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Literatur

Das wichtigste Buch

Eindrücke von der Internationalen Buchmesse in Guatemala-Stadt

Foto: Thorben Austen
Rigoberta Menchú beim Signieren ihrer Bücher

Am Dienstag wurde in Guatemala-Stadt die XXIII. Internationale Buchmesse (Filgua) eröffnet. Zu diesem Anlass hielten Minister der sozialdemokratischen Regierung von Bernardo Arévalo die bei derlei Anlässen weltweit üblichen Reden über die Wichtigkeit des Lesens, die hier freilich ein anderes Gewicht bekommen: »Wenn mich die Menschen fragen, warum wir Bücher produzieren in einem Land, in dem noch vieles fehlt, antworte ich, gerade in einem Land wie Guatemala ist die Verbreitung von Büchern wichtig«, sagte Luis Méndez Salinas, Minister für Kultur und Sport. »Die Zahl der Grundschüler, die gute Ergebnisse im Lesen erreichen, ist deutlich gestiegen«, erklärte die Bildungs­ministerin Anabella Giracca zufrieden. Denn Bücher sind in Guatemala wenig verbreitet und für die Masse der Bevölkerung keine Alltagsprodukte.

Staatschef Arévalo holte in seiner Ansprache weit aus in der Geschichte und erklärte das Popol Vuh (»Buch des Rates«/»Volksbuch«), der als heilig angesehene Schöpfungsmythos der Maya, zum »wichtigsten Buch Guatemalas«. Schließlich landete er bei modernen Formen des Lesens. »Ich persönlich bevorzuge das Buch in Papierform, aber auch digitale Bücher und Bücher in neuen technischen Formen, die wir heute noch gar nicht kennen, sind wichtig.«

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Ehrengäste der diesjährigen Buchmesse sind die Maya-Q’eqchi’ und Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchú Tum. Menchú begann ihre Rede mit einer zweiminütigen Ansprache auf Q’eqchi’, bevor sie ins Spanische wechselte. »In Guatemala leben die Enkel der universellen Zivilisation Maya. (…) In Guatemala wird immer gekämpft, wenn es Hass, Rassismus, Ungleichheit und Diskriminierung gibt.« Menchú wurde 1959 in einer armen indigenen Familie im Norden Guatemalas geboren, ihr Vater Vicente Menchú gehörte zu den Mitbegründern des Komitees für Bauerneinheit (CUC). Im Januar 1980 besetzten Aktivisten des CUC und Studenten der San-Carlos-Universität die spanische Botschaft, um auf gewaltsames »Verschwindenlassen« von Oppositionellen aufmerksam zu machen. Sicherheitskräfte stürmten das Gebäude, 37 Personen starben. »Mein Vater und seine Compañeros wurden lebendig verbrannt«, erklärte Menchú gegenüber jW. Auch ihre Mutter und ein Bruder wurden im Bürgerkrieg (1960–1996) ermordet, ein weiterer Bruder starb als Kleinkind an Unterernährung. Menchú floh Ende 1981 nach Mexiko. Ihre Biographie, die 1984 auch auf deutsch unter dem Titel »Rigoberta Menchú – Leben in Guatemala« erschien, machte sie weltberühmt. 1992 erhielt sie den Friedensnobelpreis, was den Prozess der Friedensverhandlungen zwischen Guerilla und guatemaltekischer Regierung beschleunigte; am 29. Dezember 1996 wurde ein Friedensvertrag unterzeichnet. Dessen 30jähriges Jubiläum ist ebenfalls Thema auf der diesjährigen Buchmesse.

Gastland ist diesmal die Bundesrepublik Deutschland. Die Initiative ging dabei von den Veranstaltern aus, sagte Sabine Eismann, eine Vertreterin der Deutschen Botschaft in Guatemala, gegenüber jW. Grund für die Einladung seien die »gute Zusammenarbeit mit der aktuellen Regierung und die lange Geschichte der Deutschen in Guatemala«. Vor 200 Jahren kamen erstmals deutsche Einwanderer in das 1821 von Spanien unabhängig gewordene Land, das damals Teil der Bundesrepublik von Zentralamerika war. Ab den 1870er Jahren gewannen die Deutschen immer mehr an ökonomischer Bedeutung und dominierten am Ende des Jahrhunderts den Kaffeeanbau in Alta Verapaz. Die ökonomische Entwicklung der Region führte etwa zum Bau der ersten, heute nicht mehr existierenden Eisenbahnlinien des Landes, ging aber mit enormer Vermögenskonzentration zugunsten weniger Familien einher. Indigene Organisationen werfen den Großgrundbesitzern Landraub und Ausbeutung vor, zwischen 1877 und 1944 war die Zwangsarbeit Indigener auf den großen Fincas sogar gesetzlich verankert. Vor dieser Geschichte wolle man »nicht die Augen verschließen. (…) Wir wissen, dass es die Vorwürfe von Verbrechen und dass es koloniales Denken gab«, so Eismann. Dies soll im Rahmen des umfangreichen Buchmesseprogramms in »einzelnen Veranstaltungen reflektiert werden, (…) unter Beteiligung indigener Stimmen«. Die parteinahen Stiftungen aller im Bundestag vertretener Parteien, außer der AfD, organisieren zudem eigene Veranstaltungen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.07.2026, Seite 11, Feuilleton

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