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Aus: Ausgabe vom 08.03.2019, Seite 5 / Inland
Autoindustrie

Krach in Wolfsburg

VW-Mehrheitseigner Wolfgang Porsche reitet Attacke gegen Betriebsrat. Konzern müsse auf Kürzungsprogramme setzen. Chinageschäft entscheidend
Von Stephan Krull
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Wolfgang Porsche führt sich nach Gutsherrenart auf (Porsche-Werk Zuffenhausen, 11.5.2017)

Im Dezember 2015, als der Abgasbetrug noch frisch und die Folgen unabsehbar waren, hatte Wolfgang Porsche Tränen der Rührung in den Augen bei einer Betriebsversammlung in Wolfsburg, als die Facebook-Gruppe »Wir halten zu VW, egal was passiert« vorgestellt wurde. Mit erstickender Stimme dankte er der Belegschaft, als ein T-Shirt mit dem Spruch »VW und IGM – ein Team, eine Familie« tausendfach verteilt wurde. Die Facebook-Gruppe ist nur noch ein Schatten ihrer selbst und die IG Metall wird von den wahren Verhältnissen eingeholt.

Vom Genfer Autosalon meldete sich der Sprecher des Porsche-Piëch-Clans am Dienstag abend mit einer Kriegserklärung an die Belegschaft, die Gewerkschaft und den Betriebsrat von VW: Behäbig seien die Wolfsburger Autobauer. »Ich habe ja nichts gegen Mitbestimmung, aber …«, so der Enkel von Ferdinand Porsche, dem Firmengründers der heutigen VW-Tochter, und mit zwölf Milliarden Euro Vermögen einer der reichsten Männer Deutschlands. Der ganze Clan ist insgesamt mehr als 40 Milliarden Euro schwer.

Die Fertigungstiefe müsse auf den Prüfstand. Der Autobauer bilde jedes Jahr 1.500 Lehrlinge aus, ohne zu wissen, wo sie eingesetzt würden. »Wir sind nicht das Paradies, sondern ein Unternehmen. Alle Investitionen müssen sich rechnen«, ließ er die Presse wissen – und meinte doch nur den Profit: Die für 2019 vorgesehene Ausschüttung von mehr als zwei Milliarden Euro an die Eigner ist ihm offensichtlich zu wenig.

Es folgte eine Breitseite gegen Beschäftigungssicherung und das Volkswagengesetz: »Als Anteilseigner kann ich nur mit Nachdruck darauf verweisen, dass wir flexibler und effizienter werden müssen. Wir geben eine Arbeitsplatzgarantie bis 2025 oder sogar bis 2028 und wissen nicht, was in zwei Jahren aus China kommt. Das ist für mich problematisch.«

Auch die Konzerntochter Audi habe »Speck angesetzt« und sei nicht mehr profitabel genug. »Der Vorstand muss jetzt verstärkt sparen und das Unternehmen schlanker aufstellen«, wetterte er. Neue Wettbewerber aus China kämen auf den Markt, deshalb müsse auch günstiger produziert werden.

Hiobsbotschaften für die hiesige Autoindustrie gibt es derzeit zur Genüge. Am Mittwoch warnte der Chef des chinesischen Volvo-Mutterkonzerns Geely, Li Shufu, am Rande des Nationalen Volkskongresses in Beijing vor einem drastischen Umbruch des größten Absatzmarktes. Diese Phase des Wandels werde in den nächsten drei bis fünf Jahren von Restrukturierung und auch Firmenpleiten geprägt sein. Für 2019 rechnet der Automobilverband in China mit einem stagnierenden Absatz, nachdem der Markt in der Volksrepublik 2018 um 6,8 Prozent geschrumpft war. Volkswagen versucht mit günstigen Modellen insbesondere jüngere Kunden in China zu ködern. Die Wolfsburger wollen im September mit dem chinesischen Partner FAW die Marke Jetta entwickeln, deren Fahrzeuge je nach Modell in einer Spanne von umgerechnet knapp unter 10.000 Euro bis 15.000 Euro zu haben sein werden. Später könnten auch Elektroautos hinzukommen.

Der Betriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh erwiderte, die Auszubildenden seien nicht das Problem. ­Stattdessen machten neue ­Prüfverfahren, verschobene Fahrzeugprojekte, ­Komplexität und der Abgasbetrug dem Konzern zu schaffen. Für all das ist das Management verantwortlich.

Nicht erwähnt hat der Betriebsrat Klimakollaps, Handelskrieg und Absatzrückgänge, die alle Hersteller und Zulieferer treffen. So ist die Schaeffler AG in Schieflage geraten (siehe jW vom 7. März) und Sachsen-Anhalts größter Autozulieferer IFA aus Haldensleben zum Sanierungsfall geworden. Mehrere tausend Arbeitsplätze sind betroffen.

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