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Aus: Ausgabe vom 28.02.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Sojaanbau in Brasilien

Indigene von Sojaanbau bedroht

Brasilien: Abholzung aufgrund der Expansion der Monokultur gefährdet Regenwald Amazoniens. Pflanzenölindustrie will Moratorium aufkündigen
Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro
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Ein Meer von Sojabohnenfeldern breitet sich in Amazonien aus: Erntemaschinen in Mato Grosso

Die reichen Naturschutzorganisationen Greenpeace, der WWF und The Nature Conservancy (TNC) schlagen auf der ganzen Welt Alarm. Dem Amazonasregenwald drohe ein neuer Abholzungsboom durch den Sojabohnenanbau in Brasilien. Denn der brasilianische Verband der Pflanzenölindustrie (ABIOV), der die großen Sojaproduzenten und Agrarhandelsunternehmen wie Bunge, Cargill und Amaggi vertritt, will das sogenannte Amazonas-Soja-Moratorium (ASM) aufkündigen. Das 2006 zwischen der Sojabranche, der brasilianischen Regierung, zivilgesellschaftlichen Organisationen, insbesondere Greenpeace, dem WWF und der US-amerikanischen Nature Conservancy geschlossene Abkommen sollte die weitere Expansion der Monokulturen im Amazonasgebiet verhindern. In dem Moratorium verpflichten sich die Unternehmen freiwillig, Sojabohnen weder zu handeln noch zu finanzieren, die auf Flächen angebaut werden, die nach dem Jahr 2008 durch Regenwaldabholzung in der Region entstanden sind.

Weniger bekannte Umwelt- und Menschenrechtsvereinigungen allerdings betrachteten das Abkommen von Anfang an eher als ein Feigenblatt für die Sojaindustrie und »Freibrief« für die weitere Vernichtung der Cerradogebiete in Zentral-, Nord- und Nordostbrasilien. So bezeichnete ein Bericht der brasilianischen Menschenrechtsorganisation Terra de Direitos das Sojamoratorium als »Greenwashing-Moratorium«. Tatsächlich hat es die Expansion der Sojaanbauflächen in ganz Brasilien nicht stoppen können und in der Amazonasregion bestenfalls verlangsamt.

Die Zahlen sprechen für sich: Im Jahr 2006 betrug die gesamte Sojabohnenanbaufläche in Brasilien rund 22 Millionen Hektar. Heute sind es 48,7 Millionen Hektar. Und ein Ende der Expansion ist nicht in Sicht. Auch im Amazonasgebiet nahm die Sojafläche seit 2006 weiter zu. Laut dem jüngsten offiziellen Bericht des Sojamoratoriums wurde der Sojaanbau im Amazonasbiom von 1,64 Millionen Hektar in der Erntesaison 2007/08 auf 7,28 Millionen Hektar in der Saison 2022/23 ausgeweitet, mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 403.000 Hektar pro Jahr. Dabei beschränkt sich die satellitengestützte Überwachung des Moratoriums lediglich auf 124 Gemeinden mit mehr als 5.000 Hektar Sojaanbaufläche. Die tatsächlichen Zahlen liegen deshalb noch weit höher.

Laut einem 2025 veröffentlichten Bericht des Agrarportals Brasilagro nahm die Sojabohnenfläche im Amazonasgebiet um über 20 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zu. Dabei verzeichnete der Bundesstaat Mato Grosso den größten Zuwachs mit 893.000 Hektar – hauptsächlich im Amazonasgebiet. Auch in Roraima gab es eine deutliche Zunahme um 98.000 Hektar. Noch vor rund 20 Jahren wuchs fast keine Sojabohne in dem nordamazonischen Bundesstaat.

In einem von Reporter Brasil vergangenen Dezember veröffentlichten Bericht aus Roraima beklagen die Indigenen aus 23 anerkannten Schutzgebieten, dass sie von einem Meer von Sojabohnenfeldern regelrecht eingekreist sind. Insgesamt 26 der 33 indigenen Gebiete in Roraima seien von Sojaplantagen umgeben, so die von Reporter Brasil veröffentlichte Studie der Wissenschaftler Barbara Lima-Silva und Carson Silveira vom Instituto Serrapilheira.

Ureinwohner der Völker Macuxi und Wapichana fordern deshalb eine Vergrößerung ihrer demarkierten Stammesgebiete, um ein weiteres Vordringen der Monokulturen zu verhindern und um ihre Dörfer vor Pestiziden zu schützen. Die Sprühflugzeuge der Großgrundbesitzer verteilten die Ackergifte über den Sojafeldern und flögen dann über die Dörfer zurück, die dadurch ebenfalls dem Gift ausgesetzt seien, beklagt Macuxi-Häuptling Jabson Silva von der Indigenengemeinde Morcego. »Einige Kinder bekamen Juckreiz am ganzen Körper und in den Augen, andere litten unter Atemnot.«

Der Hintergrund für den geplanten Ausstieg der Agrarkonzerne aus dem Sojaabkommen ist ein bereits 2024 von der Regierung des Bundesstaats Mato Grossos, in dem das meiste Soja produziert wird, verabschiedetes und zum 1. Januar 2025 in Kraft getretenes Gesetz, das die privatwirtschaftlichen Teilnehmer am Sojamoratorium bestraft und um saftige Steuervorteile bringt. Das Landesgesetz 12.709/2024 verbietet nämlich ausdrücklich den Zugang zu »Steuervergünstigungen und die Vergabe von öffentlichem Land an Unternehmen, die an Abkommen, Verträgen oder anderen nationalen oder internationalen Verpflichtungen teilnehmen, welche die Ausweitung landwirtschaftlicher Aktivitäten in Gebieten einschränken, die nicht durch spezifische Umweltgesetze geschützt sind.«

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