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Aus: Ausgabe vom 23.04.2026, Seite 2 / Ausland
»Lawfare« in Guatemala

Erhalten Sie Unterstützung von Präsident Arévalo?

Guatemala: Ein Vizeminister der linken Regierung ist seit einem Jahr in U-Haft. Ihm wird Terrorismus vorgeworfen, erklärt Lidia Tzunum
Interview: Thorben Austen
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Protestzug indigener Vertreter in Guatemala City (12.10.2023)

Ihr Ehemann Luis Pacheco und Héctor Chaclán sitzen an diesem Donnerstag seit genau einem Jahr in Haft. Wie kam es zu der Festnahme?

Als wir in der zweiten Jahreshälfte 2023 in Guatemala die Situation hatten, dass der Wahlsieg von Präsident Bernardo Arévalo nicht anerkannt werden sollte, haben unsere 48 Kantone, die indigene Selbstverwaltung im Landkreis Totonicapán, beschlossen, Straßen zu blockieren. Luis, damals Präsident der 48 Kantone, und Héctor als Finanzverantwortlicher haben gemäß den Vorgaben der Versammlungen gehandelt. Ich erinnere mich noch gut, wie Luis ein Hemd und eine Hose einpackte und sagte: »In zwei Tagen bin ich zurück.« Daraus wurde ein Widerstand von 106 Tagen, in denen das ganze Land paralysiert wurde und dem sich nahezu alle indigenen Völker anschlossen. Es hieß damals, gegen Luis wurde ein Haftbefehl ausgestellt. Ein paar Tage später kam an einem Abend Mitte Oktober die Nachricht, eine Spezialeinheit der Polizei nähere sich unserem Haus im Kanton ­Juchanep. Nachbarn haben mich und unsere vier Kinder aus dem Haus gebracht und versteckt.

Nach Arévalos Amtsantritt im Januar 2024 wurde Pacheco im August zum Vizeminister für nachhaltige Entwicklung innerhalb des Ministeriums für Energie und Bergbau ernannt. Bekommen Sie Unterstützung von der Regierung?

Nein, zwar wurde der Posten bisher nicht neu besetzt, aber Luis bekommt seit der Festnahme kein Gehalt oder andere finanzielle Zuwendungen von der Regierung. Wir unterstützen ihn und Héctor hier aus dem Landkreis mit Lebensmitteln und Kleidung, die wir ins Gefängnis bringen.

Die Verfolgung ging von der Generalstaatsanwältin María Consuelo Porras, einer erbitterten Gegnerin von Arévalo, aus. Der Posten wird jetzt turnusgemäß neu besetzt. Erwarten Sie Verbesserungen?

Wir hoffen das, sowohl in bezug auf den Prozess als auch auf die Entwicklung im Land, aber bisher ist noch zuwenig konkret. Das Verfahren gegen Luis und Héctor hat noch gar nicht begonnen. Sie sitzen in Untersuchungshaft, ihnen wird Terrorismus und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen.

Wie gestaltet sich die Unterstützungsarbeit?

Viele sind durch die Festnahmen verängstigt; dazu kamen zwei weitere Festnahmen im vergangenen Jahr. Ich bekomme Hilfe von Freunden und Nachbarn, aber es gibt auch Probleme. Meine Kinder wurden an der öffentlichen Schule hier im Ort gemobbt, viele Mitschüler bekommen ihre Informationen aus den sozialen Netzwerken. Da steht dann: »Luis Pacheco ist ein Terrorist.« Jetzt gehen sie auf die private Schule hier im Ort, dort sind weniger Schüler, daher ist es einfacher, aber es bedeutet auch höhere Kosten.

Es heißt oft, die 48 Kantone hätten eine »Führungsrolle« innerhalb der indigenen Selbstverwaltungsstrukturen.

Es stimmt, viele sehen uns als »großen Bruder« der indigenen Selbstverwaltung. Das liegt zum einen daran, dass die Selbstverwaltung hier sehr ausgeprägt ist und wir praktisch alles selbst regeln. Aber zum anderen vor allem, dass wir immer wieder gegen Gesetzesvorhaben demonstrierten und Straßen blockierten. Ich bin der Meinung, die Selbstverwaltung müsste noch ausgebaut werden, hin zu einer Autonomie und zur eigenen Kontrolle über unsere Ressourcen.

Der letzte große Protest vor dem Oktober 2023 war eine erfolgreiche Straßenblockade gegen ein Gesetz, welches informelle Verkäufer in das Steuersystem aufnehmen sollte. Aber wäre es nicht ein Fortschritt, den informellen Sektor zu legalisieren?

Aber wie läuft es hier? Die Leute verkaufen einen Sack Mais und kaufen davon Dinge des täglichen Bedarfs. Wenn sie dafür Steuern zahlen müssen, sind das erstens Kosten und zweitens sind viele überfordert. Gerade viele Frauen sind Analphabeten und wüssten gar nicht, was sie tun müssen. Auch ging es bei diesem Gesetz um den Schutz der Monopole: Uns sollte verboten werden, unseren traditionellen, selbstgemachten Atole (dickflüssiges Getränk, meist auf Maisbasis, jW) auf der Straße zu verkaufen, angeblich aus hygienischen Gründen. Das heißt, wir sollen dann die Varianten im Supermarkt kaufen, und die gehören den Oligarchenfamilien.

Lidia Tzunum ist die Ehefrau des politischen Gefangenen Luis Pacheco

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