Leserbriefe
  • Tomas Nieber aus Stade 13. Juli 2026 um 14:36 Uhr
    Der Artikel zur Krise des VW-Konzerns überrascht in mehrfacher Hinsicht. Zunächst folgt der Autor weitgehend der Argumentation des VW-Vorstandes über die angebliche »lebensbedrohliche« Lage des VW-Konzerns. Besonders deutlich wird dies in der gedruckten Ausgabe der jW. Die hervorgehobene und dem VW-Vorstand zugeschriebene Aussage, »profitabel wäre der Konzern nur dann, wenn die Produktions- und Entwicklungskosten auf dem Level der Hauptkonkurrenten aus China, Japan und Südkorea gebracht werden können«, wird im weiteren Verlauf des Artikels nicht mehr kritisch hinterfragt.
    Eine Zeitung wie die junge Welt und der Autor sollten da mehr Sorgfalt walten lassen und einen Blick in die realen betriebswirtschaftlichen Zahlen werfen. Denn der Konzern ist durchaus noch profitabel. Das operative Ergebnis lag 2025 noch bei 8,87 Mrd. Euro, die operative Umsatzrendite bei 2,8 Prozent und das Ergebnis nach Steuern bei 6,9 Mrd. Euro. Die Zahlen sind zwar deutlich schlechter als die des Vorjahres. Dennoch leistete sich der Konzern für 2025 noch eine Dividende von 5,20 Euro je Stammaktie und 5,26 Euro je Vorzugsaktie auszuschütten. Die Gesamtausschüttung beläuft sich auf rund 2,6 Milliarden Euro! Es mag vielleicht nicht genug sein für die Aktionäre, aber von einer fehlenden Profitabilität zu fabulieren, ist irreführend und führt übrigens auch zu falschen Schlussfolgerungen.
    Sicherlich steht der Konzern mit seinen Beschäftigten vor enormen Herausforderungen. Diese haben aber nur wenig mit fehlender Profitabilität und angeblich zu hohen Arbeitskosten zu tun. Es würde hier zu weit führen, die Gründe aufzuführen, warum die Zukunft des VW-Konzerns aktuell nicht rosig scheint. Nur soviel. Warum sagt der Autor nichts zum Versagen des Vorstandes und des Aufsichtsrates? Oder warum lässt er unerwähnt, dass die Jahrzehnte umgebremste Expansion mit immer neuen Werken in Asien und Amerika (nicht nur durch VW) zur Überproduktion führen musste?
    Ganz absurd oder gar unverantwortlich wird die Argumentation, wenn der Autor die Energiewende als eine der Krisenursachen der Automobilindustrie benennt. Zwar spielen auch die Energiekosten bei der Herstellung von Fahrzeugen sicherlich eine Rolle. Diese sind auch in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Diese bestimmen jedoch nicht die Wettbewerbsfähigkeit der Automobilindustrie, anders als etwa in der Chemieindustrie und weiteren energieintensiven Branchen. Klaus Fischer beklagt, dass keine Regierung, noch die IG Metall und der VW-Betriebsrat bislang davon Abstand genommen haben, die Transformation zu CO₂-armer Produktion zurückzunehmen. Meint er das wirklich ernst? Angesichts der alltäglich immer sichtbar werdenden verheerenden Auswirkungen des Klimawandels ist diese Argumentation unverantwortlich. Oder wünscht sich da jemand wieder die Zeiten des billigen russischen Erdgases zurück?
    • Frank Graf 14. Juli 2026 um 21:30 Uhr
      Was spricht denn angesichts der desaströsen ökonomischen Lage von Unternehmen und Bürgern gegen relativ günstiges russisches Erdgas? Weshalb wollen Sie, dass die russischen Energieunternehmen ihr Gas bzw. Erdöl ausschließlich an andere Kunden zu wechselseitigem Nutzen verkaufen? Und wie groß muss der Anteil des produzierenden Gewerbes, der durch die »Transformation« deutscher Provenienz aus dem Land getrieben wird, noch werden, damit die Temperaturen im nächsten Sommer niedriger ausfallen? Der Zusammenhang, auf den Klaus Fischer zu Recht verweist, ist evident: Die exklusive deutsche Variante der »Energiewende« führt in Tateinheit mit dem »Green New Deal« der EU (insbesondere dem fatalen EU-ETS, dem grotesken, CBAM (Carbon Border Adjustment Mechanism) genannten bürokratischen Versuch, den selbstverursachten wirtschaftlichen Schaden zu kompensieren, und den sog. »CO₂-Flottenzielen«) zu einer Deindustrialisierungsdynamik, welche die herrschende Klasse mit der endgültigen Schleifung des Sozialstaates, dem Aufbau eines militärisch-industriellen Komplexes und eines kafkaesken Überwachungsstaates beantworten möchte. Weshalb sollte die Arbeiterklasse ein Interesse an einer solchen für sie katastrophalen Entwicklung haben? Letzte Fragen: Weshalb organisieren die Gewerkschaften angesichts dieser Aussichten keine Großdemonstration gegen die Regierung in Berlin? Die Gewerkschaftskader werden doch nicht etwa kooptiert sein?
  • Wolfgang Schlenzig aus Berlin 13. Juli 2026 um 14:28 Uhr
    Was in dem Artikel nicht steht, aber für mich als Ingenieur ein interessanter Punkt in der ganzen VW-Leidensgeschichte ist, ist, dass der VW-Chef jetzt endlich eingesehen hat, dass VW betriebswirtschaftlichen Unsinn macht, seit Jahren, indem sie mindestens im Jahresrhythmus neue Autos rausbringen, die in fast allem anders sind als ihre Vorgänger, und damit hinsichtlich Planung, Einrichtung, Teile, Montage und Service eine Unmenge an Vorhalt von Werkzeugen und Teilen erfordern. Nun sah er ein, dass die Modellpalette um 50 Prozent reduziert werden muss. Das ist noch nicht genug.
    Und dass die Angebotskomplexität, also die Komponentenvielfalt, um 70 Prozent gesenkt werden muss. Das bringt nötige und richtige Einsparungen in Größenordnungen.
    Und apropos Werkschließungen. Kann sein, die Chinesen bezahlen VW alle Verluste und übernehmen dafür die zur Schließung in Rede stehenden Fabriken. Das bringt VW zwar die nötige finanzielle Befreiung, stellt ihm aber den besseren Konkurrenten direkt vor die Nase.
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